
Ein Ehepaar am Strand erzählt, 5.500 Euro für seine zwei Wochen All-Inclusive-Reise gezahlt zu haben, während das durchschnittliche monatliche Einkommen in Gambia irgendwo bei 100 bis 500 Euro liegt. Der Mindestlohn liegt lediglich bei 30 Euro im Monat. Je nach Branche. Damit zählt Gambia zu den ärmsten Ländern der Welt. Gerade mal 2,5 Milliarden US-Dollar weist das gegenwärtige Bruttoinlandsprodukt aus. Zum Vergleich: Das Vermögen von Elon Musk beträgt zurzeit etwa 800 Milliarden. Kann man in so einem Land Urlaub machen? Vielleicht ist die korrekte Antwort nicht, man kann. Man muss! Immerhin 25 Prozent des Nationaleinkommens bringt der Tourismus ein und ernährt damit einige Tausend Menschen.
Damit also Willkommen in The Gambia wie es offiziell genannt wird. Das Land ist für Reiserveranstalter sicherlich ein Nischenziel. Noch. Denn in den vergangenen Jahren haben einige neue Hotels geöffnet wie das Radisson Blu, Tui Blue (2025) und das Ramada Resort (geplant 2026). Die Hauptreisesaison ist von O bis O. Oktober bis Ostern. Immerhin 400.000 Touristen kommen. Allein das bringt dem Land bei 20 Dollar Einreisgebühr acht Millionen Dollar jährlich. Auf den meisten Pässen steht Großbritannien (sicherlich auch wegen der kolonialen Vergangenheit) und Niederlande was vor allem an den direkten Flugverbindungen liegt.
Anreise mit Umstiegen

Aber auch zunehmend Polen haben das Land für sich entdeckt, wie der Hotelchef im TUI Blue Tamala, Mohammed Zahrane Bessaidi erzählt. Deutsche sind noch eine Minderheit. Auch dies liegt wohl an den Flugverbindungen oder eben an den nicht vorhanden Verbindungen. Von Berlin etwa muss man mit langem Aufenthalt über Barcelona fliegen. Von Frankfurt über Brüssel und Conakry. „Ich habe aber gehört, dass TUI eine Verbindung aus Deutschland plant“, so der Hotelchef. Egal wie – ein Besuch lohnt. Nebenbei bemerkt ist ein Zwischenstopp auf dem Airport Barcelona durchaus lohnend, wenn man von dem unsäglichen Berliner kommt. Doch das nur als kleine Bemerkung.
Flächenmäßig ist Gambia das kleinste Land auf dem Kontinent. Abgesehen von den Seychellen. Dabei war es einst unter dem Namen Senegambia viel größer, ein wichtiger Ausgangspunkt für den Sklavenhandel, aber eben auch ein Zankapfel der Kolonialmächte Frankreich und England. Hätten die Briten während der Grenzverhandlungen mit Frankreich Ende des 19. Jahrhundert schon modernere Waffen gehabt, sähe die Landkarte heute wohl anders aus. Man einigte sich auf einen Grenzverlauf, der der Schussweite einer Kanonenkugel von einem Kriegsschiff entsprach. Jeweils zehn Meilen vom Gambia Fluss. So ist das Land heute vom Senegal umschlossen. Zurück zur Gegenwart.
In den Senegal für eine Safari

Im Fathala Nationalpark lassen sich Giraffen, Zebras, Affen, Nashörner, Antilopen, Warzenschweine in freier Wildbahn beobachten. Bei der Einreise nach Senegal, die die Grenzbeamten doch sehr genau nehmen, auch wenn man eigentlich bei all dem Gewusel gar nicht so recht weiß, wo jetzt eigentlich die Grenze verläuft, ist eigentlich eine Gelbfieberimpfung obligatorisch. Aber wie das mit dem Wort eigentlich so ist. Nach Zahlung von 15 Dollar zeigte sich das Virus dann gnädig und verschont einen.
Am Grenzübergang im Örtchen Amdalli auf der einen und Karang Poste auf der anderen Seite herrscht reges Treiben. Markt eben. An der Straße dann kleine Hütten, erkennbare Armut. Bettelnde Kinder, die sich besonders über ein paar Bleistifte und Schreibhefte freuen. Zum Kauf dieser hatte der Reiseführer zuvor explizit geraten. In den Dörfern und drum herum jede Menge Müll. Dies ist ein Punkt, der in vielen afrikanischen Ländern zu beobachten ist. Sei es in Marokko, Ägypten oder auch auf Sansibar. Vielleicht wäre ein Entwicklungshilfethema mal die Unterstützung einer funktionierenden Müllabfuhr. Wiewohl auch schwer zu verstehen ist, wieso die Menschen da nicht selbst ein wenig mehr aktiv werden. Armut hin oder her. Festgemachte Kappen auf Trinkflaschen und das Verbot von Trinkhalmen wie in Europa erscheinen da ziemlich lächerlich. Von den Schrottautos mit teilweise noch deutschen Kennzeichen oder zumindest deutschen Händlerschildern ganz abgesehen. Doch das nur am Rande bemerkt. Im Hotel ist die Welt dann wieder eine ganz andere.
Temperamentvoll und streitbar

Gambia ist aber nicht nur the Smiling Country, mit wirklich sehr freundlichen, aufgeschlossenen Menschen, sondern durchaus auch temperamentvoll. So lieferten sich eines Abends zwei Kellnerinnen der Poolbar ein heftiges Wortgefecht, welches dann in handgreifliche Übungen überging. Wenn man keiner der sieben einheimischen Sprachen mächtig war, konnte man nicht erahnen, worum es ging. Vielleicht war es nur ein alter afrikanischer Kriegstanz. Oder vielleicht hört sich auch jede Diskussion unter den Einheimischen immer so an wie der Beginn eines neuen Stammeskrieges. Den anderen Mitarbeitern jedenfalls schien die Choreografie nicht zu gefallen, sodass sie diese Aufführung mit kräftigen Handgriffen beendeten. Durchaus zum Unwillen der beiden Hauptdarstellerinnen.
Ähnliches ereignete sich dann ein paar Tage später nochmals. Dieses Mal allerdings mit zwei Housekeeping-Damen und diesen Mal nur als Hörspiel. Offensichtlich ein temperamentvolles Völkchen diese gut zweieinhalb Millionen Gambier. Dieses lässt sich auch gut auf einem der größten Märkte des Landes, dem Serekunda Market, erleben. Klar will da jeder seine Waren anpreisen und im besten Fall verkaufen. Seien es Gewürze, Obst, Gemüse, allerlei Haushaltwaren…
Auf Kuschelkurs mit Affen und Krokodilen

Aber besonders an den Stoffständen an denen sich fast ausschließlich Frauen drängen, erinnert man sich der Schlachten an Karstadt- oder auch Herti-Wühltischen kurz nach der Öffnung der Tore zum Sommer- oder Winterschlussverkauf als es diesen noch in seiner ursprünglichen Form gab. Wie auch immer, ein Besuch ist wirklich ein kulturelles Erlebnis. Unterschiedliche Gerüche, viele Farben, Früchte, Musik, Gedränge. Gewarnt wird jedoch immer wieder vor Taschendieben. Aber wirklich unsicher muss sich niemand fühlen. Das änderte sich erst an einem anderen Ort…
An einem kleinen Tümpel lagen einige Dutzend Krokodile in der Sonne und unter Bäumen. „Die tun nichts“, sagte einer der Einheimischen und nötigte die Besucher geradezu, das größte Tier am Schwanz zu packen. Mittendrin von anderen Krokodilen umgeben. Erst hinterher kam bei dem einen oder anderen der Gedanke, was wohl passiert wäre, wäre man gestolpert. Ähnliches kann man auch im Bijilo Monkey Park erleben, wo man unversehens ein zwei oder gar drei Affen auf sich zu sitzen hat.
Wo klassische Zentren Mangelware sind

Richtige Zentren bietet das Land eigentlich nicht. Banjul, die Hauptstadt, ist eher ein Wirrwarr und wichtig, um mit der Fähre den Fluss zu überqueren. Besonders am Morgen und eben am Nachmittag. Und natürlich ist die Stadt ob seines Hafens ein wichtiger Umschlagplatz. So etwas wie die Partystraße ist der Senegambia Strip in Serekunda. Restaurants und Bars reihen sich aneinander. Vor allem von Touristen frequentiert. Das Bier kostet ein Euro, ähnlich günstig sind alle anderen Getränke. Dass Polen das Land für sich entdeckt haben, sieht man an etlichen Speisekarten und Werbeschildern vor den Restaurants. Außerdem gibt es einen schönen Markt mit einheimischen Kleidern und Kunsthandwerk. Noch etwas mehr davon findet man auf dem Craft Market nur wenige Minuten entfernt.
Überhaupt die Märkte. Vom Serekunda Market war ja bereits die Rede. Nicht weniger sehenswert ist der große Viehmarkt und der Fischmarkt direkt am Strand. Zwar sind sicherlich die hygenischen Umstände – nun sagen wir es freundlich – diskussionsbedürftig und der Umgang mit Müll, wie schon zuvor bemerkt, doch eher gewöhnungsbedürftig. Frischer kann man Fisch jedoch kaum bekommen. Direkt aus dem Meer zum Händler. Auf dem Viehmarkt sogar noch lebendig.
Kleine Küste

Trotzdem das Land nur über gut 70 Kilometer Küste verfügt, gibt es doch einige Unterschiede. An manchen Abschnitten wie etwa vor dem TUI Blue herrscht eine ziemlich Brandung verbunden mit eine starken Unterströmungen. Dort solle man sich nicht zu weit hinaus trauen. Wogegen es am Paradise Beach etwas weiter nördlich deutlich ruhiger ist. Auch dort kann man die Fischer mit ihren traditionellen Pirogen beobachten und ein uriges Strandlokal lädt zum Verweilen ein.
Vielleicht kann man Gambia als Afrika für Einsteiger bezeichnen. Irgendwie von allem ein bisschen und in kurzer Zeit zu erleben.

Honza Klein
Der Berliner hat für diverse Radiosender gearbeitet, war viele Jahre Redakteur bei der Berliner Morgenpost, hat an Büchern über Berlin mitgearbeitet und ist u.a. Autor für die Super Illu und Gastgeber einer Talksendung bei TV Berlin.