
Der Norden von England ist viel mehr als graue Industrietristesse: von Beamishs Zeitreise-Charme über den monumentalen „Angel of the North“ bis hin zum visionären Dorf Saltaire warten zwischen Rußromantik, Küstenzauber und britischem Eigensinn eine Vielzahl an Entdeckungen.
Wer den Norden Englands nur als graue Durchfahrtszone auf dem Weg nach Schottland abtut, hat vermutlich auch schon mal Instant-Tee für britische Kultur gehalten. Denn zwischen York und Newcastle-upon-Tyne, Chester und Carlisle zeigt sich eine Region, die viel mehr ist als ein nostalgischer Postkartenabdruck aus der Zeit der rauchenden Schlote. Tatsächlich jedoch besticht der englische Norden durch eine ungeahnte landschaftliche Vielfalt: malerische Castle, hohe Klippen und Dünen zieren weite Teile der Ostküste, grüne Hügel und Täler, Seen und einsame Moore das Hinterland.

Dennoch kann und will der Norden Englands seine industrielle Vergangenheit nicht verleugnen. Einst Schrittmacher der weltweiten Industrialisierung lassen traditionelle Industriemetropolen heute die Vergangenheit wieder lebendig werden. Museen und Ausstellungen, original wieder aufgebaute Dörfer mit Fabriken, Werften und alten Mienen vermitteln allerorten einen Einblick in das Leben im vergangenen Jahrhundert und veranschaulichen die mitunter krassen Gegensätze zur heutigen Wohlstandsgesellschaft.
Romantische Zeitreise in Beamish

So in Beamish, dem gleichnamigen Freilichtmuseum zwischen der großartigen Universitätsstadt Durham und Newcastle-upon-Tyne, das 1986 als britisches und 1987 als europäisches Museum des Jahres ausgezeichnet wurde und ist so etwas wie die britische Antwort auf eine Zeitmaschine ist. Auf dem riesigen Gelände einer stillgelegten Zeche fühlt man sich beim Gang durch die hervorragend erhaltene Bergarbeitersiedlung und einer Führung durch Mienenschächte automatisch in das Leben nebst den Arbeitsbedingungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert zurückversetzt.

Liebevoll restaurierte Straßenbahnen und schnaufende Oldtimer rollen über das Kopfsteinpflaster in ein originalgetreu nachgebautes Dorf aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Museumsmitarbeiter in zeitgenössischen Kostümen zeigen Handwerkskünste aus jenen Tagen, während Arztpraxen, Läden und ein Schule den ebenso interessanten wie kurzweiligen Ausflug in die Vergangenheit abrunden. Ein historischer Jahrmarkt und das 1820 errichtete Herrenhaus Pockerley Manor lassen den Besuch in Beamish zu einem unvergesslichen Erlebnis werden.
Glasklar: Sunderland glänzt

Im nahen Sunderland funkelt das National Centre of Glass mit einem begehbaren Glasdach und 1.300 Jahren Glasgeschichte. Kinder dürfen hier nicht nur gucken, sondern auch anfassen, ausprobieren und staunen – und Erwachsene ebenfalls, wenn sie sich trauen.

Ein besonderer Blickfang ist zweifelsohne auch der „Angel of the North“, der sich unweit von Gateshead an der Kreuzung der A1 und A167 parallel zur Autobahn M1 gen Himmel streckt. Die gigantische Skulptur mit einer Höhe von 20 Metern wurde 1998 von Anthony Gormley geschaffen. Der Koloss, der seither jährlich Zehntausende in seinen Bann zieht, wurde aus knapp 200 Tonnen Stahl in Teeside gefertigt. Die weit geöffneten Flügel mit einer Spannweite von 54 Metern symbolisieren den energischen Aufbruch in das neue Jahrtausend, der vielerorts im Norden des Königreichs sichtbar ist.
Wo das Empire wieder auflebt

Neben ungeheuren Mengen an Kohle, die im Nordosten Englands über Jahrzehnte gefördert wurden, prägte vor allem auch die Schifffahrtsindustrie das Gesicht der Region über Jahrhunderte. In Hartlepool, wenige Kilometer südöstlich von Beamish, werden im Historic Quay, einer alten Werft, die zum Museum umfunktioniert wurde, Erinnerungen an die große Zeit des britischen Empires wach. Das Geheimnis der einstigen Seemacht, der raue Alltag auf den Kriegsschiffen sowie das hektische Treiben in einem Hafen und einer Werft des 18. Jahrhunderts werden in historischen Gebäuden, einem im Trockendock konservierten Dreimaster – der HMS Trincomalee, dem ältesten schwimmfähigen Kriegsschiff der Welt aus dem Jahre 1817 – und in audiovisuellen Shows veranschaulicht.
Dampf, Ziegel und Fortschritt
Entscheidend vorangetrieben wurde die Entwicklung im England im frühen 19. Jahrhundert – und von hieraus in der gesamten Welt – durch zwei Erfindungen, die beide weltweit zu Schrittmachern der Industrialisierung avancieren sollten: die Dampfmaschine und die Eisenbahn. An letztere erinnert ein ungewöhnliches Kunstwerk, die Brick Train, der Backsteinzug, vor den Toren von Darlington. Zwischen Stockton und Darlington rollte nämlich in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts eine dampfbetriebene Lokomotive. Der Transport von Kohle wurde damit billiger, schneller und effizienter. Zudem wurden erstmals auch Personen befördert.

Damit eröffneten sich auch für die baumwollverarbeitende Industrie ganz neue Perspektiven. In Leeds beispielsweise entstanden riesige Fabriken, darunter mit Armley Mills die einst größte Textilfabrik der Welt. Dort wo früher Baumwolle gesponnen und Kleider genäht wurden, befindet sich heute ein erstklassiges Industriemuseum. Ungeschminkt dokumentiert Armley Mills den Wandel von der manuellen Verarbeitung der Rohwolle bis hin zur zunehmenden Automatisierung dank der dampf- und wasserbetriebenen Webstühle. Aber auch historische Lokomotiven, Druckmaschinen und ein Kino aus den 20er Jahren sind hier zu finden.
Das Dorf des eigenwilligen Visionärs

Nur einen Steinwurf entfernt befindet sich Bradford, das einstmals weltweit größte Zentrum der Textilindustrie. Im Jahre 1801 lebten hier gerade einmal 6.000 Menschen. Fünf Jahrzehnte später verarbeiten 104.000 Einwohner zwei Drittel der gesamten britischen Garnproduktion. Allerdings drohte die Stadt im eigenen Mief und Müll zu ersticken, die Arbeits- und Lebensbedingungen ließen die Lebenserwartungen auf kaum mehr als 30 Jahre steigen.

Für den Textilfabrikanten und Parlamentsabgeordneten sowie späteren Bürgermeister von Bradford, Sir Titus Salt, Grund genug, seine Fabrik nebst der Arbeiterunterkünfte ins Grüne zu verlegen. Mitte des 19. Jahrhunderts begann er mit der Realisierung seines Lebenswerkes: Er ließ vier Meilen vor den Toren Bradfords eine Modellsiedlung im neoklassizistischen Stil aus hellen Sandstein zwischen Gärten und Grünflächen errichten und taufte diese in Anlehnung an seinen Namen und die Lage am River Aire „Saltaire“.
Textilgigant mit Lebensqualität

Der Standort war ideal. Zum einen konnte der Wasserbedarf für die Produktion mühelos gedeckt werden, zum anderen waren die Transportwege kurz. Bereits 1853 wurde Salts Mill, eine sechsstöckige Textilfabrik in der mehr als 3.000 Beschäftigte an 1.200 Webstühlen arbeiteten, eröffnet. 1868 konnte schließlich die „New Mill“, eine weitere Fabrik auf dem Gelände zwischen dem River Aire und dem Schiffskanal von Leeds nach Liverpool seiner Bestimmung übergeben werden. Titus Salt hatte eine der gigantischsten Textilfabriken der Welt geschaffen. Äußerlich war das monumentale Bauwerk der Kirche Santa Maria Gloriosa in Venedig nachempfunden.

20 weitere Jahre sollten ins Land gehen, ehe das Dorf mit seinen kleinen Cottages, Schulen, einem Krankenhaus, einer Kirche, einem Badehaus, einer Polizeiwache, einem Freizeitzentrum, einer Bücherei, einem Seniorenwohnheim und Geschäften fertiggestellt wurde. Das Gros der Straßen wurde nach Töchtern von Titus Salt benannt. Jede Arbeiterfamilie erhielt ein eigenes kleines Häuschen mit Garten. Die Türbeschläge deuteten für die Besucher schon von außen die Position der Arbeiter an. Die Häuser der Vorarbeiter und leitenden Angestellten verfügten sogar über Türme, von denen aus das ganze Dorf beobachtet und überwacht werden konnte.
Das kuriose Regelwerk des Titus Salt

Obwohl Titus Salt selber kein Antialkoholiker war, sorgte er dafür, dass in „seiner Stadt“ kein Pub errichtet wurde. Und dies ist bis zum heutigen Tage in den Mauern des ursprünglichen Dorfes so geblieben. Salts Hauptsorge lag darin begründet, dass der Alkohol der Arbeitskraft seiner Angestellten schaden könnte und Unfälle die Produktion stoppen könnten. Schon zu Lebzeiten war Titus Salt umstritten. Einerseits sorgte er – gemessen an der damaligen Zeit – für erstklassiges Lebensbedingungen, andererseits versuchte der profitgierige Geschäftsmann das Geld in den eigenen Reihen zu halten. Die Familien waren gezwungen in den Geschäften von Saltaire zu kaufen, mussten in der Kantine von Titus Salt Mittagessen, Schulgeld an ihn entrichten und für die Häuser Miete an ihn zahlen.

1876 verstarb Titus Salt im Alter von 73 Jahren. Seine Fußstapfen waren für seine Erben zu groß. Die Krise in der Textilindustrie tat ein Übriges. Die Fabrik schloss schließlich nach mehreren Eigentümerwechseln 1986 endgültig ihre Pforten. Heute befindet sich hier eine Galerie mit Werken des in Bradford geborenen David Hockney. Geblieben ist jedoch ein starkes Stück Industriegeschichte, dass in Saltaire auf Schritt und Tritt lebendig wird, zumal noch immer die Sagen und Mythen um Titus Salt nicht enden wollen und jährlich mehr als 750.000 Besucher in ihren Bann ziehen.
Buchtipp: Time for tea, sex and fun
Obwohl der Titel von Time for tea, sex and fun auf Englisch ist, wirft das amüsante wie lehrreiche Buch auf Deutsch mit viel Esprit einen liebenswerten Blick auf unsere englischen, schottischen und walisischen Freunde.
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Doch der Brite ist nicht nur gegen Hitze resistent, auch jegliches Kälteempfinden scheint ihm fremd. Wer diese stereotypen Ansichten teilt oder Bestätigung für diese sucht, wird in Time for tea, sex and fun von Mortimer Reisemagazin Redakteur Karsten-Thilo Raab ebenso fündig werden, wie derjenige, der seine alten, verkrusteten Ansichten über die Briten endlich ins rechte Licht rücken möchte. Auf jeden Fall dürfte in dem Buch viel Interessantes, Kurioses, Unterhaltsames und Wissenswertes über die Briten und ihre Lebensgewohnheiten zu entdecken sein.
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Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.
