Cambridge: Überaus klug, grün und zeitlos

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Das englische Cambridge vereint ehrwürdige Tradition und studentisches Leben in einer einzigartigen Atmosphäre voller Geschichte.

Zwischen gotischen Kapellen, legendären Colleges und lässigen Punting-Fahrten entfaltet sich im englischen Cambridge eine Atmosphäre, die zugleich ehrwürdig, verspielt und herrlich britisch ist.

Die Geburtsstunde von Cambridge klingt weniger nach ehrwürdiger Tradition als nach einer Episode aus einer historischen Studentenserie: Anfang des 13. Jahrhunderts wurden einige Oxford-Studenten kurzerhand aus der Stadt geworfen – offenbar war die lokale Bevölkerung nicht ganz so begeistert von nächtlichen Debatten, philosophischen Wortgefechten und studentischer Lebensfreude. Die Vertriebenen fanden im beschaulichen Cambridge Zuflucht, das damals wohl kaum ahnte, dass es bald zur intellektuellen Großmacht aufsteigen würde. Mit der Gründung von Peterhouse Colleges im Jahr 1284 begann eine akademische Erfolgsgeschichte, die sich über Jahrhunderte fortschrieb und heute in 31 Colleges sichtbar wird – kleine Königreiche, die sich über die Stadt verteilen und jeweils ihre eigene Aura pflegen.

Zwischen Mauern, die Genies großzogen

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Das King’s College ist mit seiner Kapelle das Wahrzeichen von Cambridge.

In diesen ehrwürdigen Gebäuden wandelten Persönlichkeiten, die die Welt nachhaltig prägen sollten. Erasmus von Rotterdam feilte hier um das Jahr 1510 an seinen humanistischen Gedanken, während Isaac Newton ein Jahrhundert später Formeln entwickelte, die bis heute Schulklassen in kollektive Verzweiflung treiben. Wer heute am River Cam entlangschlendert, spürt diese Gelehrsamkeit in der Luft – oder zumindest den leisen Stolz der Enten, die zu wissen scheinen, dass sie auf akademisch geweihtem Wasser paddeln.

Colleges wie kleine Königreiche

Die 31 Colleges verteilen sich über das Stadtgebiet.

Entlang der „backs“, jenen Grünstreifen am Fluss, präsentieren sich die Colleges mal streng und monumental, mal verspielt und traditionsbewusst. Das King’s College etwa wirkt fast aristokratisch. Zu seinen namhaften Absolventen zählen der erste britische Premierminister Sir Robert Walpole, Geheimdienstgründer Francis Walsingham und Schriftsteller Salman Rushdie. Die gotische Kapelle mit ihrem Fächergewölbe gilt als Meisterwerk des Perpendicular Style – und das Rubens-Gemälde über dem Altar ist ein Schatz, der selbst Kunstmuffel kurz ehrfürchtig werden lässt.

Venedig lässt grüßen

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Die Bridge of Sighs erinnert an Venedig.

Trinity College, 1546 gegründet, beeindruckt mit der prächtigen Bibliothek von Christopher Wren. Im St. John’s College zieht die Bridge of Sighs – inspiriert von der venezianischen Seufzerbrücke – Besucher magisch an. Und die Mathematical Bridge am Queen’s College sorgt für Staunen, denn sie soll angeblich ohne einen einzigen Nagel auskommen.

Cambridge aufs Haupt geschaut

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Die verschiedenen Colleges sind in prachtvollen Bauten untergebracht.

Kurios wird es auch beim Blick nach oben: An manchen Colleges erinnern kleine Steintierchen, groteske Wasserspeier und rätselhafte Wappen daran, dass selbst ehrwürdige Orte Humor besitzen. Und wer genau hinhört, vernimmt vielleicht das Glockenspiel der Great St Mary’s Church, dessen Turm einen der besten Blicke über die Dächer der Stadt bietet – vorausgesetzt, man scheut die schmale Wendeltreppe nicht.

Museale Besonderheiten

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Entlang des Cam eröffnen sich immer wieder großartige Perspektiven.

Auch die Museen der Stadt geben sich nicht mit Mittelmaß zufrieden. Das Fitzwilliam Museum präsentiert französische Impressionisten, antike Kostbarkeiten und ostasiatische Kunstwerke. Die Kettle’s Yard Gallery widmet sich der modernen Kunst, während das Museum of Archaeology and Anthropology Fundstücke aus aller Welt zeigt. Wer es frostiger mag, taucht im Polar Museum in die Geschichte der Südpol-Expeditionen ein – Gänsehaut garantiert, ganz ohne Minusgrade.

Cambridge von der schönsten Seite

Beim Punting zeigt sich die Universitätsstadt von ihren schönsten Seite.

Ein Cambridge-Besuch ohne Punting ist wie Tee ohne Scones – möglich, aber sinnlos. Die Fahrt im Stechkahn gehört zur Stadt wie die Colleges selbst. Auf dem River Cam gleiten die Boote dahin, gelenkt von Bootsführern, die mit ihren langen Stangen fast so lässig wirken wie venezianische Gondolieri – nur mit britischem Understatement und wetterfesterer Kleidung. Vom Wasser aus zeigt sich Cambridge von seiner poetischsten Seite: Weiden neigen sich über den Fluss, die Colleges spiegeln sich im Wasser, und die Stadt scheint für einen Moment in einem eigenen Rhythmus zu schwingen.

Grüne Oasen

An warmen Tagen tummeln sich zahllose Punts auf dem Cam.

Zwischen all der Gelehrsamkeit überrascht Cambridge mit erstaunlicher Gelassenheit. Der Botanische Garten der Universität ist eine grüne Weltreise im Taschenformat, in der sich alpine Pflanzen, tropische Gewächse und englische Rosen friedlich nebeneinander entfalten. Auf den Jesus Green oder Parker’s Piece, einer Wiese, auf der einst die Regeln des modernen Fußballs formuliert wurden, sitzen Studierende mit Laptops im Gras; wiederum andere picknicken hier entspannt, während Radfahrer lautlos vorbeiziehen. Fahrräder sind hier weniger Fortbewegungsmittel als Lebenshaltung: Sie lehnen an Laternen, blockieren Zäune und tauchen manchmal in schwindelerregender Zahl aus unscheinbaren Gassen auf.

Zwischen Tradition und Gegenwart

An Buchfachgeschäften mangelt es in der Universitätsstadt nicht.

So traditionsbewusst Cambridge auch wirkt, die Stadt ist alles andere als verstaubt. In ehemaligen Lagerhäusern sitzen heute Start-ups, Cafés servieren Flat Whites statt Filterkaffee, und abends füllen sich Theater und kleine Live-Musik-Clubs. Die Nähe zu London macht Cambridge kosmopolitisch, ohne ihm seine entspannte Eigenart zu nehmen.

Von Scones bis Pubkultur

Der Rubens Altar in der Kapelle des King’s College.

Natürlich geht ein Besuch in Cambridge auch durch den Magen. Ein Cream Tea mit Scones, Clotted Cream und Marmelade ist Pflicht – egal, in welcher Reihenfolge man die Zutaten schichtet (eine Frage, an der sich übrigens ganze Grafschaften scheiden). Fish & Chips schmecken am besten frisch und heiß, und ein Pint in einem der traditionsreichen Pubs rundet den Tag perfekt ab.

Historie an der Kneipendecke

Die Mathematical Bridge am Queen’s College kommt ohne einen Nagel aus.

Besonders legendär ist The Eagle, ein Pub, in dem sich Wissenschaftsgeschichte und Kneipenatmosphäre auf eigentümlich britische Weise vermischen. Hier verkündeten Watson und Crick im Jahre 1953 bei einem Bier, sie hätten „das Geheimnis des Lebens“ entschlüsselt – die Entdeckung der DNA-Struktur. An der Decke verewigten sich während des Zweiten Weltkriegs Luftwaffenpiloten mit ihren Namen und Staffeln, eine Art improvisiertes Geschichtsbuch über den Tresen hinweg. Geschichte hängt in Cambridge eben nicht nur in Museen, sie klebt manchmal auch an der Decke…

Informationen: www.visitcambridge.org

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Buchtipp für Freunde britischer Lebensart

TimeObwohl der Titel von Time for tea, sex and fun auf Englisch ist, wirft das amüsante wie lehrreiche Buch auf Deutsch mit viel Esprit einen liebenswerten Blick auf unsere englischen, schottischen und walisischen Freunde.

Demnach ist klar, dass es alle Arten von Briten gibt – große und kleine, hübsche und hässliche, dicke und dünne, freundliche und aggressive. Einige haben blonde Haare, einige braune, einige schwarze oder graue. Einige gar keine. Besonders in sonnigen Gefilden ist der ansonsten eher nordisch-blasse Brite daran zu erkennen, dass er nach einem Sonnenband wie ein abgebrühter Hummer aussieht, sich aber nichtsdestotrotz lustig weiter Tag für Tag in die pralle Sonne legt.

Doch der Brite ist nicht nur gegen Hitze resistent, auch jegliches Kälteempfinden scheint ihm fremd. Wer diese stereotypen Ansichten teilt oder Bestätigung für diese sucht, wird in Time for tea, sex and fun von Mortimer Reisemagazin Redakteur Karsten-Thilo Raab ebenso fündig werden, wie derjenige, der seine alten, verkrusteten Ansichten über die Briten endlich ins rechte Licht rücken möchte. Auf jeden Fall dürfte in dem Buch viel Interessantes, Kurioses, Unterhaltsames und Wissenswertes über die Briten und ihre Lebensgewohnheiten zu entdecken sein.

Erhältlich ist Time for tea, sex and fun (ISBN 978-3711527257) von Karsten-Thilo Raab für 18 Euro im Buchhandel oder online bei allen gängigen Versandbuchhändlern wie Thalia, JPC oder Amazon.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.