
Wie ehedem das alte Rom wurde die Stadt Edinburgh auf sieben Hügeln angelegt, allerdings im Gegensatz zum antiken Vorbild nachweislich erst gegen Ende des 11. Jahrhunderts, als die Burg auf dem Basaltkegel des Castle Rock erstmals urkundliche Erwähnung findet. Seit 1437 die Hauptstadt Schottlands prägte Theodor Fontane um 1860 den Begriff „Athen des Nordens“. Der Schriftsteller schuf damit, möglicherweise eher unbedacht, während seiner Reise einen mediterranen Brückenschlag, der die beliebte und gern besuchte Metropole bis heute begleitet.

Fontane nahm gleichsam Bezug auf die Architektur der zu dieser Zeit neu entstandenen New Town Edinburghs, die sich stadtplanerisch an historischen, vornehmlich griechischen Vorbildern orientierte. Auf dem Calton Hill, einem der sieben Edinburgher Hügel, entstand gleich eine ganze Reihe markanter Gebäude. Allen voran das der Akropolis ähnelnde National Monument, dessen Weiterbau 1830 nach nur knapp vier Jahren aus finanziellen Gründen eingestellt, somit zur unvorhergesehenen Bauruine wurde und das mit seinen zwölf vorhandenen Säulen nun geradezu grandios entrückt und monumental kulissenhaft auf der Höhe über der Stadt brilliert. Ursprünglich sollte es, dann als komplettes Bauwerk, als Gedenk- und Grabstätte für die Gefallenen der Napoleonischen Kriege und für angesehene Personen des Landes dienen.
Geschichtsträchtiger Hügel

Neben dem großen Stadtobservatorium, ragt auf dem Calton Hill zudem das 32 Meter hohe, einem Leuchtturm nicht unähnliche Nelson Monument heraus. Es gedenkt gleich neben der schottischen Akropolis dem bei der Schlacht von Trafalgar siegreichen Admiral Nelson. 1852 erfolgte in dem schmalen dünnen Turm die Installation eines „Zeitballes“. Dieser löste automatisch um ein Uhr mittags aus und fiel hinab, diente somit als sichtbares Zeichen den Fischern im Hafen von Leith zum genauen Zeitabgleich, doch mussten sie zu diesem Zweck just in diesem Moment zum Calton Hill hinaufschauen. Schon bald ersetzte ein akustisches Signal dieses Verfahren, dass – traditionsbewusst und attraktiv für Besucher – heute noch tagtäglich in Form der „one o´clock gun“ vom Edinburgh Castle zelebriert wird.

Der Calton Hill dient nicht nur als populärer Aussichtspunkt über die Stadt, ikonisch der Blick über den Uhrenturm des Balmoral Hotels, die Princes Street mit dem Scott Monument und die Princes Street Gardens hinüber zur Altstadt und dem darüber thronenden Edinburgh Castle, sondern auch nordwärts nach Leith, zum Hafen und der scheinbar in greifbarer Nähe liegenden Nordseeküste. Alljährlich aber findet auf der historisch getrimmten Edinburgher Bühne in gut hundert Metern Höhe ein fulminantes Feuerfestival statt: Beltane, ein altes keltisches Ritual aus der Eisenzeit, das höchst facettenreich die Geburt des Sommers und seine unbändige Fruchtbarkeit und Liebe zelebriert.
Die etwas andere Mai-Feier

Beltane bedeutet frei übersetzt „leuchtendes Feuer“. Dieses Feuer steht gleichsam für den Wechsel im Jahreslauf der Kelten vom verhaltenen, zart erblühenden Frühjahr zum durch strahlenden Sonnenschein kraftvoll überbordenden Sommer. Dabei legen die Veranstalter Wert darauf zu unterstreichen, dass sie nicht einfach alte Riten imitieren, sondern in zeitgemäßer Interpretation den Geist und die einzigartige Aura darstellen.

In der Nacht zum 1. Mai, bei uns zuweilen als Walpurgisnacht, als wilder Hexentanz gefeiert, vermählen sich die Maikönigin und der Maikönig, der an der Akropolis als „grüner Mann“ gezeigt wird. Bis es dazu aber kommt, vollziehen teils abenteuerlich, beinahe rüde maskierte und kostümierte Figuren und Gruppen nach Einbruch der Dunkelheit rund um die historischen Säulen wilde Choreographien zum eindringlich stampfenden Rhythmus der Trommeln.
Inszenierte Scharmützel

Wenn die Nacht sich über dem Calton Hill senkt und die untergehende Sonne die Aussichten für einige Minuten zauberhaft vergoldet, kommen die mehr als 300 Festival-Teilnehmer der Beltane Fire Society, die 1988 die Ende des 19. Jahrhunderts aussterbende Tradition wieder zum Leben erweckte, allmählich zusammen, um die letzten Vorbereitungen ihres fulminanten Auftretens zu treffen. Schon in voller Montur, aufgetakelt in üppiger Schönheit wie absurder Hässlichkeit, proben sie letzte Schritte und Bewegungen unter den neugierigen Augen der immer zahlreicher den Schauplatz erreichenden Zuschauer, die bereits die schwelende Spannung der folgenden Stunden spüren können.

Mit dem Entfachen der ersten Fackel zwischen den Säulen der Akropolis beginnt die Prozession, angeführt von der Mai-Königin, die elegant mit ihrem weiß gekleideten Gefolge die Stufen zur wartenden Menge hinabschreitet. Doch ihr Weg zum Ziel ist kein leichter. Er ist gespickt mit zahlreichen Charakteren, die sie und ihre Gefährten ein ums andere Mal am Fortkommen hindern, den Beginn des Sommers stören wollen. So folgen theatralisch inszenierte Scharmützel, wogt das Schicksal hin und her bis es zum großen Showdown mit Feuerwerk und Vereinigung von Mensch und Natur kommt. Im Anschluss ziehen die jeweiligen Gruppen weiter, präsentieren in tänzerischer Leichtigkeit ihre spektakulären Künste im Umgang mit offenem Feuer, dass sie ebenso behend wie kunstvoll und artistisch um sich herumwirbeln. Noch lange hallt der Beifall des Publikums, der dumpfe Ton der Trommeln nach und die letzte Fackel verlischt erst, wenn in der Ferne schon der Morgen graut.

Allgemeine Infomation: www.visitscotland.com
Termin: Beltane 2026 findet statt auf dem Calton Hill in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai. Tickets zu Preisen ab GBP 15 können online im Voraus gebucht werden, sind u.U. auch noch an der Abendkasse verfügbar. Festes Schuhwerk ist unbedingt zu empfehlen, da das Gelände recht uneben ist. Zudem empfiehlt sich warme, eventuell auch regensichere Kleidung. Für Fotos sollte auf den Einsatz von Blitzgeräten verzichtet werden. Weitere Informationen unter beltane.org.

Anreise: Eurowings verbindet viele deutsche Flughäfen mit der schottischen Hauptstadt Edinburgh. Vom Flughafen verkehren Busse oder die Straßenbahn in die Innenstadt.
Essen und Trinken: Das kulinarische Angebot in Edinburgh ist überbordend, daher nur eine Empfehlung nah am Calton Hill in stilvoller Atmosphäre das Liberty Cafe, Bar & Brasserie im APEX Waterloo Place Hotel am Waterloo Place. Auf dem Calton Hill ist während des Festivals ebenso rustikales Fast Food im überschaubaren Maß vorhanden.

Unterkunft: Aus der Vielzahl an Unterkunftsmöglichkeiten in der schottischen Hauptstadt sei hier lediglich das recht kostengünstige hub by Premier Inn empfohlen mit zweckmäßigen Zimmern und günstiger Lage sowohl zur Royal Mile als zum Bahnhof Waverley und zum Calton Hill, der in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar ist.

Udo Haafke
arbeitet als freier Fotograf und Bildjournalist mit eigenem Redaktionsbüro. Neben zahlreichen Fotoausstellungen im In- und Ausland hat er sich als Autor von Reiseführern und Bildbänden zu regionalen, nationalen und internationalen Themen einen Namen gemacht.