Salzburg – mehr als nur ein Mozartkugel-Lager

Als Paul Fürst zu Mozarts 100.Geburtstag die gleichnamige Praline kreierte und auf den Markt brachte, konnte er noch nicht ahnen, welche Auswirkungen in Sachen Marketing das in ferner Zukunft haben würde. Für das schmackhafte Confiserie-Produkt im silbernen Papier errang er zwar 1905 beim Herbstsalon in Paris eine Goldmedaille, doch blieb es zunächst nur leckeres Naschwerk. Mittlerweile ist die süße Kugel im Stadtbild allgegenwärtig, wie alles andere rund um den großen Komponisten. Salzburg hat mit ihr eher zufällig eine Marke bekommen, einen Stempel aufgedrückt, welcher der viertgrößten Stadt Österreichs beinahe die Luft zum Atmen zu nehmen drohte.

Tradition und ein kräftiger Schuss Konservativismus bewirken ein Übriges. Die Bürger Salzburgs haben sich damit abgefunden und die Reduktion auf das Attribut Mozartstadt als Tatsache hingenommen, denn auf der touristischen Ebene funktioniert sie ganz ausgezeichnet und sehr zum Wohle aller. Man denke nur an die großartigen Veranstaltungen der alljährlichen Festspiele im Sommer, die unter anderem in der spektakulären Felsenreitschule zur Aufführung gebracht werden. Das faszinierende Bühnenszenario mit den auf drei Etagen angelegten Arkadengängen im Felsen bekommt just eine moderne verschiebbare, von außen jedoch kaum wahrnehmbare Überdachung.

Neuen Strömungen stehen die Salzburger demzufolge eher kritisch und zurückhaltend gegenüber, denn Veränderungen bedeuten ja auch ein mögliches Umdenken, eine Neuorientierung und ein Brechen mit geliebten Gewohnheiten. Sei es nun in der Architektur, der Kunst, in der Musik oder schlicht im Alltag.

Balkenhols goldene Kugel, die Sphaera, auf dem Kapitelplatz jedenfalls, auf deren höchstem Punkt die Figur eines Mannes steht, dürfte bei ihrer Einweihung nicht auf ungeteiltes Echo gestoßen sein, kontrastiert sie doch recht deutlich mit den sonst vorherrschenden barocken Formen und Linien des Altstadtkerns. Der riesige, neun Meter hohe goldglänzende Ball ist Teil eines auf 10 Jahre angelegten Kunstprojektes der Salzburg Art Foundation, die mit modernen und zeitgenössischen Ideen eingefahrene Sichtweisen zu erneuern sucht und demonstrativ mit dem bekannten Stadtbild bricht. Diese offensichtlichen Veränderungen beleben das Stadtzentrum nun auf ihre ganz spezielle Weise.

Ganz nebenbei verschaffen sie den fotografierenden Besuchern, davon gibt es tagtäglich Unmengen, komplett neue Bildideen. Altasgleich positionieren sie sich zum Ablichten unterhalb der güldenen Blase, milde belächelt von den Umstehenden und den Beobachtern des angrenzenden Schachspiels. Auch die überdimensionale Marmorbüste des Mädchens Awilda, ein Werk des spanischen Bildhauers Jaume Plensa im Dietrichshof der Juridischen Fakultät der Universität Salzburg, die durch ihre besondere perspektivische Beschaffenheit und weiche Oberfläche viele Blicke auf sich zieht, gar zur sanften Berührung reizt, gehört in dieses Genre.

Die vor sich gehenden, architektonischen Veränderungen sind nicht immer sofort ersichtlich, nicht derart prägnant wie etwa die leuchtend rote Fassade des Künstlerhauses mit seinem ungewöhnlichen Galeriekonzept zur Förderung junger Künstler in der Hellbrunner Straße am Rande der Altstadt. Oder der streng kubistische Zweckbau des Museums der Moderne hoch oben auf dem Mönchsberg mit seinen großen internationalen Kunstausstellungen, das so ganz nebenbei einen herrlichen Ausblick auf den als UNESCO-Welterbe zertifizierten Altstadtkern bietet. So verbergen sich die Erneuerungen gern hinter den historischen Fassaden und werden erst bei genauerem Hinsehen sichtbar.

Allein das Salzburg Museum in der Neuen Residenz besticht durch eine atemberaubende Ausstellungs- und Präsentationstechnik, die den Besuch der Ausstellungen zur Stadtgeschichte zu einem echten Erlebnis werden lässt. Dafür erhielt das Haus 2009 den renommierten Europäischen Museumspreis. Die beiden Stimmen, die auf dem Audioguide zu hören sind, treten mehrmals filmisch als lebendige Personen in Erscheinung und erzeugen damit eine bisher nicht gekannte Dreidimensionalität. Weitere ausgesprochen pfiffige und hochintelligente Lösungen in der Lichtführung und bei der innovativen Gestaltung von Textkomponenten verblüffen den Besucher ein ums andere Mal. Welche ursprüngliche Nutzung dem Gebäude einst zugedacht war, ist erstaunlicherweise gar nicht genau bekannt. Immerhin konnten einige Details wie die Stuckdecken in den Prunksälen erhalten werden. Die Figuren und Darstellungen aus durchgefärbtem Stuck wirken frisch und kraftvoll wie ehedem und stellen eine hervorragende Ergänzung zu den eigentlichen Ausstellungen dar.

Auch die weltberühmte Musikhochschule, der Universität Mozarteum am Mirabellplatz, sieht zur Straßenseite hin unverändert aus. Doch im Innern blieb kaum etwas erhalten von der vormaligen 70er Jahre Konstruktion, deren Raumklima und deren Gestaltung und Aufteilung nie wirklich großen Anklang fand. Der deutsche Architekt Rechenauer schuf im Kern einen großen, hohen und offenen, fast einem Atrium ähnlichen Innenhof, der das Gebäude mit Licht zu durchfluten scheint. Eine riesige Fensterfläche teilt den freien vom überdachten Hofbereich. Letzterer wirkt mit einem kleinen Café und viel Freifläche wie ein großer Marktplatz. Die Offenheit stört die konzentriert an ihren Instrumenten übenden Studenten und Lehrer scheinbar nicht. Selbst Schall aus den Lernstudios dringt nicht nach Außen.

Neu entstand an diesem Standort der Kammermusiksaal, ein architektonischer Solitär dessen Bühne einen zauberhaften Panoramablick auf den dahinterliegenden Park des Schlosses Mirabell und den Mönchsberg jenseits der Salzach ermöglicht und den einen oder anderen Konzertbesucher je nach Lichtstimmung durchaus ablenken könnte. Der etwas klobige quaderförmige Bau ist verkleidet mit grauem Marmor und bildet bei der Betrachtung von der Parkseite aus eine Art funktionale Gestaltungsbrücke von Alt nach Neu. In Sachen Akustik konnten die Erbauer ebenfalls Maßstäbe setzen, was sowohl für klassische als auch für moderne Musik gilt.

Moderne Musik, das klingt in der traditionsreichen Mozartstadt ein wenig wie Blasphemie, doch erlebt man nicht unbedingt die erwartete Enttäuschung, sondern stattdessen sehr spannende neue Musikideen. Vorreiter ist hier die Salzburger Biennale, die seit 2009 alle zwei Jahre ausgerichtet wird und sich in großen Teilen diesem Thema widmet. Der Kammermusiksaal bietet eine hervorragende Bühne für freie, moderne Kompositionen, die zunächst schräg und atonal klingen und schon einmal durch ungewöhnliche Instrumentierung und Einsatz antiquierter Synthesizer auffallen können. Moderne Interpretationen bekannter Mozartwerke kommen ebenso zu Gehör wie monologartiger HipHop-Sprechgesang in wirklich sehr gut hörbarer Kombination mit einem Streichquartett.

Die Biennale hat auch zu verantworten, dass den ehrwürdigen Mozartplatz mit dem Patina belegten Standbild des Meisters für einige Wochen einen extravaganten, mithin mobilen Konzertsaal beherbergt. White Noise heißt das flache, irgendwie ovale Bauwerk, der Kulturpavillon, unter dem das leuchtende Weiß einer Zeltplane hervor lugt. Es wird dominiert und getragen von einer scheinbar willkürlich zusammen geschraubten Struktur aus Aluminiumstreben. Diese Struktur und deren statische Eigenschaften sind nicht mehr am Reißbrett entworfen worden, sondern hier schwingt nun Kollege Computer das Zepter. Hochintelligente Programme ordnen vorgegebene Formen im Raum an und optimieren diese immer weiter bis der Nutzer das Resultat für geeignet erachtet.

Da wirkt die in Handarbeit gefertigte, garantiert nicht ganz runde Mozartkugel des Herrn Fürst und seiner Nachfahren, die Original Mozartkugel ist immer noch in Familienhand, geradezu wie ein Konstruktionsfossil. Und sie stellt in der Tat nur eines der kulinarischen Highlights Salzburg dar. Denn in der Gastronomie regieren nicht mehr ausschließlich die Nockerln und Topfenknödel. Slow food, finger food, smart food sind die internationalen Slogans der Nouvelle Cuisine, die auch in der Salzburger Gastronomie Einzug hält. Gut, gesund und genussvoll soll es beim gepflegten Speisen zugehen, sei es im noblen Ambiente des Carpe Diem unmittelbar an der Getreidegasse, in der rustikalen Blauen Gans, deren Räumlichkeiten mit moderner Kunst ausgestattet sind, im etwas versteckt liegenden Magazin, dessen stimmungsvolle Speiseräume in den Katakomben des Tunnelsystems am Fuße des Mönchsbergs liegen oder in der Mayday Bar in luftiger Höhe des Hangars 7. Aber für eine kugelige süße Sünde ist hinterher immer noch Platz.

Information: Tourismus Salzburg GmbH, Auerspergstraße 6, A-5020 Salzburg, Österreich, Tel. +43/662/889870, Fax. +43/662/8898732, Email: tourist@salzburg.info, www.salzburg.info

Hier ist auch die Salzburg Card erhältlich, die freien Eintritt zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt sowie freies Fahren im ÖPNV bietet. Außerdem gibt es Vergünstigungen bei kulturellen Veranstaltungen und diversen Ausflugszielen.

Anreise: Mit den Fliegern der Air Berlin von den meisten deutschen Flughäfen direkt nach Salzburg. Zugverbindungen mit der Bahn über München. Individuell mit dem PKW über die Autobahn A8 ebenfalls über München.

Unterkunft: Salzburg verfügt über eine große Zahl an Unterkunftsmöglichkeiten aller Kategorien vom Privatzimmer bis zum Luxushotel. Zu Festspielzeiten muss mit teils deftigen Preisaufschlägen gerechnet werden. Empfehlenswert, weil nah am Altstadtkern und mit Künstlerambiente, das Hotel Neutor.