
Das westenglische Bath glänzt mit honigfarbenem Steinen, dampfenden Quellen sowie Geschichte und Geschichten, die zwischen römischen Säulen und Regency-Salons lebendig werden.
Schon beim ersten Blick auf die honigfarbenen Fassaden aus dem berühmten Bath Stone, einem mineralhaltigen Kalkstein, und die fast allgegenwärtige Eleganz spürt man unweigerlich, dass die 100.000-Seelen-Gemiende im Südwesten Englands über Jahrhunderte hinweg mit besonderer Hingabe gestaltet wurde. In Bath in der Grafschaft Somerset trifft römisches Erbe auf georgianische Perfektion, britische Zurückhaltung auf zeitlose Schönheit – kein Wunder, dass die gesamte Stadt zum UNESCO-Welterbe zählt und als eine der schönsten im Vereinigten Königreich gilt.
Thermalquellen und römisches Erbe

Der Ursprung von Bath liegt tief unter der Erde, wo seit Jahrtausenden heißes Wasser an die Oberfläche steigt. Die Römer erkannten früh die Besonderheit dieser Quellen und schufen mit den Roman Baths ein monumentales Bad, das bis heute beeindruckt. Rund eine Million Liter des grünlich schimmernden Thermalwassers strömen täglich mit konstanter Temperatur von 46,5 Grad Celsius durch die Anlage. Bath verdankt diesem Wasser seine Existenz, seinen Namen und einen großen Teil seines Selbstbewusstseins.
Stil und Eleganz

Direkt neben den Thermen öffnen sich die Pforten zum historischen Pump Room, der einst Treffpunkt der feinen Gesellschaft war. Noch heute spürt man diesen Geist, wenn man die hohen Säle der Assembly Rooms betritt. Die Kronleuchter werfen ein warmes Licht auf Parkettböden, die einst von unzähligen Tanzschritten poliert wurden. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie Damen in Empire-Kleidern und Herren in makellosen Fräcken sich hier in höflicher Konversation übten, während ein Orchester Walzer und Kontertänze spielte.
Architektonisches Highlight

Noch heute ist der Pump Room einer der wohl elegantesten wie kultiviertesten Treffpunkte der Stadt. Während klassische Musik den Raum erfüllt, genießt man den fast schon obligatorischen Afternoon Tea – am besten mit Scones, Clotted Cream und einer Tasse Earl Grey – mit Blick auf die beeindruckende Bath Abbey. Die reich verzierte Westfassade und das lichtdurchflutete Fächergewölbe im Inneren zählen zu den schönsten Beispielen englischer Gotik. Das Gotteshaus ist nicht nur ein architektonisches Highlight, sondern regelmäßig auch Bühne für Konzerte, die den Raum mit Klang füllen und seine spirituelle Dimension verstärken.
Georgianische Stadtplanung

Bath gilt zudem als ein Musterbeispiel georgianischer Stadtgestaltung. Die prunkvollen Fassaden vermitteln auf den ersten Blick eine fast ungewohnte Perfektion. Die Proportionen folgen den Idealen des 18. Jahrhunderts, als Symmetrie und Ausgewogenheit als Ausdruck einer höheren Ordnung galten. Doch bei genauerem Hinsehen offenbaren sich kleine Unregelmäßigkeiten: Ein leicht verwitterter Türklopfer, ein Fensterladen, der ein wenig schief hängt, ein Blumenkasten, der sich trotzig über die Brüstung lehnt – all diese Details verleihen der Stadt eine Authentizität, die weit über das Postkartenhafte hinausgeht.
Der königliche Halbmond

Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies am Circus, einer kreisrunden Platzanlage, die John Wood der Ältere mit mathematischer Präzision entwarf. Sein Sohn, John Wood der Jüngere, führte die Vision weiter und schuf mit dem Royal Crescent ein ikonisches Ensemble, das bis heute als Inbegriff georgianischer Architektur gilt. Wie ein sanfter Halbmond legt sich der 180 Metern lange Komplex über eine Grünfläche oberhalb der Stadt. Die Fassade mit ihren ionischen Säulen wirkt monumental und zugleich harmonisch. Im Haus Nummer 1 öffnet ein Museum ein Fenster in das Leben des 18. Jahrhunderts und es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie es in längst vergangenen Zeiten gewesen sein muss, hier zu wohnen – mit knarzenden Dielen, eleganten Möbeln und dem Gefühl, Teil einer sehr kultivierten wie elitären Gesellschaft zu sein.
Stadtansichten und Perspektiven

Bath lässt sich am besten zu Fuß entdecken. In den Parade Gardens bietet sich ein malerischer Blick auf die Pulteney Bridge, eine der wenigen Brücken weltweit, die vollständig mit Geschäften bebaut sind. Sie spannt sich elegant über den River Avon und verbindet Funktionalität mit architektonischer Raffinesse – ein Meisterwerk von Robert Adam. Naturfreunde finden daneben im Prior Park Landscape Garden weite Ausblicke über die Stadt. Und wer die Badetradition zeitgenössisch erleben möchte, steigt im Thermae Bath Spa in den warmen Dachpool – mit Blick über die Dächer, die Türme und die sanften Hügel der Umgebung.
Kulinarische Traditionen

Wer Bath besucht, sollte unbedingt den Sally Lunn Bun probieren – ein Gebäck, das seit dem 17. Jahrhundert zur Stadt gehört und süß wie herzhaft begeistert. Dazu gesellt sich eine lebendige Café- und Restaurantszene, die regionale Produkte und britische Klassiker mit moderner Leichtigkeit verbindet. Der Afternoon Tea bleibt dabei ein unverzichtbarer Bestandteil der lokalen Kultur.
Das Erbe von Jane Austen

Die Stadt war übrigens einst Wohnort von Schriftstellerin Jane Austens. Werke wie „Northanger Abbey“ und „Persuasion“ lassen Bath als Schauplatz lebendig werden – mit all seinen gesellschaftlichen Ritualen, seinen Bällen, seinen Spaziergängen und seinen kleinen Dramen, die sich zwischen Teetassen und Tanzkarten abspielten. Das Jane Austen Centre widmet sich dieser besonderen Verbindung mit einer Mischung aus Wissensvermittlung und augenzwinkernder Inszenierung.
Ein kulturelles Kaleidoskop

Auch sonst erweist sich Bath als ein lebendiger Kulturstandort. Museen wie das Holburne Museum verbinden klassische Kunst mit zeitgenössischen Ausstellungen und schaffen so einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Daneben beherbergt die Universitätsstadt zahlreiche Festivals, die das kulturelle Leben bereichern. Das Bath Literature Festival zieht jedes Jahr Autoren und Leser aus aller Welt an und verwandelt die Stadt in ein Zentrum literarischer Begegnungen. Das Bath Festival of Music and the Arts bringt klassische Musik, Jazz und moderne Klänge zusammen und zeigt, dass Bath weit mehr ist als ein historisches Museum unter freiem Himmel.

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Buchtipp für Freunde britischer Lebensart
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Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.
