Von 21. März 2013 Mehr →

Bart-Tourismus am Bosporus

Für viele Männer in der Türkei arabischen Welt ist die Haarpracht im Gesicht ein Symbol der Männlichkeit. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Für viele Männer in der Türkei arabischen Welt ist die Haarpracht im Gesicht ein Symbol der Männlichkeit. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Beim Barte des Propheten! Was ist den da in der Türkei los? Den dortigen Mannsbildern lüstert es als Symbol ihrer Männlichkeit nach einer Oberlippenbehaarung. Damit sind sie scheinbar nicht allein. Auch in der arabischen Welt gehört ein Schnauzer zum Chic. In der Regel heißt es bei männlichen Erdbewohnern spätestens in oder nach der Pubertät: „Kommt Zeit, kommt Bart“. Doch ebenso wie es holde Jünglinge mit wachsender Fleischmütze gibt, finden sich offenbar zahlreiche Zeitgenossen mit kahlem Zwischenraum zwischen Nase und Oberlippe. Statt des buschigen Tropfenfängers ist dort schlichtweg nichts. Und da will auch nichts wachsen. Da fühlt sich ein Bartloser schnell mal bloß gestellt.

Es muss ja nicht gleich ein Heiner-Brand-Gedächtnis-Busch sein, der für jede Laus so riesig wirkt wie ein gigantischer Gesichtsdschungel. Der ein oder andere mag das nicht vorhandene Bartwachstum als Segen empfinden, spart es doch lästige Rasierzeit. Für unsere türkischen Freunde und viele Männer in der arabischen Welt ist die Haarpracht im Gesicht jedoch eine Frage der Ehre und ein Symbol der Männlichkeit. Und so etablieren sich in der Türkei mehr und mehr Kliniken, die Bart-Transplantationen vornehmen. Mehr als 250 solcher Einrichtungen soll es allein in Istanbul geben. Und sie alle erfreuen sich wachsender Beliebtheit – vor allem bei Leuten, bei denen nichts wächst.

Der Bart-Tourismus boomt am Bosporus. Ab rund 2.000 Euro werden dort Pauschalangebote mit Anreise, Übernachtung und Barthaar-Implantation feilgeboten. Ein Segment, das weite Teile der Tourismusbranche bis dato völlig vernachlässigt haben. Gut, neben Wellness-Reisen gilt auch der Gesundheitstourismus seit Jahren als Wachstumsmarkt. Da liegt der Fokus aber zumeist auf preiswertem Zahnersatz oder Brustvergrößerungen. Haarige Zeiten also in der Türkei. Spannend ist die Frage, ob es sich bei den eingepflanzten Schnauzbärten um Eigenhaarinplantate handelt – beispielsweise des eigenen Haupthaares, des Brusttoupet oder des Rückenflaums? Oder wird hier auf Kunsthaar gebaut?

Thekenbrust & ZackendruseVielleicht entwickelt sich im Zuge der türkischen Bartsucht auch noch ein ganz neuer Geschäftszweig, bei dem Männer mit einem Rauschbart im Weihnachtsmannstil gegen Bares zum Barthaarspender werden. Also, ich wäre bereit. Ich würde, wenn der Preis stimmt, meine Gesichtbehaarung für ein paar Wochen wachsen lassen. Für die Kohle könnte ich mir dann endlich ein Hilfsmittel kaufen, um das Abwandern meines Haupthaares Richtung Nackenfalte einzudämmen. Andererseits, wie sagte schon Mahatma Gandhi? Wenn die Haare für etwas gut wären, wären sie im Kopf und nicht auf dem Kopf. Was irgendwie wohl auch für Schnauzbärte gilt. Dann natürlich im statt vor dem Mund.

Buchtipps: Karsten-Thilo Raab: Thekenbrust & Zackendruse, Westflügel Verlag, ISBN 978-3-939408-11-6, 12,50 Euro. Erhältlich ist das Buch im Buchhandel oder direkt beim Verlag.

Karsten-Thilo Raab: San Diego Waldfried,  (ISBN: 978-84-9015-620-9). Erhältlich ist der Kolumnenband im Buchhandel, direkt beim Verlag oder online zum Preis von 20,90 Euro.  

Archiviert unter Europa, Panorama, Türkei