Der älteste Karneval der Welt in Limoux

Limoux
Pierrots mit Maske und „carabene“ inmitten einer „bande“ auf dem Platz der Republik beim Karneval im französischen Limoux. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Seit dem Jahr 2012 steht der Karneval im südfranzösischen Limoux auf der UNESCO-Liste immateriellen Kulturerbes. Er gilt nicht nur als längster seiner Art weltweit, sondern gehört auch zu den Ältesten.

In den rustikalen Höhlengängen, die heute ein kleines Museum beherbergen, haben Klosterbrüder im Jahr 1531 den Vorläufer des Champagner kreiert, den Blanquette. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

1531 – stolz prangt in großen Ziffern die Zahl silberfarben auf dem Etikett am schlanken, dunklen Hals der tiefdunkelgrünen Flasche. Sie bezieht sich aber nicht etwa auf das Produktionsjahr des gut verkorkten Flascheninhalts, denn dieser ist wesentlich jünger, sondern vielmehr auf das Datum, als er gemäß Überlieferung erstmals in dieser Form hergestellt wurde. Der „Blanquette de Limoux“ gilt als erster, in der Flasche gegärter Schaumwein.

Eine Flasche Blanquette und Gläser auf dem Tresen auf dem Platz der Republik. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Mönche des Klosters Saint-Hilaire sollen seine Erfinder gewesen sein und die höhlenartigen Kelleranlagen, die heute beim Besuch der eindrucksvollen Abtei zu sehen sind, vermitteln, ja unterstützen diesen Eindruck noch. Gleichwohl fehlt dem in der winzigen Ausstellung dekorativ drapierten Flaschenrüttler, den Flaschen wie dem ebenfalls ausgestellten Fass ein wenig die historische Patina. Und doch mag man gerne glauben, dass hier die Klosterbrüder erstmals gärenden, jungen Wein in Flaschen abfüllten – damit den Vorläufer des Champagner.

Geburtsstunde des Karnevals

Limoux
Ein Hauch von Brasilien liegt über Limoux. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Schon gut 200 Jahre zuvor, nämlich etwa in der Mitte des 14. Jahrhunderts, werden die Anfänge des Karnevals von Limoux zeitlich verortet. Damals gab es ungewöhnlich viele Getreidemühlen in und um das kleine, einst von einer Stadtmauer umfriedete und heute knapp 10.000 Einwohner zählende Städtchen am Fluss Aude. Die Zunft der Müller war verpflichtet Steuern an das Kloster von Prouille zu entrichten und machte, bevor sie das Mehl dort ablieferte, eine kleine Prozession durch den Ort. Von Musikern begleitet verteilten sie dabei Mehl und gebrannte Mandeln unters Volk.

Auch den eigenen Landsleuten wird der karnevalistische Spiegel vorgehalten. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Daraus entwickelte sich, nachweislich beginnend am Mardi Gras im Jahr 1604, die ritualisierte und organisierte Veranstaltungsform, wie sie heute noch zelebriert wird. Lediglich das Wurfmaterial ist ein anderes: buntes Konfetti wirbelt nun lustig im Wind, verteilt sich flächendeckend in der Menge und auf dem Platz der Republik, der einmal umrundet wird. Damals wie heute spielt aber auch der Blanquette eine entscheidende Rolle. Ausgeschenkt natürlich in den Bars, Restaurants und Bistros, die sich in erstaunlicher Vielfalt um das pulsierende Herz Limouxs verteilen, und in der Platzmitte an einem eigenen, stets bestens frequentierten Stand für das prickelnd belebende Getränk, das nur so in Strömen fließt.

Feiermarathon über drei Monate

Pierrot mit Maske auf dem Platz der Republik. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

„Die Besonderheit des Karnevals von Limoux besteht, natürlich abgesehen von seiner über 400-jährigen Historie, in seiner ungewöhnlichen Länge. Denn über fast drei Monate ab Mitte Januar haben wir hier jedes Wochenende regelmäßige Umzüge,“ erzählt Caroline Combis vom regionalen Fremdenverkehrsbüro Aude Tourisme stolz. „Das mag dann wohl ein kleiner Weltrekord sein“ lächelt sie schelmisch. Jeweils unterschiedliche Gruppen bestehend aus mindestens 15 Personen sind unterwegs, andere Masken, andere Kostüme, doch stets mit einem ähnlichen Ritual. Sie repräsentieren Orte oder Vereine.

Überaus phantasievoll sind Masken und Kostüme. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Über die Jahrhunderte gab es nur wenige Veränderungen am traditionellen Ablauf; nur nach dem 2. Weltkrieg vollzog sich eine etwas straffere, strukturiertere Organisation. „Nun sind gut 30 Karnevalsgruppen, die „bandes“, unterwegs. Üblicherweise leiten „Les Meuniers“, die Müller, die Karnevalsfeiern ein. In Weiß gekleidet tragen sie als einzige Gruppe keine Maske, dafür Säcke und stilisierte Mühlsteine mit sich und folgen einer etwas eigenwilligen, sich an Intensität allmählich steigernden Choreografie. Diese „Les Fécos“ ist bei allen anderen Gruppen ähnlich. Sie soll nach der Legende auf der Gestik von Weinbauern beruhen, die mittels Körperkraft den Saft aus ihren Trauben pressen.“

Chaotische Feierlust

Die freudige Stimmung ist allgegenwärtig. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Begleitet vom eingängigen Rhythmus der Trommler und Bläser tanzen sie zunächst miteinander und untereinander, um sich erst vorsichtig, dann mit Vehemenz immer mehr dem Publikum zu nähern und durchaus auch Kontakt aufzunehmen. Dies geschieht sowohl durch das Berühren mit dem »carabene«, einem dünnen langen, biegsamen Stab aus Schilfrohr, der wie ein Zauberstab geschwungen wird, als auch durch Ansprache auf okzitanisch. In dieser leider nicht mehr allzu weit verbreiteten Sprache wird auch gesungen, somit leistet der Karneval seinen Beitrag zur Erhaltung dieses wichtigen Kulturgutes.

Und noch ein Pierrot mit Maske und „carabene“ auf dem Platz der Republik. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Die Kostüme sind opulent, bunt und schillernd, die Pierrot-Masken zuweilen überaus edel, aber immer geheimnisvoll, sie erinnern an die Figuren der Commedia dell’Arte, niemand weiß, wer sich dahinter, ob Mann oder Frau, verbirgt. Andere übertreffen sich in sarkastischer Hässlichkeit, persiflieren Persönlichkeiten des Tagesgeschehens. Abrupt endet ein jeder Vortrag. Heftig umjubelt kehren Gruppe und Musiker ins nächste Café ein, um gut gestärkt bald darauf wieder loszuziehen. Immer mehr Gruppen drehen ihre Runden, das Geschehen unter dem Venus-Brunnen wird zusehends unübersichtlich, laut und bisweilen etwas chaotisch. Ebenfalls oft kostümiert und in bester Feierlaune mischen sich Zuschauer und Akteure und kreieren ein fröhliches Durcheinander. Eine ganz eigene Magie entwickelt die abendliche Fackelprozession, durch ihre besondere Lichtstimmung und mystische Atmosphäre.

Opferung des Königs Karneval

Mit Reizen wird bisweilen nicht gegeizt… – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Karnevalswagen gibt es keine, ebenso keine musikalischen Gassenhauer, kein impertinentes Gegröle, stattdessen beteiligen sich Gruppen aus Karnevalsregionen anderer Länder an den Umzügen und bringen zusätzliches internationales Flair in das an sich schon überaus festliche Ambiente. Das spektakuläre Karnevalsgeschehen von Limoux endet schließlich nach einem knappen Vierteljahr mit der zeremoniellen Opferung des Königs Karneval, einer überdimensionalen Puppe, die in der „Nacht des Blanquette“ in einen riesigen Scheiterhaufen geworfen wird. Alle Gruppen versammeln sich um sie, tanzen und singen zum Abschied ausgelassen um das Feuer, werfen Masken und Carabenes hinein, um den schon so lange währenden Ausnahmezustand zu beenden und das normale Leben wieder aufzunehmen.

Drei Monate lang ist Limoux in faszinierender Feierstimmung. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Information: www.visit-occitanie.com, www.audetourisme.com und www.en.limouxin-tourisme.com

Termin: Die Karnevalsfeierlichkeiten von Limoux im Jahr 2026 laufen bis zum 22. März. Veranstaltungen und Umzüge jeweils am Wochenende.

Die Masken sind nahezu ausnahmslos echte Blickfänge. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Anreise: Lufthansa fliegt täglich von Frankfurt und München nach Toulouse, vom Bahnhof Toulouse-Matabiau dauert es mit dem Zug gut 90 Minuten bis zum Bahnhof von Limoux. Etwas mehr Zeit benötigen ebenfalls mehrfach am Tag verkehrende Busse. Mit dem Mietwagen geht es über die A61 bis zur Ausfahrt 21, Castelnaudry, und über die D623 in anderthalb Stunden.

Sehenswürdigkeiten: Unbedingt einen Abstecher wert ist das in einer mittelalterlichen Festung angelegte Benediktinerkloster von Saint-Hilaire im Lauquet-Tal, gleichsam der historische Geburtsort des Schaumweins.

Limoux
Die Straßen wandeln sich zum Maskenball. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Essen und Trinken: Eine ganze Reihe gastronomischer Betriebe gruppiert sich um den Platz der Republik, darunter die überaus charmante Creperie La Cerise, die Bar L´entre Deux, 15 Pl. de la République, das Kebab-Restaurant Le Va et Viens oder der Meeresfrüchtespezialist Chez Stephane et Coco, 6 Pl. de la République.

Übernachten: Ein uriges Hotel mit spannender Geschichte und sehr gutem Restaurant ist Grand Hôtel Moderne et Pigeon unweit des Place de la République im Herzen Limouxs.

Die Pierrots sind das Markenzeichen des Karnevals in Limoux. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Die Recherche fand – ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung – auf Einladung / mit Unterstützung des Tourismusverbandes Visit Occitanie und von Aude Toursime statt.

Udo Haafke

arbeitet als freier Fotograf und Bildjournalist mit eigenem Redaktionsbüro. Neben zahlreichen Fotoausstellungen im In- und Ausland hat er sich als Autor von Reiseführern und Bildbänden zu regionalen, nationalen und internationalen Themen einen Namen gemacht.