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Von 17. September 2015 Mehr →

Einfach mal Floßfahren – wie Tom Sawyer im Floß über die Havel schippern

Auf den Havelseen in und um Potsdam lässt sich auf einem Floß das Tom-Sawyer-Feeling nachempfinden. (Fotos Karsten-Thilo Raab)

Auf den Havelseen in und um Potsdam lässt sich auf einem Floß das Tom-Sawyer-Feeling nachempfinden. (Fotos Karsten-Thilo Raab)

Die Havel ist nicht der Mississippi. Sie ist kürzer, schmaler und fließt langsamer. Dafür hatte das Floß von Tom Sawyer ganz sich keinen Außenbordmotor. Auch wenn dieser hier nur schlappe fünf PS hat. Trotzdem kommt fast unweigerlich dieses herrliche Huckleberry-Finn-Feeling auf. Ein Hauch von Abenteuer inmitten der zivilisierten Welt, obschon dazu normalerweise eine Toilette und ein Bad gehören. Diesbezüglich gilt es zu improvisieren. Okay, bequeme Sitzgelegenheiten, eine Küche, Strom und fließend Wasser fehlen ebenso. Sieht man einmal vom Havel-Wasser ab. Darin lässt sich zwar baden, doch trinken mag es wohl niemand.

Viel luxuriöser dürfte die fiktive Gestalt des Tom Sawyer auch nicht unterwegs gewesen sein. Das kleine Floß mit dem roten Aufbau ist gerade einmal 5,70 Meter lang und 2,75 Meter breit. Der Holzaufbau enthält an beiden Seiten Staufächer, auf die sich die Hobbykapitäne auch mal setzen können.

Mit ein paar Brettern lässt sich die Sitzfläche zudem binnen kurzer Zeit in eine 1,80 mal 2,20 Meter große Liegefläche für zwei bis drei Personen umwandeln. Wer es sich dort richtig bequem machen möchte, sollte aber auf jeden Fall eine Isomatte – oder besser eine Luftmatratze – im Gepäck haben. Ohne Polster auf dem harten Untergrund zu nächtigen, gilt wohl als Folter. Hier von einer gewissen Schlafhärte zu sprechen, wäre sicher nicht falsch.

Mit seiner Höhe von 155 Zentimetern erlaubt der mit Fenstern ausstaffierte Aufbau nur den wenigsten Erwachsenen aufrecht zu stehen. Dafür ist das Dach so stabil, dass es als Sonnenliege oder Sprungbrett für eine Erfrischung in der Havel genutzt werden kann. Was gleich andeutet, worauf bei der gemütlichen Floßfahrt das Hauptaugenmerk liegt: Entspannen und chillen. Denn das Ziel ist der Weg, auch wenn das eine oder andere sehenswerte Städtchen entlang der Wasserwege liegt und zu einer Erkundung einlädt.

Für Hobbykapitäne und echte Landratten ist eine Floßtour Erhoilung pur. Copyright Karsten-Thilo Raab

Für Hobbykapitäne und echte Landratten ist eine Floßtour Erhoilung pur.

Und so ist auch für uns die Devise schnell klar. Natürlich wollen wir irgendwie im wahrsten Sinne des Wortes zu neuen Ufern aufbrechen. Aber wir wollen auch die Seele ein bisschen baumeln und uns einfach mal treiben lassen. Um unterwegs nicht zu verhungern oder zu verdursten, steuern wir vom Anleger der Floßstation am Kulturzentrum Schiffbauergasse in Potsdam erst einmal ein kleines Stück vorbei am markanten Hans Otto Theater mit seiner muschelartigen Überdachung über den Tiefen See. Denn hier findet sich ein praktisches Kuriosum: Deutschlands einziger Aldi-Markt mit eigenem Bootsanleger.

Blickfang am Havelufer: die Kuppel der Nikoleikirche in Potsdam. Copyright Karsten-Thilo Raab

Blickfang am Havelufer: die Kuppel der Nikoleikirche in Potsdam.

Die kleine Shopping-Tour ist für einen Hobby-Kapitän ohne Bootsführerschein dann auch eine erste kleine Herausforderung. Denn nach der kurzen, knapp zehnminütigen Einführung wird aus der grauen Theorie beim Anlegemanöver nun die nicht ganz so einfache Praxis. Nach zwei vergeblichen Versuchen, dort anzulanden, gelingt das Ganze im dritten Versuch im Schneckentempo. Da das Floß – wie bei Motorbooten üblich – über keine Bremse verfügt, muss mit Hilfe der Lenkstange sowie des geschickten Einsatzes von Vorwärts- und Rückwärtsgang angelegt werden, was letztlich keine Hexenkunst, sondern nur eine Sache der Übung ist.

Mit genügend Proviant an Bord legen wir wieder ab, um nach einer Wende über Backbord vom Tiefen See über die Neue Fahrt und die Havel zum Templiner See zu gelangen. Dabei herrscht auf einigen Teilstücken der Wasserstraße ein Gewimmel wie auf dem Jahrmarkt.

Unzählige kleine Motorboote, aber auch Ruderboote, Kanus, Passagierschiffe und jede Menge anderer Flöße tummeln sich heir bei echtem Kaiserwetter. Mit der Hand am Ruder kommen einem dabei die Worte aus der kurzen Einweisung in den Sinn: „Wie auf der Straße gibt es auch auf dem Wasser Verkehrsregeln. Am besten ihr verhaltet Euch defensiv und gebt anderen im Zweifelsfalle Vorfahrt“, hatte Ole gemahnt. Entsprechend zurückhaltend sind wir unterwegs.

Bei Tempo 15 lässt die Floßtour auf der Havel genügend Zeit, um sich zu entspannen.

Bei Tempo 15 lässt die Floßtour auf der Havel genügend Zeit, um sich zu entspannen.

Bei diesem Tempo kommt nicht nur die Seele mit, es bleibt auch genügend Zeit, in Ruhe den Ausblick auf die Ufer zu genießen. Neben der Rundkuppel der Nikolai-Kirche fällt der Sitz des brandenburgischen Landtags in Potsdam ins Auge. Wir tuckern vorbei an einigen mondänen Villen und prachtvollen Herrensitzen. Aber auch moderne Wohnanlagen wie die Potsdamer Speicherstadt, kreative Viertel wie die Schiffergasse und pottenhäßliche Hochhäuser säumen das Gewässer.

Dann ist es Zeit, sich kurz zu erfrischen, und einfach mal in den Templiner See zu hüpfen, ehe wir in den Schielowsee einbiegen. An einer seichten Stelle am östlichen Ufer gehen wir vor Anker, um erst einmal in Ruhe ein paar Kekse und eine Kaffee, den wir über einem Gaskocher zubereitet haben, zu genießen. Die Füße baumeln im Wasser, Enten gackern, Angler säumen das Ufer und vorbeipaddelnde Kanuten stoppen kurz für einen netten Plausch.

Erfrischung oder morgentlicher Duschersatz: Ein Sprung vom Floßdach in der Havel. Copyright Karsten-Thilo Raab

Erfrischung oder morgentlicher Duschersatz: Ein Sprung vom Floßdach in der Havel.

So gestärkt geht es weiter nach Werder an der Havel. Die 25.000-Seelen-Gemeinde mit der weithin sichtbaren Heilig-Geist-Kirche und der gut erhaltenen Bockwindmühle besticht durch charmante kleine Gassen und alte Fischerhäuser. So nett dieses Fleckchen auch ist, gibt es hier leider keinen geeigneten Anlegeplatz für uns, um die Nacht zu verbringen. Andere Flöße und Boote waren schneller. Da rächt sich das gemütliche Kaffeetrinken.

Nun ja, dann suchen wir uns eben ein anderes Plätzchen zum Schlafen. Wir unternehmen einen Abstecher in den knapp zwei Quadratkilometer großen Glindower See. Doch auch hier waren wir zu langsam für die Suche nach einem netten Liegeplatz am Steg. Doch am Strandbad Glidowsee haben die Betreiber Mitleid mit unserer speziellen Form der Seenot und gestatten uns, dort festzumachen sowie die Duschen und Toiletten zu nutzen. Und so wird es mit Grill und Rotwein noch ein herrlicher Abend unter dem Sternhimmel, ehe uns das sanfte Schaukeln des Floßes in den Wellen in den Schlaf wiegt.

Der Sonnenuntregang über dem Lehnitzsee lädt Floßfahrer zum Träumen ein.

Der Sonnenuntregang über dem Lehnitzsee lädt Floßfahrer zum Träumen ein.

Da das Gros der Flöße und Boote weiter in nördlicher Richtung unterwegs zu sein scheint, stechen wir zurück Richtung Potsdam in See. Vorbei an der Floßstation geht es dann weiter östlich. Wir passieren den herrlich grünen Babelsberger Park, an dessen Ufern das Kleine Schloss und das Dampfmaschinenhaus als Blickfänge herausragen. Weniger später ist mit der Glienicker Brücke ein weiterer geschichtsträchtiger Ort erreicht.

Das 128 Meter lange Verbindungsstück zwischen Berlin und Potsdam wurde zwischen 1962 und 1986 dreimal zum Austausch von Agenten zwischen den Alliierten und der Sowjetunion beziehungsweise der DDR genutzt.
Über den Jungfernsee gelangen wir schließlich zum Lehnitzsee. Diesmal überlassen wir die Suche nach einem Nachtlager nicht dem Zufall und machen die Flöße am Ufer fest. Um uns herum nichts als Wasser und dicht bewaldete Natur. Nur einen Steinwurf vom Ankerplatz entfernt hat ein Biber ganze Arbeit geleistet und einen mächtigen Baum fast bilderbuchmäßig gefällt. Der spitze Baumstumpf zeugt vom Eifer des Nagers, der vermutlich durch unsere Stimmen vertrieben wurde.

Die Flöße sind leicht zu steuern und überaus robust, wenn auch frei von jeglichem Luxus. Copyright Karsten-Thilo Raab

Die Flöße sind leicht zu steuern und überaus robust, wenn auch frei von jeglichem Luxus.

In dieser perfekten Idylle ist außer dem Gezwitscher von Vögeln, dem Surren der Insekten und dem einen oder anderen vorbeifahrenden Boot nichts zu hören. Eine absolute Insel der Ruhe zwischen der Millionenstadt Berlin und der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam. Nur schade, dass es am nächsten Morgen schon wieder zurückgeht. Aber alle sind sich einig: ein herrliches Erlebnis, das unbedingt wiederholt werden muss. Und schon jetzt fiebern alle dem Moment entgegen, wenn es wieder „flossgeht“.

Allgemeine Informationen: www.potsdamtourismus.de

Floßtouren: Huckleberry Tours – Floßstation Potsdam, Schiffbauergasse 9, 14467 Potsdam, Telefon 030-20674902, www.huckleberrys-tour.de. Flöße sind für einen Tag inklusive Übernachtung ab 144 Euro buchbar, können aber auch für vier Stunden ab 99 Euro gebucht werden.

Lohnend beim Landgang: Der Besuch des Holländischen Viertels in Potsdam.

Lohnend beim Landgang: Der Besuch des Holländischen Viertels in Potsdam.

Essen & Trinken: John Barnett Schiffsrestaurant, Schiffbauergasse 12a, 14467 Potsdam, Telefon 0331-2012099, www.john-barnett.de. Umgebautes Schiff, das im Tiefen See dauerhaft vor Anker liegt und unter anderem ein umfangreiches Brunch am Wochenende anbietet.

Le Maison du Chocolat, Benkertstraße 15, 14467 Potsdam, Telefon 0331-2370730. Kuchen- und Schokoladenträume inmitten des Holländischen Viertels.

Bürgershof, Waldmüllerstraße 4-5, 14482 Potsdam, Telefon 0331-2378889, www.buergershof.de. Schankwirtschaft mit kleinen Speisen und großem Biergarten direkt am Havelufer.

Braumanufaktur Forsthaus Templin, Templiner Straße 102, 14473 Potsdam, Telefon 033209-217979, www.forsthaus-templin.de. Privatbrausrei mit deftigen Speisen und riesigem Biergarten.


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