
Liepāja ist mehr als Wind und Wellen – die lettische Hafenstadt erzählt Geschichten von Zaren, Rockstars und sowjetischen Schatten. Als Kulturhauptstadt Europas 2027 zeigt sie sich rebellisch, musikalisch und voller Kontraste: zwischen Lost Places und Jugendstil, zwischen salziger Luft und Symphonieklängen.

Liepāja, das klingt ein bisschen wie ein Zauberspruch – und wer einmal dort war, weiß: Die lettische Hafenstadt trägt ihre Vergangenheit wie eine Lederjacke – ein bisschen abgewetzt, aber voller Geschichten. Einst mondänes Seebad des russischen Adels, später in Teilen sowjetisches Sperrgebiet mit strengem Blick gen Westen, heute ein Ort, der sich neu erfindet – mit rebellischem Charme und salziger Luft. Noch dazu – zusammen mit Évora in Portugal – Europas kommende Kulturhauptstadt des Jahres 2027.
Kultur, Kontraste, Küstenwind
Die Straßen erzählen von Jugendstilträumen und militärischer Strenge, von Zaren, Soldaten und Rockstars. Denn das im Jahr 1625 gegründete Liepāja ist nicht nur, wie die Letten sagen, die „Stadt, in der der Wind geboren wurde“ (und tatsächlich weht hier permanent eine mehr oder weniger starke Brise) – sie ist auch die Wiege der lettischen Rockmusik. Hier steht mit dem „Geisterbaum“ – benannt nach einem Song der Band – ein Denkmal für die Band Līvi, und wer sehr genau hinhört, glaubt, zwischen den Möwenschreien Gitarrenriffs zu vernehmen.

Lange eine beschauliches Fischerdorf wurde Liepāja im Mittelalter Teil des Deutschordensstaates und später unter russischer Herrschaft zum bedeutenden Tor nach Amerika – hunderttausende Auswanderer traten von hier ihre Reise in die Neue Welt an. Später, im Kalten Krieg, wurde ein Teil der Stadt zum sowjetischen Sperrgebiet. Vor allem das Viertel Karosta, das heute mit verlassenen Militäranlagen, einem Gefängnis, in dem man für 45 Euro freiwillig in einer Zelle übernachten kann, und einer orthodoxe Kathedrale mit goldenen Kuppeln sowie wenig ansehnlichen Plattenbausiedlungen wie ein Relikt aus einer anderen Zeit wirkt.
Zwischen Zaren und Ostseewind

„Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben wir nicht bei Null angefangen, sondern deutlich im Minusbereich. Denn die Russen haben nur verbrannte Erde hinterlassen; sie haben alles zerstört, Schiffe versenkt und mitgenommen, was sie tragen konnten“, lautet rückblickend die Bilanz von Kristine Kniploka. Die Liepājarin mit den langen braunen Haaren und der markanten Brille mit den großen runden Gläsern hat ansonsten ein eher unaufgeregtes Verhältnis zur Vergangenheit ihrer Heimatstadt: „Die Zeit unter russischer Knute war wenig schön, ist aber ein unwiderruflicher Teil unserer Geschichte, den wir nicht verleugnen können und wollen“, ergänzt sie höflich auf Deutsch. Wobei die Autodidaktin sich ihre Sprachkenntnisse allein durch den Konsum von deutschen Fernsehprogrammen angeeignet hat – und dies nahezu perfekt.

Das Militärgelände in Karosta wurde ab 1895 binnen sieben Jahr als eigenständige Stadt ausgebaut. Die Lage galt aus logistischer und militärischer Sicht als perfekt, weil der Hafen nicht zufriert. Die heute vielfach leerstehenden Unterkünfte für die einfachen Soldaten waren zumeist rote Ziegelbauten. Die wenigen prachtvollen Gebäude in dem Stadtviertel waren Unterkünfte für die Offiziere, die heute in teure Mietwohnungen umgewandelt sind.
Lost Places an der Ostsee

Auf einem engen, teils sandigen, teils schlammigen ehemaligen Militärpfad geht es von Karosta im Zickzackkurs durch ein riesiges Waldgebiet zur abgelegenen Festung Nummer 1. „Die Russen haben hier zur Zaren-Zeit an der Ostsee drei Festungsanlagen mit zahlreichen Geschützbunkern und Stellungen gebaut, von denen nach dem Abzug drei in die Luft gesprengt wurden“, weiß Kristine zu berichten.

Tatsächlich ist das Ganze eher ein riesiger Lost Place mit ganz vielen kleinen Betonbunkern direkt an der Ostsee. Ein Bollwerk für die Ewigkeit, das zu Klettertouren einlädt und den einen oder anderen Graffiti-Künstler auf den Plan rief. Und so sind einige der dicken, fast unkaputtbaren Betonwände mit Wandbildern verschönert. Einige kunstvoll – so etwa mit einem Kopf einer alten Dame – andere mit sinnfreien Schmierereien. Allesamt aber definitiv Blickfänge inmitten der bewaldeten Dünenlandschaft.
Von Karosta bis Bernsteinklang

Einen lebhaften Kontrast bildet die Altstadt von Liepāja, das sich als lettische Musikhauptstadt sieht. Die 70.000-Seelen-Gemeinde hat nicht nur namhafte Rock- und Heavy Metal Bands hervorgebracht, sondern verfügt über das renommierteste (professionelle) Symphonieorchester des Baltikums. Der klingende Botschafter von Liepāja hat seine musikalische Heimat im ultramodernen Konzerthaus gefunden, das wegen seiner orangefarbenen Glasfassade voller Stolz den Namen „Großer Bernstein“ trägt.

Verbindendes Element in Liepāja sind Notenschlüssel, die als Symbole in den Boden eingelassen sind und auf zwei miteinander verwobenen Rundwegen mit 2,6 bzw. 3,5 Kilometern Länge alle Sehenswürdigkeiten der kommenden europäischen Kulturhauptstadt miteinander verbinden. So führt die Route vorbei an der imposanten St.-Anna-Kirche von 1587, der lebhaften, im Jugendstil erbauten Markthalle und charmanten Cafés, die lettische Spezialitäten servieren. Unbedingt probieren sollte man Sklandrausis, einen traditionellen Karotten-Kartoffel-Kuchen, oder das dunkle Roggenbrot, das Rupjmaize.
Die Stadt, die den Wind tanzen lässt

Und dann ist da der acht Kilometer lange und bis zu 80 Meter breite Strand. Weißer Sand, endloser Horizont, salzige Luft – ein Ort zum Durchatmen. „Der Wind pustet den Kopf frei und bläst düstere Gedanken fort“, hat sich nicht nur Kristine längst an den ständigen Wind gewöhnt.

„Aufwendige Frisuren und Regenschirme kann man bei uns getrost vergessen“, lacht sie entspannt, während sie die Tür zum Gästehaus der Frau Hoyer öffnet. Hinter der uralten Fassade verbirgt sich nicht etwa ein Hotel, sondern ein faszinierendes Museum mit zahllosen Exponaten aus dem 17. Jahrhundert. In dem rot-schwarzen Prachtbau waren im Laufe einer langen Geschichte u.a. der russische Zar Peter der Große und der schwedische König Karl XII für mehrere Tage zu Gast. In dem hauseigenen Restaurant werden noch heute Speisen nach Rezepten aus dem Jahre 1820 angeboten.

Derweil besticht die Graudu iela durch eine Reihe an prächtigen Jugendstilbauten und die Dreifaltigkeitskathedrale darf sich rühmen über die mit 131 Registern, vier Manualen und 7.000 Pfeifen größte mechanische Orgel der Welt zu verfügen. Vom Turm des 1758 eingeweihten Gotteshauses eröffnen sich schöne Panoramablicke auf Liepāja, das nicht von ungefähr 2027 als Europas Kulturhauptstadt im internationalen Fokus stehen wird.
Wissenswertes zu Liepāja in Kurzform

Informationen: www.latvia.travel/de und www.liepaja.travel
Lage: Liepāja liegt rund 220 Kilometer westlich der lettischen Hauptstadt Riga. Von dort verkehren regelmäßig die Busse des Lux Express.

Anreise: AirBaltic bietet Direktflüge von Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg. München, Wien und Zürich nach Rīga an. Besonderheit an Bord ist kostenfreies Wlan via Starlink. Dafür ist die Bestuhlung leider sehr eng.
Einreise: Lettland ist Teil des Schengen-Raums. Ein Personalausweis genügt.

Währung: Zahlungsmittel ist der Euro.
Zeit: Lettland ist der Mitteleuropäischen Zeit (MEZ) eine Stunde voraus.
Europas Kulturhauptstadt 2027: www.liepaja2027.lv

Essen und Trinken: Parka Paviljons, M. Valtera iela 3, Liepāja, LV-3401, Lettland, Telefon 00371-28-800887, www.facebook.com/parkapaviljons/. Im prachtvollen Pavillon im Strandpark kommen modern interpretierte, typische lettische Speisen auf den Tisch.
RObread, Zivju iela 3, Liepāja, LV-3401, Lettland, Telefon 00371-23-231343, www.facebook.com/p/RObread-61566503404897/. Kleine Karte mit traditioneller lettischer Küche mit moderner Note.

Übernachten: Art Hotel Roma, Zivju iela 3, Liepāja, LV-3401, Lettland, Telefon 00371-20-287733, www.arthotelroma.lv. Das mit zahllosen Kunstwerken dekorierte Boutique-Hotel liegt direkt in der Fußgängerzone von Liepāja. Doppelzimmer sind ab 68 Euro pro Nacht erhältlich.

Die Recherche fand – ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung – auf Einladung / mit Unterstützung von Latvia Travel, dem lettischen Fremdenverkehrsamt, statt.
Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.