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Ostpolen – auf der Storchenroute durch den letzten Urwald Mitteleuropas

Im Land der offenen Fensterläden: Ostpolen weiß durch seine Häuser- und Blumenpracht zu gefallen. (Foto Katharina Büttel)

Im Land der offenen Fensterläden: Ostpolen weiß durch seine Häuser- und Blumenpracht zu gefallen. (Foto Katharina Büttel)

Unbeweglich und aufmerksam mustern dunkle Augenpaare die Störenfriede. Dann senkt einer der zotteligen Kolosse von fast 800 Kilogramm seinen massigen Schädel mit einem Ruck. Vor seinen Nüstern wirbelt Staub auf, die Hufe stampfen den Waldboden. Nach wenigen Metern bricht der Bulle den Sturmlauf ab, verharrt vor dem Metallgitterzaun. Der trennt die Wisente des Schaureservats im Nationalpark Bialowieza vom Besucher, der trotz Schutzvorrichtung unwillkürlich zurückweicht.

Europas größtes Säugetier streift normalerweise durch den Urwald von Bialowieza, hier vor uns zupft er vom süßlich-herb duftenden Marienbüffelgras, von dem ein Halm den berühmten Wodka „Zubrowka“ würzt.

Mächtiger Koloss: ein Wisentbulle im Nationalpark Białowieża. (Foto Henryk Kotowski)

Mächtiger Koloss: ein Wisentbulle im Nationalpark Białowieża. (Foto Henryk Kotowski)

Weil man diese urtümlichen Tiere – um die 450 sollen es sein – im Wald von Bialowieza so gut wie nie erspäht, wurde das Schaugehege nebst „Europäischem Bisonzuchtzentrum“ eingerichtet. Dessen Wisente und Tarpane – die schon im 18. Jahrhundert ausgerotteten Urpferde Europas – sollen bei Epidemien einen Neubeginn ermöglichen.

Das Schutzgebiet Bialowieza, mit 1500 Quadratkilometern fast doppelt so groß wie Berlin, liegt 220 Kilometer nordöstlich von Warschau in der Woiwodschaft Podlachien – ein Drittel in Polen, zwei Drittel in Weißrussland, seit 1979 Unesco-Weltnaturerbe.

Stummer Zeuge der Geschichte: das ältestes Gutshaus im Palastpark Bialowieza. (Foto Katharina Büttel)

Stummer Zeuge der Geschichte: das ältestes Gutshaus im Palastpark Bialowieza. (Foto Katharina Büttel)

„Unser Wald ist der letzte Primärwald in Mitteleuropa, der Wisent das Symbol unserer Natur und unseres Landes“, sagt mit Stolz der pensionierte Parkdirektor und Forstwissenschaftler Czeslaw Okolow. Wir stehen auf dem Aussichtsturm des Naturkundemuseums im Schlosspark von Bialowieza und sehen bis zum Horizont nur Ur-Wälder. „Die reichen bis nach Sibirien“!

Den polnischen Fürsten diente der Urwald, die „Puszcza“, von Bialowieza zur Jagd. August der Starke, „König in Pohlen und Churfürst zu Sachsen“, ließ die Ausbeute einer Jagdpartie von 1752 auf einen Obelisken meißeln. Entstanden ist der 50 Hektar große königliche Park im englischen Landschaftsstil um die Jagdresidenz des Zaren Alexander III. im 19. und 20. Jahrhundert. Die brannte 1944 aus, der Bahnhof blieb übrig.

Draisinenfahrt zum Lunch im alten Zarenbahnhof Towarowa. (Foto Katharina Büttel)

Draisinenfahrt zum Lunch im alten Zarenbahnhof Towarowa. (Foto Katharina Büttel)

Züge fahren hier schon lange nicht mehr vor. Gras wuchs über die Schienen, bis 2007 das Restaurant „Carska“ eröffnete und erste Gäste in den historischen, für Touristen elegant umgebauten Zugwaggons wohnen konnten.

Auf den Holzbänkchen der grün-gelb bemalten Draisine geht es mit Muskelkraft schnurgerade und leise dahin durch die Wald- und Wiesenlandschaft, zwischen gelben Blumen und weißen Birkenhainen. Am Ende rollen wir im Zaren-Bahnhof „Bialowieza Towarowa“ ein zum „fürstlichen“ Mittagessen im Carska, unter dem Portrait des letzten Romanows, des Zaren Nicolai II. – fünfmal war der hier. Bei schönem Wetter sitzen die Gäste direkt am Gleis unter grünen Sonnenschirmen. Eine sehr spezielle Atmosphäre…

Herrlich entspannend: eine nostalgische Kutschfahrt zum Nationalpark Bialowieski.

Herrlich entspannend: eine nostalgische Kutschfahrt zum Nationalpark Bialowieski. (Foto Katharina Büttel)

In ruhigem Trab führt Jurek die Pferdekutsche durch eine gesunde, harmonische Landschaft: Felder mit hohem Gras, Laubwaldgruppen und Birkenhaine. Storchennester vom Gewicht einer halben Tonne drücken auf niedrige Häuschen. Die schönsten, größten Nester aber sehen wir am Schluss der Reise im „Europäischen Storchendorf Pentowo“, wo auf einem alten Gutshof an die 100 Störche – von 40 000 einheimischen – leben.

Farbenfroher Blickfang: Die orthodoxe Wallfahrtskirche im Dorf Puchly. (Foto Katharina Büttel)

Farbenfroher Blickfang: Die orthodoxe Wallfahrtskirche im Dorf Puchly. (Foto Katharina Büttel)

Dorthin durchqueren wir spärlich besiedeltes Land, Straßendörfer – das Land der „offenen Fensterläden“: Bauernhäuser in typischer Holzarchitektur im Bielsk- und Hainowska-Stil – hohe, geschnitzte Giebeldächer mit reicher Ornamentik, die Fenster in kunstvollen Schnitzwerkrahmen. Hübsch die russisch-orthodoxen Kirchen in leuchtendem Blau oder Grün, die mit Spitze geschmückten Kreuze am Wegesrand.

Dann endlich durch hohe Holztore hinein in den Bialowieza Nationalpark! Das Licht ist gedämpft, die Tageszeiten verschwimmen. Weit oben stehlen die dichten Kronen der Fichten – sie werden bis zu 55 Meter hoch – das Blau des Himmels. Der Wald hier kann finster sein.

Maria kennt die Gedanken und zweifelnden Blicke der Besucher: das ist doch das reine Chaos! Die Mitfünfzigerin, studierte Germanistin, macht seit 26 Jahren Führungen durch die Wildnis. Achtet auf die Einhaltung der strengen Regeln. Und sie lässt mit ihrem unerschöpflichen Wissen Einheimische wie Touristen den Wald und sich selbst mit anderen Augen sehen.

Tierisch nett; eine Storchenfamilie unterwegs auf der Storchenroute. (Foto Katharina Büttel)

Tierisch nett; eine Storchenfamilie unterwegs auf der Storchenroute. (Foto Katharina Büttel)

„Natur Natur sein lassen, das war die Idee! Die Eichen, Linden und Hainbuchen, die Kiefern und Fichten keimen, wachsen und vergehen, ohne dass der Mensch eingreift – seit 5000 Jahren“. Maria zeigt eine 700 Jahre alte Eiche, dann auf einen Zunderschwammpilz: „Der brennt wie Zunder! Der rosa Seidelbast dort ist hochgiftig; drei bis vier rote Beeren können Menschen töten“!

Je weiter wir auf dem Wanderpfad „Königliche Eichen“ – jede Eiche trägt den Namen eines polnischen Fürsten – in die „grüne Hölle“ vordringen, desto wundersamer wird diese Welt: perfekt organisiert, komplex, symbiotisch. Wirr und verwoben, verstrickt und undurchdringlich erscheint der Wald, aber mit Chaos hat das auf einmal gar nichts mehr zu tun. Wir laufen und schauen, staunen über all die Stämme, die riesigen Wurzelteller, Moose – über 1000 Pflanzenarten gibt es.

Junges Glück im Park des Branicki-Palastes in Bialystok. (Foto Katharina Büttel)

Junges Glück im Park des Branicki-Palastes in Bialystok. (Foto Katharina Büttel)

Farne werfen filigrane Schatten, oben hämmert ein Buntspecht. Schwarze Käfer krabbeln aus dem verrotteten Stamm einer umgestürzten Eiche. Und die Tiere? Die machen, was sie wollen – der Wald ist grenzenlos…

Urwald verbindet auch die Nationalparks Biebrza, Wigry und Narew, Polens „grüne Lungen“. Das Biebrza-Tieflandbecken mit 100 Kilometer Länge besteht überwiegend aus unzugänglichen Sümpfen, Torfmooren, Wäldern und Feuchtwiesen. Ein Wasserlabyrinth von 45 Kilometern ist der Narew-Nationalpark bei Waniewo, ein Vogelparadies mit 203 verschiedenen Arten.

Alles im Blick haben Vogelkundler vom Aussichtsturm für Ornithologen im Narew-Nationalpark. (Foto Katharina Büttel)

Alles im Blick haben Vogelkundler vom Aussichtsturm für Ornithologen im Narew-Nationalpark. (Foto Katharina Büttel)

Dem Besucher helfen hölzerne Laufstege und Brücken über Riedgras, Morast und Sümpfe; lautlos gleiten Boot, Floß oder Kanu über die Wasserflächen. Und im Winter und Frühjahr, wenn Narew und Biebrza die Täler überschwemmen, wimmelt es von Zugvögeln, tönt wildes Geschnatter.

Informationen: Polnisches Fremdenverkehrsamt, Hohenzollerndamm 151, 14199 Polen;
Telefon 030-210092-0; info@polen-info.de; www.polen.travel/de

Sehenswert: Das Gebiet der Nationalparks ist ideal für Radfahrer, Wassersportler; es gibt Verleihstationen für Räder, Kanus, Flöße. Wanderwege durchziehen die Schutzgebiete mit Aussichtstürmen für Ornithologen.

Geschnitzte Fensterrahmen so schön wie Brüsseler Spitze. (Foto Katharina Büttel)

Geschnitzte Fensterrahmen so schön wie Brüsseler Spitze. (Foto Katharina Büttel)

Auf der Storchenroute liegt die Barockstadt Tykocin – ein Ort wie aus der Zeit gefallen. Bialystok im Dreieck Weißrussland, Litauen, Russland: 300.000 Einwohner, 50.000 Studenten, im Stadtzentrum der Branicki-Palast.

Nationalparks: Sie sind geöffnet das ganze Jahr hindurch: von 9 bis 16.30 Uhr im Sommer, bis 16 Uhr im Winter, www.npn.pl

Unterkunft: In Ostpolen sind Hotels und Pensionen begrenzt. In Bialowieza empfiehlt sich „Hotel Bialowieski“. In Pentowo der Reiter-Gutshof „Pension Pentowo“. Im „Land der offenen Fensterläden“ gibt es DZ/F-Privatzimmer schon ab 20 Euro. Die Nacht im Salonwagen des Zarenzuges kostet ab 85 Euro; man spricht Deutsch.


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