Bukarest: Balkanflair und Pariser Charme

Bukarest
Bukarest, das „kleine Paris des Ostens“, lockt mit monumentaler Architektur, orthodoxen Kultstätten, lebendigen Vierteln und viel Geschichte. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Bukarest, das „kleine Paris des Ostens“, lockt mit monumentaler Architektur, orthodoxen Kultstätten, lebendigen Vierteln und einer Küche, die Herz und Bauch gleichermaßen wärmt.

Bukarest
Die Kathedrale der Erlösung des Volkes gilt als größte orthodoxe Kirche der Welt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die rumänische Kapitale Bukarest ist eine Stadt, die sich nicht einfach in eine Schublade pressen lässt, und genau darin liegt ihr Reiz. Wer hier ankommt, stolpert zunächst über breite Boulevards, die wie eine Hommage an Paris wirken, nur um wenige Schritte später in ein Gewirr aus engen Gassen, improvisierten Cafés und bröckelnden Fassaden einzutauchen. Neben Pracht- und Plattenbauten sowie heruntergekommenen Gebäuden mit viel Charme und leider oftmals beschmierten Fassaden ducken sich viele Ruinen in den Straßen und Gassen. Es ist, als hätte jemand die Eleganz der Belle Époque mit der Improvisationskunst des Balkans vermischt – und das Ergebnis ist ein urbanes Mosaik, das niemals langweilig wird und einen Renovierungsstau in gefühlt jedem vierten Haus aufweist.

Monumentale Maßlosigkeit

Bukarest
Der Palast des Parlaments gehört zu den Protzbauten aus der kommunistischen Zeit. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Der Palast des Parlaments erhebt sich wie ein überdimensioniertes Monument der Maßlosigkeit. Das monumentale Bauwerk liegt wie ein steinerner Koloss auf einem Hügel über die 1,8-Millionen-Seelen-Stadt. Ein Relikt der Ceaușescu-Ära, das gleichermaßen fasziniert wie verstört. Beim Näherkommen wirken die endlosen Fassaden fast surreal, während im Inneren marmorne Hallen und prunkvolle Säle die Mischung aus Faszination und Unverständnis fortsetzen.

Die Kathedrale der Erlösung des Volkes ist prachtvoll ausgestaltet. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Angrenzend an das Parlament findet sich mit der Nationalkathedrale, Kathedrale der Erlösung des Volkes (rumänisch Catedrala Mântuirii Neamului) genannt, ein weiterer Protzbau. Die 120 Meter Länge und 70 Metern Breite größte und mit 127 Metern Höhe zugleich höchste orthodoxe Kirche der Welt, erbaut zwischen den Jahren 2010 und 2018, bietet unter ihren goldenen Kuppeln Platz für 5.000 Gläubige. Von Innen ist das für stolze 110 Millionen Euro errichtete Gotteshaus überaus auswendig bemalt und dekoriert.

Feinste Kultur

Bukarest
Das Athenäum gehört zu den faszinierendsten Gebäudekomplexen in Bukarest. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Ganz anders das Athenäum. Die elegante Konzerthalle mit ihrer ikonischen Kuppel ist nicht nur architektonisch ein Highlight – es ist auch die Heimat der rumänischen Philharmonie. Schon der Eintritt in die rot-goldene Rotunde fühlt sich an wie ein Schritt in eine andere Epoche. Und nur einen Steinwurf entfernt lädt das Nationalmuseum für rumänische Geschichte zu einer Reise durch Jahrhunderte ein, von den Dakerkriegen bis zur Moderne.

Regenschirmdeko in der Viktoria Passage. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Nur wenige Gehminuten entfernt liegt mit der Viktoria Passage ein Art Deco Schmuckstück aus dem Jahre 1913, dessen Durchgang komplett mit bunten Regenschirm behängt ist und einen schönen Blickfang bildet.

Das Herz der Altstadt

Im Abendlicht wirkt das Altstadtviertel Lipscani noch einladender. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Derweil bildet das Altstadtviertel Lipscani das lebendige Herzstück von Bukarest. Kopfsteinpflaster, Bars, Boutiquen und szenige Nachtclubs liegen Tür an Tür. Es ist der Ort, an dem man beim Biertrinken plötzlich neben einem Philosophieprofessor sitzt, der einem die Geschichte der Dada-Bewegung erklärt, während im Hintergrund ein Straßenmusiker mit einer Geige versucht, „Nothing Else Matters“ zu interpretieren.

Die Stavropoleos-Kirche wurde 1724 im Brâncoveanu-Stil von dem griechischen Mönch Ioanichie Stratonikeas gebaut. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Zu den imposanten Gebäuden in der Altstadt gehört die Stavropoleos-Kirche, ein Kleinod der Brâncoveanu-Architektur, während Cărturești Carusel als die vermeintlich schönste Buchhandlung der Welt gilt. Das Geschäft befindet sich in einem prachtvoll restaurierten Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert und erstreckt sich über sechs lichtdurchflutete Etagen mit geschwungenen Galerien, weißen Säulen und einem großzügigen Lichthof, der das Gebäude in warmes Tageslicht taucht.

Die Pasajul Villacrosse Macca beherbergt zahlreiche Cafés, Bars und Restaurants. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Lohnend ist daneben ein kurzer Abstecher ins Pasajul Villacrosse Macca unweit des monumentalen Prachtbaus der Nationalbank. In der halbrunden, überdachten Wandelhalle aus dem Jahre 1891 reiht sich ein Café an das nächste.

Bukarests grüne Lunge

Bukarest
Im Herăstrău-Park ticken die Uhren anders … – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Und dann sind da noch die vielen Parks und Grünanlagen im Stadtgebiet. Vor allem der Herăstrău-Park, heute offiziell König-Michael-I.-Park. Hier glitzert ein See zwischen alten Bäumen, Jogger ziehen ihre Runden, und am Ufer sitzen Paare, die die Nachmittagssonne genießen. Gleich nebenan wartet das Dimitrie Gusti National Village Museum, ein Freilichtmuseum, das traditionelle rumänische Architektur aus allen Regionen des Landes versammelt und mit seinen gut 120 historischen Bauwerken wie ein Zeitfenster in die Vergangenheit wirkt.

Bukarest
Paris lässt am Arcul de Triumf grüßen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Unweit des Museumsdorfes sorgt an der Kiseleff-Chaussee der Triumphbogen für einen weiteren Blickfang. Der Arcul de Triumf wurde zwischen 1935 und 1936 nach dem Vorbild des Arc de Triomphe in Paris errichtet. Er erinnert an Rumäniens Rolle im Ersten Weltkrieg.

Pomp des Sozialismus

Die Villa Ceaușescu vermittelt einen Einblick in das luxuriöse Leben des einstigen Diktators. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Auf der anderen Seite des Parks ist die Villa Ceaușescu fast schon eine Pflichtstation für alle historisch Interessierten. Das auch als „Frühlingspalast“ (Palatul Primăverii) bekannte Wohnhaus, war über zwei Jahrzehnte die private Residenz von Diktator Nicolae Ceaușescu und seiner Gattin und Elena. Das Anwesen wurde Mitte der 1960er‑Jahre errichtet und Anfang der 1970er erweitert.

Diktator Nicolae Ceaușescu liebte es protzig. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Hinter den Mauern verbarg sich in der sozialistischen Ära eine Welt aus Marmor, Kristalllüstern und kunstvollen Wandteppichen, die in starkem Kontrast zur Lebensrealität der Bevölkerung stand. Das Anwesen umfasst luxuriöse Wohnräume, einen Wintergarten, einen privaten Kinosaal und ein beeindruckendes Schwimmbad. Seit ihrer Öffnung als Museum erlaubt die Villa einen seltenen Blick auf die Inszenierung von Macht und Privilegien der rumänischen Staatsfamilie in der späten kommunistischen Ära.

Kulinarik mit Missverständnissen

An ungewöhnlichen Blickfängen mangelt es in Bukarest nicht. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Derweil kommen Street-Art-Liebhaber in der Arthur-Verona-Straße voll auf ihre Kosten. Diese Straße ist eine kleine Freiluftgalerie mit mehr oder weniger kunstvollen Wandbildern und Motiven. Jedes Jahr entstehen neue Murals, politische Botschaften und kreative Installationen.

Die Anton-Kirche in der Altstadt besticht durch eine auffällige Fassade. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Kulinarisch ist Bukarest ein Fest für Herz und Bauch – und für kleine Missverständnisse, die den Aufenthalt erst richtig charmant machen. Wer voller Selbstvertrauen „Mici“ bestellt, die berühmten Hackröllchen, erlebt oft die Szene, dass der Kellner nachfragt, wie viele es denn sein sollen. Sagt man vorsichtig „drei“, erntet man ein hochgezogenes Augenbrauenpaar und die freundliche Belehrung, dass drei Mici eher ein Appetithäppchen seien und man mindestens fünf brauche, um ernst genommen zu werden.

Suppen-Verwirrung

Bohnensuppe im Brotlaib gehört zu den Klassikern der rumänischen Küche. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Ähnlich köstlich ist die Verwirrung bei der Suppe. „Ciorbă“ ist eine Institution, aber die Varianten sind vielfältig. Wer „Ciorbă de burtă“ bestellt, ohne zu wissen, dass es sich um eine Kuttelsuppe handelt, erlebt den Moment, in dem der Teller kommt, man neugierig probiert und mit einem leicht irritierten Blick versucht, die Überraschung zu verbergen. Der Kellner lächelt wissend, als hätte er diese Szene schon hundertmal gesehen.

Haxenfleisch steht fast in jedem Restaurant auf der Karte. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Und dann gibt es die Klassiker der Übersetzungs-Denkfehler in Rumänien: Wer einen „Salat“ bestellt, bekommt nicht selten eine Portion eingelegtes Gemüse, das eher an Antipasti erinnert als an frischen Blattsalat. Wer „Wasser“ verlangt, sollte sich darauf einstellen, dass stilles Wasser nicht selbstverständlich ist – oft wird automatisch Mineralwasser serviert, und man muss mit einem Lächeln und einem Fingerzeig auf die Flasche klarstellen, dass man „apă plată“ meint.

Kleine Trinkgenüsse

Die rumänischen Biere sind durchaus höherprozentig. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Auch beim Wein kann es zu charmanten Diskussionen kommen. Bestellt man „ein Glas Rotwein“, kann es passieren, dass der Kellner fragt: „Trocken oder süß?“ – und plötzlich findet man sich in einer Debatte über die Vorzüge rumänischer Dessertweine wieder, obwohl man eigentlich nur etwas zum Abendessen wollte.

Bukarest
Prachtvoll: Die Zentrale Universitätsbibliothek aus dem Jahre 1895. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Liebhabern eines gekühlten Gerstensafts sei ein Csískí Sör empfohlen. Das beliebte Bier aus Transsylvanien wird seit dem Jahre 1540 gebraut, schmeckt eher mild, enthält aber stolze sechs Prozent Alkohol.

Zauber der Kontraste

Der Nationale Militärklub (Cercul Militar Național) wurde zwischen 1911 und 1923 im französischen Eklektizismus-Stil erbaut. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Das Besondere an Bukarest ist, dass die Stadt keine glatte Oberfläche bietet. Sie ist ein Ort der Kontraste: zwischen kommunistischer Monumentalität und französischem Flair, zwischen orthodoxer Mystik und hippen Cafés, zwischen bröckelnden Fassaden und glitzernden Shoppingmalls.

Beeindruckend ist die Fassade der zentral gelegenen Nationalbank. _ Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Manchmal wirkt sie wie ein Freund, der immer noch eine letzte Anekdote parat hat. Etwa wenn ein alter Dacia mit knatterndem Motor neben einem Tesla an der Ampel steht – und beide Fahrer sich mit derselben stoischen Gelassenheit auf das Grünlicht vorbereiten. Oder wenn man in einem Café einen Cappuccino bestellt und der Kellner einem mit einem breiten Grinsen einen Espresso doppio serviert, weil „das eh besser ist“.

Unvermeidbare Achterbahnfahrt

Zu den Wahrzeichen der Stadt gehört die Kapitolinische Wölfin (Statuia Lupoaicei) am I.C. Brătianu Boulevard. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Und so ist ein Tag in Bukarest eine kleine Achterbahnfahrt. Morgens ein Kaffee im hippen „Origo“, mittags ein Spaziergang durch die Altstadt, nachmittags ein ehrfürchtiger Blick in den Parlamentspalast, abends ein Glas Wein im „Caru’ cu Bere“ – und nachts? Nun, Bukarest schläft nie wirklich. Die Stadt ist wie ein Kaleidoskop, das sich immer wieder neu dreht, und wer sich darauf einlässt, wird mit Geschichten belohnt, die man nicht vergisst.

Wissenswertes zu Bukarest in Kurzform

Cărturești Carusel gilt als vermeintlich schönste Buchhandlung der Welt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Informationen: www.visitbucharest.today und www.romaniatourism.com

Anreise: Eurowings bietet Direktflüge von zahlreichen deutschen Airports nach Bukarest an; ebenso Austrian von Wien und Swiss von Zürich aus.

Der Flughafen Bukarest ist gut an Ziele in Westeuropa angebunden. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Einreise: Rumänien ist Teil des Schengen-Raums. Grenzkontrollen entfallen in der Regel. Ein Personalausweis genügt.

Währung: Zahlungsmittel in Rumänien ist der Rumänische Leu (RON), Mehrzahl „Lei“. Ein Leu sind 0,2 Euro; ein Euro entspricht 5,09 Lei.

Die Lipscani-Straße in der Altstadt wird von Prachtbauten gesäumt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Zeitunterschied: Rumänien liegt eine Stunde vor Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Essen & Trinken: Caru‘ cu bere, Strada Stavropoleos 5, Bukarest, Rumänien, Telefon 040-(0)726-282373, www.carucubere.ro. Die traditionsreiche wie prachtvoller Bierhalle von 1879 besticht durch ihre neugotische Architektur, aufwendigen Holzvertäfelungen sowie Buntglasfenstern und serviert klassische rumänische Gerichte.

Das Caru‘ cu bere ist das wohl beeindruckendste Restaurant der Altstadt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Balls, Bulevardul Dacia 114, Bukarest, Rumänien, Telefon, www.balls.ro. In dem vor allem bei jungen Menschen beliebten Restaurant kommen Hackbällchen-Varianten aus aller Welt auf den Tisch.

Noa, Calea Victoriei 26, Bukarest, Rumänien, Telefon 040-(0)799-747557, www.noasteakhouse.ro. Das am Rande der Altstadt gelegene Restaurant bietet rumänischen Tapas und Wein an.

Besonderheit im Uni88 Apart Hotel ist der Whirlpool im Wintergarten der Dachterrasse. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Übernachten: Uni88 Apart Hotel, Strada Mihai Eminescu 188, Bukarest, Rumänien, Telefon 0040-(0)757-575780, www.uni88.ro. Das moderne Hotel bietet gut ausgestattete Apartments in verschiedenen Größen.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.