Kollektiver Betten-Quälix

Hotelbetten sind nicht immer lupenrein: Bis zu 200 Gramm an organischen und anorganischen Partikeln lagern sich hier ein. Hinzu kommen Schweißverlustes von bis zu 1,5 Liter pro Gast und Nacht. (Copyright Karsten-Thilo Raab)
Hotelbetten sind nicht immer lupenrein: Bis zu 200 Gramm an organischen und anorganischen Partikeln lagern sich hier ein. Hinzu kommen Schweißverlustes von bis zu 1,5 Liter pro Gast und Nacht. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Wer viel Zeit Zuhause verbringt, sehnt sich nach der Ferne. Wer viel Zeit in der Ferne verbringt, seht sich nach den eigenen vier Wänden, wohl wissend, dass in dem alten Satz „Zuhause ist es doch am schönsten“ mehr als ein Funken Wahrheit steckt. Nicht unwesentlich Schuld an dem Dilemma, in dem Vielreisende stecken, ist die Hotelbranche. Die Phalanx der Übernachtungsbetriebe wird nicht müde, dem Gast mit der hauseigenen Bettenpolitik die Nacht zur Hölle zu machen. Und damit sind nicht jene Nachtlager gemeint, die so durchgelegen sind, als ob hier zwei ausgewachsene Elefantenkühe Turnübungen veranstaltet hätten.

Wichtig scheint den professionellen Bettenvermietern, den Gästen Frischluft vorzuenthalten. Wie sonst ließe sich erklären, dass sich in vielen modernen Hotels die Fenster nicht öffnen lassen. Dafür herrschen 30 bis 32 Grad Celsius in der Schlafkammer. Die Temperatur lässt sich mit der komplizierten Schaltung der Klimaanlage, die der Anzahl an Knöpfen im Cockpit eines Düsenjägers sehr nahe steht, nicht regulieren, fast so als sei hier wie im realen Sozialismus Heizen befohlen. Vielleicht wird hier auch mit Absicht eine derart trockene Luft produziert, damit der Gast diese Art Wüstenmarschfeeling entwickelt und sich vor dem Verdursten eben noch in die Oase namens Minibar rettet. Mit völlig vertrockneter Kehle ist der Gast dann auch willens, den um 400 Prozent überteuerten Preis für ein Bier zu bezahlen, auch wenn er für diese Summe gleich ein ganzes Fass kaufen könnte.

Dann noch diese Bettgeschichten. Nicht nur Hygienefanatikern stockt der Atem bei dem Gedanken, wer und vor allem wie viele Menschen schon ihr Haupt hier gebettet haben. Zumal der Mensch pro Nacht bis zu 1,5 Gramm an Hautschuppen verliert und Matratzen als echte Staubfänger verschrien sind. Bis zu 200 Gramm an organischen und anorganischen Partikeln lagern sich hier ein. Wer dann noch die Menge des durchschnittlichen Schweißverlustes von bis zu 1,5 Liter pro Mensch und Nacht mit der Menge an Gästen, die schon in diesem Bett geschlafen haben könnten, multipliziert, greift unweigerlich zum Desinfektionsspray oder schläft freiwillig in der Badewanne – sofern das Hotelzimmer überhaupt über eine verfügt.

Wem es gelingt, die Hygieneängste über Bord zu werfen, muss vor dem Gang ins Bett unter größten körperlichen Anstrengungen versuchen, die unter der Matratze eingekeilte Decke herauszurupfen. Dann noch das Kissendilemma. Mal ist sind sie zu hart, mal zu weich, dann sind solche Kissenberge vorhanden, als wolle man wie dereinst im Mittelalter im Sitzen schlafen oder eine formidable Kissenschlacht anzetteln. Wobei Letzteres für Alleinreisende recht eintönig verlaufen könnte.

Neben dem Surren der Klimaanlage verhindert auch noch die Schaltzentrale über dem Nachttisch ein schnelles Einschlafen. Unter den gefühlt 27 Knöpfen fehlt nämlich genau jener, um das Lämpchen neben dem Schreibtisch oder im Flur auszuschalten.

Thekenbrust & ZackendruseSchon wächst die Sehnsucht nach den eigenen vier Wänden abermals. Und nicht wenige schwören sich, den nächsten Urlaub oder die nächsten freien Tage auf Balkonien oder El Terrasso zu verbringen. Das spart Anfahrts- und Bettenstress und wer sich dann noch selber 100 Euro pro Nacht als Pauschale auszahlt, hat richtig viel Zaster, um ausgiebig zu shoppen oder chic Essen zu gehen. Wobei so ein Restaurantbesuch… Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Buchtipps: Karsten-Thilo Raab: Thekenbrust & Zackendruse, Westflügel Verlag, ISBN 978-3-939408-11-6, 12,50 Euro. Erhältlich ist das Buch im Buchhandel oder direkt beim Verlag.

Karsten-Thilo Raab: San Diego Waldfried,  (ISBN: 978-84-9015-620-9). Erhältlich ist der Kolumnenband im Buchhandel, direkt beim Verlag oder online zum Preis von 20,90 Euro.