Mit der Schwebefähre in luftige Höhen

Schwebefähre
Die Schwebefähre ist das weithin sichtbare Wahrzeichen von Osten-Hemmoor. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Während die weltweit bekannte und in ihrer Art einzigartige Schwebebahn in der Bergischen Metropole Wuppertal im Frühjahr 2026 ihren 125. Geburtstag feierte, muss die nicht minder ungewöhnliche Schwebefähre im niedersächsischen Osten-Hemmoor auf diesen besonderen Jubeltag noch bis zum Jahr 2034 warten. Gleichwohl bestehen einige Ähnlichkeiten zwischen den beiden Meisterwerken der Ingenieurbaukunst: während es in Wuppertal auf gut zwölf Kilometern meistenteils über den Verlauf der Wupper geht, misst das Technikunikum am Rande des beschaulichen Dorfes Osten-Hemmoor, ganz im Osten des Landkreises Cuxhaven, gerade einmal eine Länge von 90 Metern und dies zudem quer zur darunter fließenden Oste, die durch ihre Nähe zur Nordsee mit recht hohen, wechselnden Wasserständen konfrontiert ist.

Blick von der Schwebefähre über die Oste. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Dieses natürliche und für die Zuverlässigkeit querender Transportwege eher hinderliche Phänomen zwang gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Gemeinde zum Ersatz der bis dato hier verkehrenden Prahmfähre, die nur manuell bedient wurde, also über keinen eigenen Antrieb verfügte. Aus Kostengründen kam eine Drehbrücke nicht in Betracht und man entschied sich für den Bau einer Schwebefähre nach französischem Vorbild, die zudem eine Mindest-Durchfahrtshöhe für Schiffe auf der Oste unabhängig von den Gezeiten gewährleistete.

Schwebefähre mit begrenzter Kapazität

Schwebefähre
Der Stahlgigant erinnert an die Wuppertaler Schwebebahn. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Mit Hilfe der Pläne des Schwebebahn-Konstrukteurs Eugen Langen konnte das ambitionierte Projekt schließlich realisiert werden. Am 1. Oktober 1909 erfolgte die offizielle Einweihung der schwebenden Fährverbindung mit Anklängen an einen verkürzten, horizontalen Eiffelturm. 25 Personen und zwei Kutschengespanne fanden auf der stählernen Gondel Platz und querten den wirtschaftlich wichtigen Fluss in wenigen Minuten.

Durch die recht geringe Kapazität der Fähre entstanden im Laufe der Jahre und zum zunehmenden Verdruss der Nutzer immer längere Staus auf der Straße. Nichtsdestotrotz schrieb sie für die Betreiber aufgrund der hohen Nachfrage beständig schwarze Zahlen. Ende der 1960er Jahre jedoch begann man nicht weit von hier mit dem Bau einer Brücke über die Oste, die 1974 fertiggestellt war und den Verkehr der nun verlegten Bundesstraße 495 aufnahm. Damit und der sofortigen Einstellung des Betriebes schien das Schicksal der Schwebefähre besiegelt, das Ende als zwar traditionsreiches, jedoch vermeintlich überflüssiges Altmetall absehbar. Aber die Fähre, eilig als technisches Baudenkmal unter Schutz gestellt, hatte viele Freunde, es gründete sich die „Fördergesellschaft zur Erhaltung der Schwebefähre Osten“, die seither das Gefährt für touristische Zwecke betreibt.

Museale Schätze

Ingenieurskunst mit nostalgischem Charme. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Zwischen 2001 und 2006 vorübergehend stillgelegt, in dieser Periode umfassend saniert, erhielt die Schwebefähre anlässlich ihres 100. Geburtstages die Zertifizierung der Bundesingenieurkammer als „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“, ist weithin sichtbares Markenzeichen der Region und wichtiger Bestandteil der Deutschen Fährstraße. Zwischen April und Oktober für den Publikumsverkehr geöffnet, können Wanderer und Radler das besondere Gefühl einer schwebenden Fährüberfahrt genießen und den anekdotenreichen Erzählungen des wortgewandten Fährmannes Karl-Heinz Brinkmann, gleichzeitig Vorsitzender des Fördervereins, folgen. Gern drosselt er schon einmal die sowieso schon moderate Geschwindigkeit, um seinen Fährgästen Gunst und Genuss des ungewöhnlichen Augenblicks in luftiger Höhe noch etwas länger zu gönnen. So unspektakulär wie diese Überfahrt auch erscheinen mag, es ist in jedem Fall ein außergewöhnliches Erlebnis auf einem technischen Meisterwerk glorreicher Industriegeschichte.

Auch die Hochwassermarken sind Teil der Geschichte. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Die mattgrün getünchte Konstruktion wirkt vor dem Panorama des Dorfes, den Ufern der Oste und des flachen Umlandes, mithin ein klein wenig skurril, eben wie ein hierhin versetztes, quer stehendes Teilstück seines Wuppertaler Pendants. Im 2009 eröffneten Schwebefährenmuseum De Fährstuv von Osten-Hemmoor lässt sich die illustre Vergangenheit der Schwebefähre anschaulich mit zahlreichen historischen Fotografien, Plänen und Konstruktionszeichnungen sowie interaktiven Medien nachvollziehen.

Eine technische Rarität

Karl-Heinz Brinkmann fungiert mit großer Leidenschaft als Fährmann der Schwebefähre. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Es gibt lediglich noch acht Exemplare dieser urigen Technikspezies weltweit. Sie sind seit 2003 im Weltverband der Schwebefähren vernetzt und organisiert. „Daher flattern auch die Fahnen Spanien, Frankreichs, Großbritanniens und Argentiniens an den vier Gondelecken im Wind. Das sind die Mitgliedsländer des Weltverbandes,“ erklärt Brinkmann, während er den Zugang zur Gondel schließt und zur Führung in die Fährstuv bittet. Außerhalb der regelmäßigen, akribisch eingehaltenen Fährzeiten kann die Fährgondel als außergewöhnliche Location, als luftige Bühne für kulturelle Veranstaltungen gebucht werden.

Wissenswertes in Kurzform

Blick in die Kabine der Schwebefähre. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Information: www.schwebefaehre-osten.de und www.reiseland-niedersachsen.de

Termine: Die Schwebefähre legt ab an den Wochenenden im April von 11 bis 15 Uhr, letzte Abfahrt ab Osten 14.30 Uhr; von Mai bis September Dienstag bis Freitag sowie am 3. Oktober zu den gleichen Zeiten, am Wochenende 11-17 Uhr, letzte Abfahrt ab Osten 16.30 Uhr. Gruppen ab 20 Personen können nach Voranmeldung auch zu anderen Zeiten befördert werden.

Fährpreise: Erwachsene 2,50 Euro, Kinder (6 bis 16 Jahre) 1,50 Euro, Schulklasse, incl. 1 Begleitperson 14 Euro, Fahrrad 0,50 Euro, Motorrad 3,00 Euro, Außerhalb der Regelfahrten, mindestens 10 Euro.

Im Fährstuv wird die Geschichte des Meisterwerks anschaulich aufgearbeitet. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Schwebefährenmuseum: Die Ausstellung in der Fährstuv, Fährstr. 1, 21756 Osten, ist an Wochenenden und Feiertagen von 11 bis 15 Uhr geöffnet. Eintritt 5 Euro, ermäßigt mit aktuellem Fahrschein der Schwebefähre 4,50 Euro, Kinder bis 12 Jahre in Begleitung eines Erwachsenen frei.

Aktiv: An der Deutschen Fährstraße verläuft auch ein Teil des 145 Kilometer langen Oste Radweges zwischen Tostedt und Balje an der Oste Mündung in die Nordsee.

Ein Rettungsring darf bei der Oste-Überquerung natürlich nicht fehlen. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Udo Haafke

arbeitet als freier Fotograf und Bildjournalist mit eigenem Redaktionsbüro. Neben zahlreichen Fotoausstellungen im In- und Ausland hat er sich als Autor von Reiseführern und Bildbänden zu regionalen, nationalen und internationalen Themen einen Namen gemacht.