
Nach zahllosen Nächten in diversen Hotelbetten dieser Welt – von der spartanischen Absteige bis zur plüschigen Fünf-Sterne-Residenz – sollte mal ein Phänomen in den Fokus gerückt werden, das so manche die Paarbeziehung härter auf die Probe stellt als eine Bauanleitung für eine Schrankwand aus einem schwedischen Möbelhaus: Die singuläre Bettdecke.
Man betritt das Domizil auf Zeit, der Concierge lächelt, das Gepäck ist verstaut, der Blick fällt auf das King-Size-Dream-Bett und… Moment mal. Nur eine Decke? Eine! Die breiten sich dann da auf gut zwei Metern Liegewiese aus, wie ein einsamer Eistänzer auf einer viel zu großen Fläche, und suggerieren eine Harmonie, die in der Nacht unweigerlich zu einem epischen Kampf um thermische Oberhoheit führt.
Die Temperatur-Tyrannei der Nacht
Dies ist der Moment, in dem die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau in aller Deutlichkeit zutage treten. Während sie – statistisch gesehen in der Regel etwas kleiner, aber oft mit einem höheren Wärmebedürfnis – sich am liebsten in den Stoff einrollt, beginnt er wegen des fehlenden Deckenanteils zu fieren.
Die Folge: Der nächtliche Decken-Rumble. Eine Art lautloser, schlaftrunkener Kung-Fu-Kampf, bei dem Gliedmaßen zu Hebeln werden und die Decke als einziger, umkämpfter Schatz hin und her gezerrt wird. Das Ergebnis ist meist, dass einer von beiden irgendwann mit einem Kälteschock erwacht, während der andere selig und zu warm in einem Decken-Hafen liegt.
Ein Akt der Hotellerie-Ökonomie
Bevor wir nun dem internationalen Hotelkartell unterstellen, sie wollen Beziehungen sabotieren – was ja angesichts der mitunter horrenden Minibar-Preise durchaus im Bereich des Möglichen liegt – sehen wir uns die wahren Gründe an. Und die sind, Überraschung, weniger romantisch und mehr: pragmatisch-ökonomisch.

Da ist zunächst das Design-Diktat, sprich der sogenannte „Clean Look“. Eine große Decke, ordentlich über das Bett drapiert, ergibt schlicht ein einheitliches, aufgeräumtes Bettbild. Das sieht auf den Hochglanzfotos der Hotel-Webseite einfach besser aus als zwei knubbelige Einzeldecken. Der Ästhetik wird die Funktion untergeordnet.
Hinzu kommt der Putz-Turbo. Eine Decke zu machen bzw. zu richten, geht schneller, als zwei Decken zu arrangieren, zu glätten und so zu tun, als hätten die Gäste die Nacht nicht in einem Kampf verbracht, der von der CIA als Foltermethode eingesetzt werden könnte. Zeit ist schließlich Geld. Und ein paar Putzminuten sparen fast schon mehr als eine Decke kostet.
Oftmals sind die Doppelbetten zudem nur zwei zusammengeschobene Einzelbetten. Eine große Decke kaschiert die ungeliebte Besucherritze und ermöglicht dem Hotel, dasselbe Zimmer wahlweise als Doppelzimmer oder als Twin-Room mit zwei Einzelbetten zu vermieten. Maximaler Profit bei minimalem Inventar.
Die Reisetipp-Prämisse
Nun, da die Verschwörung enttarnt haben, stellt sich die Frage: Was tun? Sollten sich die Paare trennen oder eine eigene Reisedecke kaufen und im Handgepäck mitführen? Nein, werte Reisende, das wäre zu drastisch. Der einzig wahre Tipp: Sofort beim Check-in – also bevor auch nur einen Fuß in das Zimmer gesetzt wird –nach einer zweiten Decke fragen. Ja, das klingt nach einer Zumutung, einer Sonderanforderung, nach einem Bruch mit der visuellen Perfektion des Housekeepings. Aber es ist der nächtliche Frieden, der ansonsten auf dem Spiel steht.
Sollten einem die Rezeptionsmitarbeiter mit einem Stirnrunzeln begegnen, sollte einfach eine berühmte, gleichwohl imaginäre Schlafforscher-Studie zitiert werden oder, noch besser, man murmelt etwas von „kulturellem Bedürfnis nach skandinavischer Schlaf-Autonomie“. Das wirkt immer. Denn wenn schon die Nächte nicht im eigenen Bett verbracht werden müssen, dann wenigstens nicht frierend und um die letzte Stofffaser ringend. In diesem Sinne: Gute Reise und möge das Decken-Glück stets auf Ihrer Seite sein!
Buchtipp: Amüsanter Blick unter die Bettdecken
Üblicherweise sind Betten eher ruhig; geben keine Töne von sich. Allenfalls mal ein Knarren oder Knacken. Nicht so das überaus komfortable King-Size-Bett aus „Zimmer 183“ in einem Fünf-Sterne-Superior-Hotel. Die Luxusschlafstatt hat durchaus ein großes Mitteilungsbedürfnis und dies nicht nur, weil auf ihm nahezu alles von Liebes- bis hin zu Mordlüsten ausgelebt wird.
Die selbst aufgelegte Diskretion will dem Zimmer 183 jedoch nicht ganz gelingen, wenn es behauptet: „Obwohl ich als King-Size-Bett in punkto Liebesleben wohl eher einem Klosterbruder oder Eremiten gleiche, habe ich diesbezüglich viel erlebt. Normalerweise kommt nichts über derartigen Schweinkram über meine Lippen. Aber da wir ja hier quasi unter uns sind, denke ich, kann ich zumindest ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern. Wobei ich mich natürlich absolut darauf verlassen können muss, dass alles, wovon ich hier berichte, streng vertraulich behandelt wird. Schließlich will ich meinen Job nicht verlieren und irgendwo als Schlafunterlage für eine sabbernde Dogge enden.“
Augenzwinkernde Hommage an die Hotels dieser Welt
Unabhängig davon hat das durchaus charmante wie eloquente Bett seine nächtlichen Besucher stets fest im Blick, verrät dezent ihre kuriosen Vorlieben und Abneigungen, erzählt von den unterschiedlichsten Gestalten, die sich hier für eine Nacht betten, sowie von deren bisweilen absurden Schlafgewohnheiten und Dingen, die die zahlende Kundschaft im und mit dem Zimmer sowie dem Bett anstellen.
Kurzum, „Zimmer 183“ ist eine augenzwinkernde Hommage an die Hotels dieser Welt, bei der sich ein jeder, der schon mal in einem mehr oder weniger luxuriösen Hotel übernachtet hat, ein wenig ertappt fühlen dürfte.
Erhältlich ist Zimmer 183: Geheimnisse unter der Bettdecke (ISBN 978-3-939408-51-2) von Karsten-Thilo Raab als Hardback für 22 Euro im stationären wie im Online-Buchhandel oder versandkostenfrei direkt beim Westflügel Verlag.
Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.
