Von 21. September 2016 Mehr →

Madagaskar – Land der grandiosen Naturphänomene

Nur auf Madagaskar heimisch sind die verschiedenen Lemuren-Arten. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Nur auf Madagaskar heimisch sind die verschiedenen Lemuren-Arten. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Keine Frage, Madagaskars ist ein Land der Naturphänomene. Wobei aufgrund der schlechten Infrastruktur der Weg zur Natur in der Regel nur in einem Allradfahrzeug zurückgelegt werden kann. Ansonsten sind Autos, Motorräder und Fahrräder insbesondere im Norden der viertgrößten Insel der Welt eher Mangelware. Die wenigen aber bewegen sich dann vorwiegend im Zickzack durch die Straßen. Nicht weil die Fahrer einen über den Durst getrunken haben, sondern weil überall knietiefe Schlaglöcher warten. Derweil ist das Gros der Madagassen auf Schusters Rappen unterwegs. Und dies nicht selten barfuß. Frauen in farbenfrohen Gewändern tragen scheinbar mühelos große Lasten auf dem Kopf. Dadurch haben sie die Arme frei. Zum eine, um sich dabei wild gestikulierend zu unterhalten. Zum anderen, um der einen oder anderen Mücke schnell mall einen Karnickel-Fang-Schlag zu versetzen.

„Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder man fährt so schnell, dass man über die Löcher fliegt. Oder man umfährt jedes langsam“, erklärt Haromanda. Der 27-jährige konzentriert sich auf Ersteres, obwohl er in seinem Leben noch nie mit einem Flugzeug geflogen ist. Manchmal wird er jedoch von knietiefen Rillen, von Ochsenkarren oder der „vierbeinigen Landpolizei“, wie er die gemütlich über die Straße schreitenden Kühe nennt, unfreiwillig ausgebremst.

Leben unter Palmen- und Bananenblätter

Gesichtsbemalung ist teil der Alltagskultur auf Madagaskar. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Gesichtsbemalung ist teil der Alltagskultur auf Madagaskar. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Mit fast schon halsbrecherischem Tempo geht es über die mäßig ausgebaute Nationalstraße N6 durch Straßendörfer und kleine Siedlungen. Auf der roten Erde im Schatten von Palmen und Bäumen stehen zumeist fensterlose Wellblechhütten. Oder einfach Holzbauten auf kurzen Stelzen. Deren Dächer sind zumeist mit Palmen- oder Bananenblättern gedeckt. Hier gibt es keine Architekten, die den Bau planen. Hier gibt es auch keine Statiker, die sich Gedanken um die Standfestigkeit machen. Irgendwie wirken die zusammen gewürfelten Ansiedlungen wie ein Teil aus der Baumarktwerbung. Motto: „Es gibt immer was zu tun.“

Hinter den bescheidenen Behausungen, die in der Regel weder über Strom noch über fließendes Wasser verfügen, wird auf kleinen Parzellen Reis angebaut. Vor oder neben der Hütte wird das Getreide dann auf großen Planen zum Trocknen ausgebreitet. Schließlich vertilgt jeder Madagasse jährlich im Schnitt nicht weniger als 250 Kilogramm Reis. Damit verzeichnet die Insel auch den weltweit größten Pro-Kopf-Verbrauch überhaupt.

Um sich zu erfrischen, kauen viele auf Zuckerrohrstangen herum. Beim Anblick eines Europäers winken die Kinder sofort fröhlich. Sie rufen sofort freudig „Salu Vahza!“ – „Hallo Weißer!“ zu. Derweil werden die Flüsse und Wasserstellen entlang der Straße gerne als Waschplätze genutzt. Am Ufer und auf Steinen kauernd, schrubben Frauen mit bunt gemalten Gesichtern Kleidungsstücke. Anschließend werden diese am Straßenrand oder auf Sträucher zum Trocknen auszulegen.

Große A-Schwemme in Madagaskar

Einen tollen Fang präsentiert der Fliegende Händler auf ungewöhnliche Art. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Einen tollen Fang präsentiert der Fliegende Händler auf ungewöhnliche Art. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Fast scheint es, als sei Madagaskar bei der Namensgebung von einer großen A-Schwemme überrollt worden. Nicht nur in den Landesnamen fand der erste Buchstabe des Alphabets gleich viermal Eingang. Auch die Hauptstadt Antananarivo gehört zu den prominenten Opfern der Vokalvielfalt. Ebenso wie Antsiranana im Norden des Landes. Eine Stadt, die auch Diego (Suarez) genannt wird. Letztere nennt den drittgrößten Hafen der Welt ihr eigen. Aber ansonsten lässt Diego durch die bemerkenswerte Tatsache aufhorchen lässt, dass es hier nicht eine Sehenswürdigkeit gibt. Kolonialbauten mit abgebröckelten Fassaden lassen dabei den Charme von gestern erahnen. Und ein Blick auf die Taxiflotte legt den Verdacht nahe, dass hier in Erinnerung an die französische Kolonialherrschaft die größte Renault 4 Flotte der Welt unterwegs ist. Dafür kann Antsiranana rund um das Cap Miné mit prächtigen Stränden aufwarten. Und diese sind nicht von ungefähr überaus beliebte Windsurf- und Kite-Surfer-Reviere.

In der Region finden sich auch erstaunlich viele Eukalyptusbäume. Diese könnten ganze Heerscharen von Koalas ernähren, wenn es sie hier gäbe. Die Eukalyptusbäume entziehen zwar den ohnehin trockenen Böden viele Wasser, erfreuen sich aber dennoch großer Beleibtheit: „Die Blätter sind unsere Luftwaffe im Kampf gegen die Moskitos“, verrät Thomas Joa, dass viele Familien die Eukalyptusblätter im offenen Feuer verbrennen, um so die stechlustigen Blutsauger fern zu halten.

Verbrannte Eukalyptusblätter als Mückenschutz

Im Norden Madagaskars - wie hier auf Nosy Be - finden sich traumhafte Strände. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Im Norden Madagaskars – wie hier auf Nosy Be – finden sich traumhafte Strände. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Thomas Joa ist ein Kind des Nordens. Im Winter bestreitet der 53-jährige seinen Lebensunterhalt als Bauer, pflanzt Kaffee und Nüsse an. Im Sommer zeigt der fünffache Vater Touristen seine Heimat. Wobei das Hauptaugenmerk auf den zahlreichen Naturphänomenen liegt. „Die Flora und Fauna im Norden Madagaskars ist einzigartig“, rührt Joa die Werbetrommel für seine Heimat. Und er setzt noch einen drauf, in dem er behauptet, dass 39 Prozent der Vögel, 85 Prozent der Pflanzen, 91 Prozent der Reptilien, 99 Prozent der Amphibien und 100 Prozent der Lemuren endemisch seien und nur hier vorkämen. Hinzu kommen zahllose Schildkröten, 200 Echsenarten und als einzige gefährliche Tiere der Insel einige Hundert Krokodile.

Beim Besuch des 18.000 Hektar großen Montagne d’Ambre Nationalparks stellt sich fast zwangsläufig die Frage, warum dieser Noah damals die beiden Mücken mit an Bord nehmen musste? Alles hätte so schön sein können. Aber nein, kaum waren die Insekten wieder von der Arche runter, scheinen sie dem Stamme Nimmersatt anzugehören. Mit Hingabe stürzen sie sich daher auf alle Zweibeiner mit aufrechtem Gang. „Jedes Paradies hat einen Stich“, lacht Thomas Joa, wohl wissend, dass es dann häufig auch nicht bei dem einen Stich bleibt.

Zwei Zentimeter großes Zwergerdchamäleon

Ein Stück ursprüngliches Madagaskar im Dorf Marodoka. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ein Stück ursprüngliches Madagaskar im Dorf Marodoka. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Dafür lenkt der der 53-jährige den Blick auf die hier heimischen Lemuren, die sich behände von Ast zu Ast schwingen, und auf das kleinste Chamäleon der Welt, das kaum länger als ein Fingernagel ist. Doch das knapp zwei Zentimeter große Zwergerdchamäleon wird wie Echsen und Krokodile von den Anhängern der Naturreligion nur wenig geschätzt. „Die schrumpelige Haut  zeigt schließlich, dass Gott diese Kreaturen noch nicht ganz fertig gestellt hat“, erläutert Thomas Joa den Denkansatz der Animisten, die mit 52 Prozent die größte Glaubensgemeinschaft in Madagaskar bilden. „41 Prozent der Bevölkerung sind Christen, sieben Prozent Muslims“, ergänzt Joa.

Den Animisten sind Teile des Montagne d’Ambre Nationalparks heilig. Die Ahnen wohnen hier im Heiligen Wasserfall, der Cascade Sacre. Und sie sind Vermittler zwischen Gott und den Erdenbewohnern. Mit Tüchern um den Körper kämpfen sich junge Frauen zum Wasserfall vor. Mit ausgestrecktem Arm versuchen sie dann, etwas Wasser in Behältern zu sammeln. Anschließend waschen sie sich mit dem Wasser und trinken etwas davon. Dies soll Glück bringen. Im Gegenzug bringen Frauen Honig und Kautabak mit, um dadurch den Segen der Ahnen zu erbeten.

Kaum minder spannend präsentiert sich der Ankarana Nationalpark unweit von Amilobe. Dieser besticht mit seinen ausgedehnten Wäldern, zahlreichen Grotten, unterirdischen Flüssen, Canyons und bizarren Gesteinsformationen, den Tsingys. Diese hoch aufragenden und eng bei einander stehenden, spitzen Kalksteinkegel bilden dabei so etwas wie einen steinernen Wald inmitten des 18.000 Hektar großen Areals.

Tsingy Rougs – rötliche Pracht

Derweil sind die deutlich hübscheren Namensvetter, die Tsingy Rouges, südöstlich von Antsiranana nicht annähernd so widerstandsfähig. Denn die bizarre Sandsteinformation ist mit kurzer Haltbarkeitsdauer versehen. Die rosaroten Kegel werden nach jeder Regenzeit neu aufgetürmt. Sie sind dann aber schnell auch wieder Opfer der Fluten. „Zehn Zebus könnten das ganze Areal in einer Stunde dem Boden gleich machen“, erläutert Thomas Joa, warum die rosarote Pracht weiträumige abgezäunt ist. Schließlich sind es eben genau diese Naturphänomene, mit denen der Norden Madagaskars zu begeistern weiß.

Auch Chamäleons sind auf Madagaskar zu finden. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Auch Chamäleons sind auf Madagaskar zu finden. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Allgemeine Informationen: Madagaskar Tourismus, www.madagascar-tourisme.com; in Deutschland: Telefon 069-71913630, madagaskar@kprn.de.

Lage: Die Präsidialrepublik Madagaskar liegt im Indischen Ozean rund 400 Kilometer östlich des afrikanischen Festlandes. Die mit 58.700 Quadratkilometern viertgrößte Insel der Welt ist damit etwa so groß wie Deutschland, Holland, Belgien, Österreich und die Schweiz zusammen. Hauptstadt ist Antananarivo.

Anreise: Air France bietet viermal pro Woche von Paris Flüge nach Antananarivo. Zubringerflüge bestehen von Berlin, Bremen, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Köln, Leipzig, München, Nürnberg und Stuttgart. Die Flugdauer beträgt einschließlich der Umsteigzeiten rund 13 Stunden. Weitere Informationen unter www.airfrance.de.

Wissenswertes zur An-, Ab- und Einreise

Ochsenkarren sind für viel noch immer das wichtigste Transportmittel. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ochsenkarren sind für viel noch immer das wichtigste Transportmittel. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Einreise: Zur Einreise nach Madagaskar benötigen EU-Bürger einen noch mindestens sechs Monate gültigen Reisepass sowie ein Visum. Das Visum bekommt man direkt bei der Ankunft in Antananarivo. Es ist bei einem Aufenthalt bis zu einem Monat kostenlos.

Klima: Das Klima reicht von subtropisch im Landesinneren bis tropisch an den Küsten. Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt bei 25 Grad Celsius. Die günstigste Reisesaison ist von April, dem Ende der Regen- und Zyklonzeit bis etwa Ende November, wenn es wieder heftiger zu Regnen beginnt.

Sprache: Landessprachen sind Madagassisch, Französisch und Englisch.

Gesundheit: Empfohlen sind Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie und Polio sowie gegen Hepatitis A und Typhus. Nicht fehlen sollte daneben Mücken- und Sonnenschutz.

Strom: Die Stromspannung beträgt überwiegend 220 bis 240 Volt. Adapter sind nicht notwendig.

Währung: Zahlungsmittel ist der Ariary; 1 Euro entspricht etwa 2.800 Ariary. Banken verfügen über Geldautomaten, an denen mit der Visakarte Geld gezogen werden kann. Die Mastercard wird nur bei einer Bank, der BNI, akzeptiert. Eine Geldversorgung über EC-Karten (Maestro bzw. Cirrus) ist nicht möglich.

Wo gut essen & trinken?

Kinder warten auf die perfekte Welle. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Kinder warten auf die perfekte Welle. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Nationalparks: Madagascar National Parks, Telefon 00261-(0)20-2241538, www.parcs-madagascar.com.

Essen & Trinken: Le Domaine de Fontenay, Joffreville, Antsiranana 202, Madagaskar, Telefon 00261-(0)33-1134581, www.lefontenay-madagascar.com. Unweit vom Nationalpark Montagne d’Ambre bietet der deutsche Karl-Heinz Horner landestypische Speisen an.

Übernachten: Note Bleue Park Hotel, PK 3 Route de Ramena, Diego-Suarez (Antsiranana), Telefon 00261-(0)32-0712548, www.diego-hotel.com. Das einzige Vier-Sterne-Hotel an der Nordküste hält insgesamt 24 großzügige Zimmer und Suiten ab 125 Euro vor.

Le Domaine de Fontenay, Joffreville, Antsiranana 202, Telefon 00261-(0)33-1134581, www.lefontenay-madagascar.com. 100 Jahre altes Landhaus mit Doppelzimmern ab 180 Euro mit Frühstück an.

Tipp: Die schönsten Impressionen aus Madagaskar hat Karsten-Thilo Raab unter dem Titel „Faszination Madagaskar“ übrigens auch in einem Wandkalender zusammengestellt. Erhältlich ist dieser in den Formaten A2 bis A5 im Handel sowie bei Amazon.

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