
Es beginnt mit einem Plätschern. Kein dramatisches Rauschen, kein donnernder Wasserfall – eher das leise, beharrliche Flüstern eines Kanals, der sich durch Nordhorn windet. Hier, wo die Grenze zu den Niederlanden fast zum Nachbarn wird, lebt man mit dem Wasser und gerne am Wasser. Der Vechtesee, die Vechte, aber auch Kanäle, Brücken und Radwege prägen das Stadtbild – und wer sich auf den Sattel schwingt, entdeckt eine Region, die sich am besten mit Rückenwind erkunden lässt.
Tierische Begegnungen
In der 56.000-Seelen-Gemeinde in der Grafschaft Bentheim kann man nicht nur durch Altstadtgassen schlendern, sondern auch Antilopen, Erdmännchen, Kängurus und Zebras begegnen – und das (fast) mitten in der Stadt. Der Tierpark, gerne als „Familienzoo im Grünen“ bezeichnet wird, bietet präsentiert auf rund zwölf Hektar Fläche gut 2.500 Tiere aus mehr als 100 Arten.
Eine Stadt, die mit dem Wasser lebt

Die Vechte ist hier so etwas wie die Lebensader. Sie schlängelt sich durch die Stadt, begleitet von Kanälen, Brücken und Uferwegen, die zum Flanieren einladen. Und so trägt die Wasserstadt Nordhorn ihren Namen zu Recht: Über 20 Brücken verbinden die Stadtteile, und wer sich auf eine der vielen Fahrradrouten begibt, merkt schnell, dass hier das Rad nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern Lebensstil ist.
Radeln mit Aussicht – und ohne Steigung

Nordhorn ist ein Paradies für Pedalritter. Die Landschaft ist flach wie ein Pfannkuchen, die Wege gut ausgebaut, und die Aussicht reicht von grünen Wiesen über historische Industriearchitektur bis hin zu charmanten Cafés am Wasser. Wer mag, radelt bis ins benachbarte Holland – die Grenze ist nur ein paar Kurbelumdrehungen entfernt.
Der Hauch der Geschichte

Nordhorns Geschichte beginnt im Mittelalter – um das Jahr 900 als „Northornon“ erwähnt, entwickelte sich die Stadt rund um die Vechteinsel. 1379 wurden dem dann durch Graf Bernhard I. die Stadtrechte verliehen. In der Folge wurde Nordhorn zum Handelsplatz und schließlich zu einer Textilhochburg. Bis in die 1980er Jahre wurden hier Stoffe produziert, die sogar Dior und Lagerfeld verarbeiteten. Heute erinnern der 1906 errichtete Povelturm und der NINO-Hochbau an diese glanzvolle Ära – mit Museen, Ausstellungen und sogar einem Dressing Room, in dem man historische Mode anprobieren kann.
Wo einst die Mühle klapperte …

Ein weiteres historisches Juwel ist die direkt am Mühlendamm über der Vechte gelegene Kornmühle, deren Geschichte bis in das 14. Jahrhundert zurückreicht. Das heutige Backstein-Ensemble stammt aus dem späten 18. Jahrhundert und wurde 1873 um Sägemühle erweitert. Seit dem Jahre 1989 fungiert die Kornmühle nun als Veranstaltungsort für Konzerte, Ausstellungen und Theateraufführungen. Kultur trifft hier auf eine imposante historische Kulisse.
Zompen, Schuiten und Torfmutten

Neben der Kornmühle erstreckt sich mit dem Stadtpark ein botanisches Gedicht mit uralten Bäumen. An die Grünanlage grenzt die katholische Kirche St. Augustinus. Das Gotteshaus prägt zusammen mit der Alten Kirche am Markt, deren Turm 70 Meter gen Himmel ragt, die Silhouette von Nordhorn. Derweil zeigt das Schifffahrtsmuseum nicht nur Modelle von Zompen, Schuiten und der typischen Torfmutte, die einst die Vechte befuhren, sondern verfügt auch über die Kommandobrücke eines Schiffes aus dem 19. Jahrhundert. Hier darf man selbst das Steuerrad in die Hand nehmen, das Nebelhorn betätigen und sich ein bisschen wie Kapitän Ahab fühlen – nur ohne Moby Dick.
Käse, Kaffee und kleine Gespräche

Nordhorn ist kein Ort der großen Gesten, sondern der kleinen Entdeckungen. Hier ein Käseladen mit holländischem Gouda, da ein Café mit hausgemachtem Apfelkuchen, dann ein Buchladen, in dem man beim Stöbern mit der Besitzerin über die besten Krimis plaudert. Fazit: Nordhorn ist wie ein guter Roman: unspektakulär im Klappentext, aber voller leiser Magie zwischen den Zeilen.

Informationen: www.vvv-nordhorn.de
Essen & Trinken: Pier 99, Heseper Weg 40, 48529 Nordhorn, Telefon 05921-81981999, www.pier99.de. Direkt am Ufer des Vechtesees gelegenes Lokal mit großem Biergarten.

Übernachtungstipp: Nur wenige Kilometer hinter der niederländische Grenze liegt in Denekamp das Papillon Country Resort. Hier werden Glamping-Zelte in verschiedenen Größen und Ausstattung je nach Saison ab 240 Euro für ein Wochenende angeboten.

Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.