
Am Rande des Rif-Gebirges liegt Chefchaouen, die „blaue Perle Marokkos“. Ein Labyrinth aus Gassen, Türen und Treppen, getränkt in unzähligen Blautönen. Ein Streifzug durch das farbenprächtige wie überaus fotogene Städtchen ist gerade in der kalten Jahreszeit besonders genussvoll, wenn die Zahl der Instagram-Jünger geringer ist.

Schon von weitem ahnt man, dass hier etwas anders ist. Zwischen den zerklüfteten Hängen des Rif-Gebirges blitzt plötzlich ein Farbton hervor, so unwirklich, dass man glaubt, jemand habe den Himmel auf den Boden gegossen. Willkommen in Chefchaouen, der „blauen Perle Marokkos“ – einem Ort, an dem selbst die Schatten blau zu schimmern scheinen und Katzen auf den Treppen aussehen, als seien sie einem Impressionisten-Gemälde entlaufen.
Aber Chefchaouen ist nicht einfach nur blau. Es ist ein ganzes Orchester aus Blautönen. Türkis flüstert mit Indigo, Himmelblau tanzt mit Kobaltblau, und dazwischen ein Hauch von Weiß, wie ein Seufzer. Die Häuser, die Treppen, die Blumentöpfe – alles scheint in einem stillen Wettbewerb zu stehen, wer wohl am schönsten mit dem Himmel harmoniert.
Allgegenwärtiges Blau

Die Stadt am marokkanischen Rif-Gebirge, die von einem Nachfahren des Propheten Mohammed gegründet worden sein soll, hat es geschafft, das „Blau-Sein“ zur Lebensart zu hochzustilisieren. Entsprechend erweist sich Chefchaouen als ein Paradies für alle, die gern durch den Sucher ihres Smartphones oder ihrer Kamera leben. Jede Tür, jeder Schatten, jeder Stein ist ein Motiv.

Die Häuser sind nicht einfach blau gestrichen – sie sind in Blau getaucht, getränkt. Warum eigentlich Blau? Die Legenden sind vielfältig. Manche sagen, die Farbe halte Moskitos fern, andere verweisen auf jüdische Flüchtlinge, die im 15. Jahrhundert das Blau als Symbol des Himmels mitbrachten. Vielleicht. Sicher ist: Es zieht Menschen an. Fotografierende, Staunende, Verliebte. Und solche, die es noch werden wollen.
Lange, bewegte Geschichte

Vielleicht aber ist es ganz einfach: Blau beruhigt. Und wer einmal durch Chefchaouen geschlendert ist, versteht, dass diese Stadt kein Ort der Hektik sein kann – sie ist ein stilles, lächelndes Versprechen auf Gelassenheit.

Gegründet im Jahr 1471 von Moulay Ali Ben Rachid als Festung gegen die portugiesische Expansion, war Chefchaouen lange Zeit eine Bastion des Widerstands – geografisch abgeschieden, strategisch klug im Nordwesten von Marokko gelegen. Die Stadt diente nicht nur als militärischer Außenposten, sondern auch als Zufluchtsort für muslimische und jüdische Flüchtlinge aus Andalusien. Noch heute spürt man den andalusischen Einfluss in der Architektur, den Innenhöfen mit Orangenbäumen und den kunstvoll gefliesten Brunnen.
Labyrinth und Schatzkammer

Die Medina erweist sich mit ihren Sträßchen, Gassen und Durchgängen als ein echtes Labyrinth. Doch keine Angst, wer sich hier verläuft, hat alles richtig gemacht. Hinter jeder Kurve wartet eine neue Postkartenansicht. Die kleinen Läden der historischen Altstadt sind wahre Schatzkammern. Hier gibt es handgewebte Decken, kunstvoll bemalte Keramik und Lederwaren, die noch nach Handwerk riechen. Feilschen gehört dazu – aber mit einem Lächeln.

Die Kasbah im Zentrum – ein sandsteinfarbenes Bollwerk inmitten des blauen Meeres – beherbergt ein kleines ethnografisches Museum. Wer durch die Gärten schlendert, hört vielleicht noch das Echo vergangener Jahrhunderte zwischen den Palmen – und das gelegentliche Bellkonzert der streunenden Hunde. Die Schwanzwedler buhlen abwechselnd mit den vielen, vielen Katzen um die Aufmerksamkeit der Besucher aus aller Herren Länder, immer verbunden mit der Hoffnung, dass etwas Eßbares abfallen wird.
Tee-Genuss statt Tempo

Die Luft in Chefchaouen ist ein Cocktail aus Minztee, frisch gebackenem Fladenbrot und einem Hauch Zedernholz. Wer sich treiben lässt – und das sollte man hier unbedingt – landet früher oder später auf dem Place Outa el Hammam. Der zentrale Platz ist so etwas wie das Wohnzimmer der Stadt: Händler rufen, Männer mit Djellabas sitzen entspannt im Schatten und diskutieren das Weltgeschehen, während die scheinbar nie leeren Teegläser klirren.

Doch wer in Chefchaouen nur Tee trinkt, verpasst die halbe Magie. In kleinen Lokalen werden dampfende Tajines serviert – mit Lamm, Pflaumen und Mandeln, so zart, dass man an Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“ glaubt. Und dann das Brot! Frisch, warm, duftend – am besten eintunken in Olivenöl von den umliegenden Hängen.
Dem blauen Wunder aufs Haupt geschaut

Apropos Hänge: Etwa 30 Minuten dauert der Aufstieg zur Spanischen Moschee oberhalb der Stadt. Der Blick? Unbezahlbar. Unten glitzert Chefchaouen wie ein Ozean aus Kobalt und Licht, oben weht ein Wind, der nach Freiheit und Bergkräutern riecht. Wer hier zum Sonnenuntergang sitzt, versteht, was „Reisefieber“ bedeutet – und warum man es nie ganz loswird.
Wissenswertes in Kurzform

Informationen: www.visitmorocco.com/de
Anreise: Iberia bietet von allen größeren deutschen Flughäfen, aus Wien und Zürich Flüge via Madrid nach Tanger an. Von dort bestehen Busverbindungen nach Chefchaouen.

Einreise: Es genügt ein mindestens sechs Monate gültiger Reisepass
Währung: Zahlungsmittel ist der Marokkanische Dirham (MAD). Ein MAD entspricht etwa 0,10 Euro; ein Euro etwa 10 MAD.

Essen und Trinken: Unbedingt probiert werden sollten eine Tagine mit Zitronen und Oliven, Pastilla mit Taubenfleisch (oder vegetarisch) und frischer Fisch am Hafen.
Übernachten: Taj Chefchaouen, Bab El Mahrouk, Chefchaouen, Marokko, Telefon 00212-539-989080, wwww.taj-chefchaouen.com. Hoch über der Altstadt thront das moderne Haus, von dem aus sich tolle Panoramablicke auf die Stadt eröffnen.

Die Recherche fand – ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung – auf Einladung / mit Unterstützung des Staatlichen Marokkanischen Fremdenverkehrsamts in Zusammenarbeit mit BPRC Scott Crouch Public Relations statt.
Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.