Von 29. August 2013 Mehr →

Zwischen Lummenfelsen und Kegelrobben: Helgoland – Insel der Entschleunigung

Wahrzeichen von Helgoland: Die kunterbunten Hummerbuden am Hafen. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Wahrzeichen von Helgoland: Die kunterbunten Hummerbuden am Hafen. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Ja, die Anna. Alle bewundern sie. Kaum einer, der sich nicht nach ihr umdreht, obschon sie eigentlich nur so rum steht. Rötlich gefärbt und lang. Sie ist so etwas wie der Fels in der Brandung. Von Wind, Wetter und Wellen gezeichnet. Und doch bleibt sie standhaft – wenngleich auch nur dank zahlloser Hilfsmaßnahmen. Ihren Namen soll sie in Anlehnung an eine hübsche Kellnerin erhalten haben, die hier einst in einem Tanzlokal unweit des Klippenrandes mit ihren langen Beinen die Blicke der Männer auf sich zog. Das Tanzlokal ist verschwunden, ebenso die Namenspatin, die längst das Zeitliche gesegnet hat. Auch die natürliche Steinbrücke, die bis 1860 die Lange Anne mit dem Hochplateau des Helgoländer Oberlandes verband, existiert nicht mehr. Sie stürzte ein. Ein ähnliches Schicksal könnte dem Naturdenkmal und Wahrzeichen von Deutschlands einziger Hochseeinsel drohen. Ein Schutzwall hält Teile der Brandung fern, doch die Erosion scheint nicht aufzuhalten. 

Deutschlands wohl berühmtester Felsen und Pilgerstätte zugleich: Die Lange Anna. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Deutschlands wohl berühmtester Felsen und Pilgerstätte zugleich: Die Lange Anna. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Vielleicht ist dies der Grund, warum die Menschen in diesem Teil Schleswig-Holsteins nach wie vor mit den Füßen abstimmen und scharenweise zur Langen Anna pilgern – so lange sie noch steht. 320.000 Gäste begrüßt die Nordseeinsel Helgoland jährlich. Und nahezu ausnahmslos alle machen der 47 Meter hoch aufragenden Langen Anna bei einem Spaziergang über den drei Kilometer langen Klippenrandweg ihre Aufwartung. Als kostenlose Zugabe präsentieren Hunderte von Seevögeln die eine oder andere Luftnummer am Nordwestrand der gerade einmal einen Quadratkilometer großen Hauptinsel, während in den Nischen des steil abfallenden Lummenfelsens neben Möwen vor allem Basstölpel, Tordalke und Trottellummen brüten.

Kuriosum im Oberland: Der höchste Punkt im Kreis Pinneberg. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Kuriosum im Oberland: Der höchste Punkt im Kreis Pinneberg. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Nur einen Steinwurf entfernt markiert ein Gipfelkreuz den mit 61,3 Meter über dem Meeresspiegel höchsten Punkt im Landkreis Pinneberg, zu dem auch Helgoland gehört. Von hier bietet sich ein herrlicher Rundblick über das Oberland. Gleichzeitig breitet sich das Panorama der kleinen Nachbarinsel Düne vor einem aus. Das gerade einmal 0,7 Quadratmeter große Island war bis zum Jahreswechsel 1721/22 durch einen natürlichen Damm mit der Hauptinsel verbunden.

„Dann gab es wohl so etwas wie den leisesten und zugleich durchschlagendsten Silvesterknall in der Geschichte“, flachst Rolf Blädel angesichts der verheerenden Wirkung jener Orkannacht. Für den pensionierten Polizisten war die Naturkatastrophe im Rückblick so etwas wie Fluch und Segen zugleich für Düne. Denn seither ist die Insel vor der Insel nur mit einem kleinen Boot im 30-Minuten-Takt zu erreichen.

„Die meisten Tagesgäste kommen gar nicht erst hierher. Und sie ahnen nicht einmal, was sie verpassen“, so der Seebär mit der sonnengegerbten Haut, der schwarzen Schiffermütze und dem Rauschebart. An drei Seiten wird das malerische Eiland von Strandabschnitten gesäumt. Und diese teilen sich die Badegäste nicht selten mit Dutzenden von Seehunden und Kegelrobben, die längst ihre Scheu gegenüber den Menschen abgelegt haben. Bis auf 30 Meter darf man sich dem Meeresräuber nähern. Die meisten halten sich daran, einige jedoch tun sich offenbar schwer damit, Entfernungen zu schätzen.

Speckrollen mit Charme: Kegelrobben am Strand von Düne. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Speckrollen mit Charme: Kegelrobben am Strand von Düne. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

„Die glauben, vier, fünf Schritte Abstand sein genug“, schimpft Blädel über die Unbelehrbaren. Mit großen Kulleraugen nehmen die scheinbar faul herumliegenden Speckrollen die Besucher in den Blick. Manchmal reißt ein Bulle nur drohend das Maul auf, wenn jemand ihm oder den seinen zu nahe kommt; manchmal aber auch setzt sich der zentnerschwere Koloss überraschend schnell in Bewegung, robbt über Sand und Kies um die allzu Aufdringlichen in die Flucht zu schlagen. Nicht weniger angenehm ist es, von Rolf Blädel erwischt zu werden. Er ist so etwas wie der staatlich bestellte Robben-Vater und hat stets ein wachsames Auge auf seine Schützlinge.

Tierische Begegnung im Kanu: Neugierige Robben beobachten jeden Paddelschlag. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Tierische Begegnung im Kanu: Neugierige Robben beobachten jeden Paddelschlag. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

„Bis vor rund einem Vierteljahrhundert galten die Kegelrobben an der deutschen Küste als ausgestorben“, verweist Blädel nicht ohne Stolz auf die Tatsache, dass mittlerweile mehr als 100 Tiere allein auf und um Düne heimisch sind. Obschon selber nur ein Zugereister, lebt der Seehund-Hüter seit drei Jahrzehnten auf Helgoland. Mittlerweile kennt er die Insel besser als mancher, der hier geboren wurde. Und so führt er, wenn er nicht mit Argusaugen über die Robben wacht, die Besucher regelmäßig in die Unterwelt der Insel. Im Schatten des alten Maulbeerbaums im Oberland begrüßt er fast täglich Neugierige, die im wahrsten Sinne des Wortes in ein dunkles Kapitel der Inselgeschichte abtauchen wollen, mit den Worten: „Wer will mit mir unter die Erde?“

Deprimierend und spannend zugleich: Der Gang durch die weit verzweigten Bunkeranlagen von Helgoland. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Deprimierend und spannend zugleich: Der Gang durch die weit verzweigten Bunkeranlagen von Helgoland. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

96 Stufen geht es dann im Tross bergab in die weitläufige Bunkeranlage der Nordseeinsel. In dem 13,8 Kilometer langen Tunnelsystem lässt Blädel dann die grausamen Kriegsjahre auf Helgoland noch einmal Revue passieren. Es ist eine Geschichte von Zerstörung und Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg, aber auch von einem sinnlosen Akt der Gewalt, für den sich die Briten verantwortlicht zeigten: Am 18. April 1947 wurden sämtliche militärischen Anlagen auf und unter der Insel mit 6.700 Tonnen Munition in die Luft gejagt, um so eine weitere Nutzung Helgolands aus militärischer Sicht für immer unmöglich zu machen.

Nach dem Krieg wurden schnell überwiegend einfache Häuser hochgezogen, was dazu führt, dass es heute auf Helgoland aus architektonischer Sicht kaum etwas Besonderes gibt. Insgesamt 108, überwiegend enge Straßen, Wege und Gassen mit durchnummerierten Häusern finden sich im Unter- und höher gelegenen Oberland, zwischen denen ein Aufzug die Lauffaulen und Fußkranken hin und her transportiert.

Schmuck Holzhäuschen im Helgoland Museum. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Schmuck Holzhäuschen im Helgoland Museum. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

„Die Zeit der Butterfahrten ist längst vorbei. Gleichwohl kam man auf Helgoland immer noch das eine oder andere Schnäppchen machen“, so Tourismusdirektor Klaus Furtmeier mit Blick auf die Mehrwertsteuerbefreiung für die, auf der Insel angebotenen Waren. In den Ladenzeilen entlang der Lung Wai, der Aquariumstraße, Am Falm und Steanaker werden haufenweise Parfüm, Zigaretten und Schnaps feilgeboten. Für drei, vier Stunden täglich fallen hier die Touristenscharen ein und machen von dem Angebot reichlich Gebrauch.

Ansonsten ist Helgoland eine Insel der Entschleunigung. Das einzige, wo es schnell gehen muss, ist beim Ausbooten, wenn die Fähren vor der Reede vor Anker gehen und die Passagiere in die kleinen Börte-Boote umsteigen. Ansonsten geht es hier gemächlich zu. Mit Ausnahme der Polizei und Feuerwehr gibt es keine Autos. Auch Motorräder und Fahrräder sind verboten. Für den Lieferverkehr werden Elektrofahrzeuge eingesetzt. Und so geht hier alles Schritt für Schritt und vor allem gemächlich zu.

Verträumt, fast schon ein wenig skandinavisch muten einige Häuserzeilen auf Helgoland an. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Verträumt, fast schon ein wenig skandinavisch muten einige Häuserzeilen auf Helgoland an. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

In den Hummerbuden, jenen bunt bemalten, hölzernen Häuschen am Hafen, in denen die Fischer dereinst ihre Arbeitsgeräte einlagerten, wird Knieper serviert. Der Taschenkrebs hat als lokale Spezialität den Hummer abgelöst. Was allein der Tatsache geschuldet ist, dass es in den Gewässern um Helgoland nicht mehr genügend von den wohl schmeckenden Großkrebsen gibt.

Auch auf dem Areal des Museumshofes finden sich einige Hummerbuden. In den farbigen Nachbauten ist eine Sammlung dem wohl berühmtesten Sohn der Insel gewidmet: James Krüss. Der Schriftsteller und Ehrenbürger hat sich unter anderem mit den Abenteuern des Thimm Taler einen Namen gemacht. Ansonsten aber erinnert auf Helgoland nicht viel an James Krüss. Da gibt es eine Gedenktafel an einem Haus im Oberland, einige Läden bieten seine Bücher an. Das war’s. Prominenter platziert ist da schon die Büste von Hoffmann von Fallersleben direkt am Landungssteg. Der Dichter hatte am 26. August 1841 während seines Aufenthalts auf Helgoland das „Lied der Deutschen“, unsere Nationalhymne, verfasst. Damals war die Insel noch im Besitz Großbritanniens, bevor es im Jahre 1890 von Kaiser Wilhelm II gegen deutsche Handelsrechte in Ostafrika getauscht wurde. Aber dies ist eine ganz andere Geschichte.

Informationen: Helgoland Touristik, Lung Wai 28, 27498 Helgoland, Telefon 04725-206799, zimmerverwaltung@kurverwaltung-helgoland.de, www.helgoland.de

Auf dem Lummenfelsen tummeln sich Tausende Seevögel. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Auf dem Lummenfelsen tummeln sich Tausende Seevögel. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Anreise: Von Cuxhaven gibt es täglich eine Verbindung mit dem Schiff (ca. 130 Minuten Fahrzeit) sowie Katamaran (ca. 70 Minuten) Fahrzeit nach Helgoland. Informationen unter www.helgoline.de. Daneben gibt es Fährverbindungen von Büsum, Hamburg und Wilhelmshaven und Bremerhaven.

Essen & Trinken: Marinas, Cassen Eils Wai 1, 27498 Helgoland, Telefon 04725-640255. Restaurant mit wechselnden Tagesgerichten direkt am Südhafen.

Hanse Kogge, Am Falm 312, 27498 Helgoland, Telefon 04725-800995, www.hansekogge-helgoland.de. Traditionelles Restaurant unweit des Fahrstuhls auf dem Oberland mit Blick auf das Unterland, die Binnenreeder und Düne.

Übernachten: Aparthotel Klassik, Kurpromenade 36, 27498 Helgoland, Telefon 04725-81390, www.aparthotel-klassik.de.

Hotel Rickmers Insulaner, Am Südstrand 2, 27498 Helgoland, Telefon 04725-81410, www.insulaner.de.

Buchtipp: Ulrike Katrin Peters, Karsten-Thilo Raab:  Helgoland – Die schönsten Seiten (ISBN 978-3-95400-335-8). Erhältlich ist der Titel für 14,99 Euro im Buchhandel oder direkt beim Sutton Verlag.