
Schön, hinreißend sind sie, die Städteperlen entlang der Romantischen Straße: Würzburg, Rothenburg ob der Tauber und Dinkelsbühl – ja, auch im Winter, wenn es schneit! Weniger voll, ruhig und stimmungsvoll. Die Museen leer, die Wirtshäuser gemütlich, die Gassen voller Romantik – und man kann wunderbar essen.

Schicksalhaft fügte sich, dass in Würzburg ein Adelsgeschlecht nicht nur kapitalkräftig, sondern auch künstlerisch hochbegabt war: die Fürstbischöfe aus dem Hause Schönborn. Auf dem verschneiten Berg über dem Main hatten sie ihren Sitz. Doch zu Beginn des 18. Jahrhunderts war Fürstbischof Johann von Schönborn der Festung Marienberg überdrüssig: er träumte von Glanz und Glamour in der Stadt.

„Das war die Stunde des noch unbekannten Balthasar Neumann“, so Stadtführer Dr. Dennis vor der Residenz. Mit dem Barockbau – seit 1981 Unesco-Kulturerbe – und seinem prächtigen Weinkeller schuf der Architekt nicht nur das „fränkische Versailles“, sondern machte sich mit diesem Meisterwerk als größter Baumeister des deutschen Barock unsterblich. Stumm vor Begeisterung betritt man das grandiose Treppenhaus. Experten sprechen vom stärksten profanen Raumeindruck überhaupt, gekrönt vom größten Deckengemälde der Welt des Venezianers Tiepolo.
Jubiläum der Romantischen Straße

Die Romantische Straße, Deutschlands älteste Ferienstraße, feierte letztes Jahr ihr 75. Jubiläum, deren Ruf in alle Welt dringt. 350 Kilometer schlängelt sie sich von Würzburg durch herrliche Landschaften zu den Alpen, streift Weinorte, Burgen und Schlösser. Mainfrankens Dichter, Friedrich Schnack, sagte einst von Würzburg: „Ich liebe diese Stadt, weil sie so einen schönen Namen hat: die Würze des Weines duftet hindurch. Sie ist eine harmonische Stadt, erfüllt von einer reifen, verfeinerten Kultur. Es ist die Stadt im Licht“.

Von Licht und Sonne profitieren links und rechts des Mains Weinlagen von Weltruf: der „Stein“, die „Leiste und der Schlossberg“. Die gehören zum Teil dem 700 Jahre alten Weingut „Bürgerspital zum Heiligen Geist“. Im vielleicht schönsten Weinkeller Deutschlands treffen wir inmitten der 5000-Liter-Holzfässer die hiesige Weinexpertin zu einem Rundgang durch die alten Gewölbe. Im Weinhaus werden uns zu fränkischen Tapas Weine wie Silvaner und Scheurebe vom Stein serviert, einfach köstlich.
Auf ein Viertele in die Altstadt

Zum Aufwärmen braucht es nur ein paar Schritte ins „Aifach REISERS“ am Unteren Markt, gleich neben der spätgotischen Marienkapelle. Da sieht man sie hocken – Einheimische neben Touristen – locker-lässig bei exquisiten, saisonalen Gerichten und Weinen. Das Speisen beim Bernhard Reiser wie der Bummel durch die Altstadt sind umtönt von reinem Fränkisch. Es gibt Freuden zur Winterszeit, bei denen die Würzburger unter sich sind: bei einem „Viertele“ in einer urigen Weinstube, bei einem Gebet im Dom St. Kilian oder einem Innehalten im Lusamgärtchen am Grab des Minnesängers Walther von der Vogelweide.

Nebelschwaden wabern über den Main. Ziel am frühen Abend ist die Alte Mainbrücke mit den zwölfbarocken Brückenfiguren unterhalb der Festung Marienberg und der Wallfahrtskirche, dem „Käppele“. Hier trifft sich Würzburgs Jeunesse sommers wie winters auf einen Glühwein oder „schöppelt“ einen fruchtigen Spätburgunder. Wie der schmeckt? Kräftig, ganz unverwechselbar, klassischer Franke eben. Der Graue Burgunder zur Brühe mit Leberklößchen in der Alten Mainmühle erinnert an reife Ananas und Quitten. Fehlt da nicht etwas? Ja, natürlich: das Bier! Das schmeckt zum „Schäufele ofenfrisch“ – knusprigem Schweinefleisch mit Blaukraut.
Ganzjahres-Weihnachtswelt

In Rothenburg ob der Tauber erleben wir geballtes Mittelalter. Schade nur, dass die Adventszeit vorbei ist, denn da verwandelt sich das berühmte Städtchen in ein Weihnachts-Wintermärchen. Und ein Glück, dass sich jetzt keine Touristenströme durch die Gassen quetschen. Wo sich Burgenstraße und Romantische Straße kreuzen, verbinden sich Sightseeing und Adventsfreuden in fußgängerfreundlicher Nachbarschaft. Zwei Besonderheiten hat das Städtekleinod von Natur aus zu bieten: den Mauerring und die Giebelhäuser mit Siebersturm am Plönlein und entlang der eng gepflasterten Schmiedgasse. Vor solch einer Kulisse mundet „weißer“ Winzerglühwein zu fettgebackenen Schneeballen!

Die Weihnachtswelt der Käthe Wohlfahrt muss man gesehen haben. „Ob mit oder ohne Schnee, bei uns im Weihnachtsdorf ist immer Bilderbuch-Winter“, konstatiert eine Mitarbeiterin. 30.000 der schönsten deutschen Weihnachtsartikel sind ganzjährig im Angebot – von 50 Cent bis zur „Spieldose der Welt“ zu fast 2000 Euro. Zwischen wertvollen Pyramiden aus dem Erzgebirge, Krippenfiguren sowie Unikate hervorragender Künstler öffnet sich die Himmelspforte – und führt direkt in das Deutsche Weihnachtsmuseum. Man läuft auf Sternenböden, schaut in einen blauen Himmel mit weißen Wolken, erfährt alles über Bräuche und Traditionen.
Fränkisches Jerusalem

Draußen im milden Licht der Gassenlampen treibt uns ein kalter Wind in die St. Jakobs-Kirche. Prunkstück des gotischen Baus ist der Heilig-Blut-Altar – um 1500 von Tilman Riemenschneider geschnitzt. Rothenburg hat auch eine jüdische Tradition. Alte Fachwerkhäuser stehen noch in der Judengasse. Man spricht auch vom fränkischen Jerusalem“. Wird es Nacht, ruft der Nachtwächter mit Hellebarde und Laterne zum Rundgang durch Tore und düstere Gassen, über Plätze in diffusem Licht. OrIginell und kurzweilig sind seine Geschichten über die Stadt und ihrer Menschen im Mittelalter.

Die Sage vom „Rothenburger Meistertrunk“, die die Uhr am Markt stündlich figürlich darstellt, müssen wir auslassen. Wir wollen Kochkünstler Christian Mittermeier über die Schulter schauen. Er und seine junge Crew „zaubern“ Beachtliches, keine Alltagsküche: mal Aubergine in Szechuan Marinade mit Miso Mayonnaise à la Japan; dann Tatar vom weißen Fleisch des Amur-Karpfens, das bis zu 10 Tagen „abgehangen“ wird. Ein Dessert Shio Koji Karamell mit dunkler Schokolade? Man kann sagen, das ist kulinarische Alchemie…na bitte!
Mittelalterliches Gesamtkunstwerk

Weiter südlich auf der Romantica erreichen wir das bestens erhaltene Dinkelsbühl – ein Gesamtkunstwerk aus Mittelalter, Renaissance und Barock. Im historischen Zentrum wähnt man sich in den guten uralten Zeiten. Wohin wir schauen reichgestaltete Fachwerkhäuser – harmonische Architektur und variable Farbgebung begeistern – kein Werbeschild, keine Neonlampen, kein Glamour. Nur das übermächtige Münster St. Georg mit dem zu kurzgeratenen Westturm unterbricht die Symmetrie auf dem Marktplatz. Die Hallenkirche steht im Schnittpunkt zweier mittelalterlicher Handelswege, gestiftet von der reichen Bürgerschaft. Im Innern reine Gotik, lichthell.

„Man wollte über das Licht die Verbindung zu Gott erlangen“, erläutert unsere Begleiterin. „Übrigens: Weihnachtsstimmung kommt auf, sobald „Ihr Kinderlein kommet“ erklingt“. Verfasst hat das Lied der hiesige Theologe und Jugendautor Christoph von Schmid, der Komponist blieb unbekannt.

Die Neugier auf die Bürgerhäuser mit Treppen- oder steilen -Giebeln vor der Kirche treibt die Besichtigung voran, fünf davon boten Kaiser Karl V. und Schwedens König Gustav Adolf eine standesgemäße Herberge. Die Unversehrtheit der Altstadt haben die Bürger ihrem – bayerischen – König Ludwig I., Großvater des Schlösser-Sammlers Ludwig II, zu verdanken. „Es bleibt alles so, wie es ist“. Nichts durfte abgerissen oder verändert werden, Gott sei’s gedankt! Unter Schneetreiben retten wir uns ins Deutsche Haus, wo uns ein leckeres Gänsegericht erwartet – und Wein sowieso. Viel Glück der Romantischen Straße, wir haben alles sehr genossen …
Wissenswertes zur Romantischen Straße

Informationen: www.frankentourismus.de und unter www.romantische.strasse.de
Strecke: Von Würzburg bis Rothenburg sind es mit dem Auto wie mit dem Fahrrad 148 km, bis Dinkelsbühl nochmals 193 km. Der Weitwanderweg ist durchgehend ausgeschildert; er führt über Wald- und Feldwege. Wanderpass und Etappenstempel vergeben jeweils die Touristenbüros.

Übernachten: In Würzburgs Zentrum z.B. das frisch sanierte und modernisierte Dorint Hotel, in Rothenburg empfiehlt sich u.a. das Prinzhotel direkt neben der Stadtmauer und mitten in der Altstadt von Dinkelsbühl bietet sich das Gasthaus Sonne an.
Die Recherche fand – ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung – auf Einladung / mit Unterstützung des Tourismusverbands Franken statt.
Katharina Büttel
lebt und arbeitet als freie Reisejournalistin in Berlin. Über 30 Jahre reist sie für ihre Reportagen und Fotos um die Welt – seit vielen Jahren veröffentlicht sie auch im Mortimer-Reisemagazin.