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Von 21. August 2018 Mehr →

Welterbe und Strandidylle im Norden von Wales

Das walisische Caernarfon gibt sich überaus charmant udn farbenfroh. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Das walisische Caernarfon gibt sich überaus charmant und farbenfroh. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig es eigentlich braucht, um kiloweise Glückshormone auszuschütten. So im Norden von Wales auf der Llŷn-Halbinsel. Der Anblick der weiten Bucht, der sanften Hügel und der Irischen See lässt in Sekundenschnelle den wolkenbehangenen Himmel vergessen. Gesteigert wird das Glücksgefühl noch, als am nördlichen Ende der sichelförmigen Bucht von Porthdinllaen eines der faszinierndsten Pubs des Landes erreicht ist:

Ein charmantes Kleinod ist Caernarfon mit dem mitten in der Stadt gelegenen  Castle. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ein charmantes Kleinod ist Caernarfon mit dem mitten in der Stadt gelegenen Castle. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Das Ty Coch Inn wurde sogar jüngst zu einer der zehn schönsten Strandbars der Welt gekürt, obwohl es streng genommen keine solche ist. Vielmehr liegt die populäre Kneipe durch eine Mauer geschützt etwas oberhalb des weitläufigen Sandstrandes. Und doch stimmen Bier- und Cocktail-Liebhaber hier mit den Füßen ab, pilgern in Scharen zu dem entlegenen Pub.

Längster Küstenwanderweg der Welt

Überaus einladend gibt sich die Bucht von Porthdinllaen auf der Llŷn-Halbinsel. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Überaus einladend gibt sich die Bucht von Porthdinllaen auf der Llŷn-Halbinsel. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Auf der Landzunge etwas oberhalb duckt sich der malerische Golfplatz von Nefyn in der weitläufigen Dünen- und Hügellandschaft. Die speziellen Windverhältnisse stellen die Spieler vor besondere Herausforderungen, während unten am Strand mit dem Wales Coastal Path, der mit 1.400 Kilometern längste Küstenwanderweg der Welt, verläuft.

Porthdinllaen - Copyright Karsten-Thilo Raab (6)

Das Ty Coch Inn in der Bucht von Porthdinllaen wurde unlängst zu einer der besten zehn Strandbars der welt gekürt. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Wer diesem für ein paar Kilometer folgt, gelangt zum einem besonderen Kleinod namens Nant Gwrtheyrn. Das kleine Dörfchen liegt in einer tief eingeschnittenen Schlucht an der Irischen See im Schatten von fast 400 Metern hoch aufragenden Bergen. Dort, wo ab Mitte des 19. Jahrhunderts für gut neun Jahrzehnte Steine abgebaut wurden, stoßen viele heute auf schwere verbale Brocken. Denn seit 1982 wird in Nant Gwrtheyrn versucht, interessierten Erwachsenen aus aller Herren Ländern die Besonderheiten der alles andere als einfachen walisischen Sprache näher zu bringen.

Arbeiteridylle am Klippenrand

Die kleine Kapelle in Nant Gwrtheyrn mit dem Glasvorbau wird als Unterrichtsraum, aber auch für Trauungen genutzt. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die kleine Kapelle in Nant Gwrtheyrn mit dem Glasvorbau wird als Unterrichtsraum, aber auch für Trauungen genutzt. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Im 18. Jahrhundert waren die Industriemetropolen in England händeringend auf der Suche nach Baumaterial. Insbesondere aus Manchester und Liverpool wurden die Fühler ins benachbarte Wales ausgestreckt“, so Mathew Penri, einer von drei Lehrkräften im sogenannten National Language Centre. Im Jahre 1860 eröffneten in Nant Gwrtheyrn, so der 26-jährige weiter, gleich drei Steinbrüche, in denen Granit als Straßenbelag abgebaut wurde.

Die ehemaligen Arbeiterhäuser in Nant Gwrtheyrn dienen heute als Unterkünfte für Sprachschüler und Wanderer. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die ehemaligen Arbeiterhäuser in Nant Gwrtheyrn dienen heute als Unterkünfte für Sprachschüler und Wanderer. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Für die Arbeiter wurden zwei Häuserreihen hochgezogen. Auch eine Kapelle und ein Geschäft fehlten nicht. Als Anfang des 20. Jahrhunderts das Kopfsteinpflaster mehr und mehr dem Teer als Straßenbelag weichen musste, wurde gleichzeitig das Ende der Steinbrüche eingeläutet. Die Arbeiter und ihre Familien verließen Nant Gwrtheyrn und die Siedlung verfiel in einen Dornröschenschlaf, ehe hier ab Ende 1970er Jahre umfangreiche Umbau- und Renovierungsarbeiten für das Sprachzentrum begannen.

Beeindruckendes Welterbe in Caernarfon

Sonnenuntergang über der Irischen See in Nant Gwrtheyrn. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Sonnenuntergang über der Irischen See in Nant Gwrtheyrn. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die Kapelle und das einstige Haus des Steinbruchchefs, das den Namen „Y Plas“ trägt, wurden zu Unterrichtsräumen, die Wohnhäuser zu Unterkünften, so dass hier ab 1982 erste Walisisch-Kurse abgehalten werden konnten. Die Schlafstätten in Nant Gwrtheyrn, das jährlich allein 50.000 Tagesgäste zählt, stehen allen offen. Und so legen nicht wenige, die auf dem Wales Coastal Path unterwegs sind, hier ein Nachtlager abseits allen Trubels ein.

Das beeindruckende Caernarfon Castle steht als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Das beeindruckende Caernarfon Castle steht als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Überaus lohnend ist auch ein Abstecher nach Caernarfon. Die 10.000-Seelen-Gemeinde an der Meerenge von Menai fühlt sich spürbar königlich. Nicht nur, weil das weithin sichtbare Castle im Herzen der malerischen Altstadt als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO steht, sondern weil im Hof der trutzigen Festung der britische Thronfolger Charles im Jahre 1969 zum „Prinz of Wales“ gekrönt wurde.

Wo Charles zum Prinz of Wales wurde

Faszinierender Blick von Caernarfon Castle auf die Stadt den Manai und die gegenüberliegende Insel Anglesey. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Faszinierender Blick von Caernarfon Castle auf die Stadt den Manai und die gegenüberliegende Insel Anglesey. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Bis heute sind die Windsors dem Städtchen eng verbunden und statten Caernarfon regelmäßig einen Besuch ab. Daher wurde die im 13. Jahrhundert errichtete Festung mit ihren neun Türmen und stolzen Zinnen sogar durch einen gläsernen Balkon erweitert, von dem aus die Blaublütigen dem Volke auf dem zentralen Castle Square zuwinken können.

Bunte Häuser und enge Gassen prägen neben der Festung das Bild von Caernarfon. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Bunte Häuser und enge Gassen prägen neben der Festung das Bild von Caernarfon. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„In Wales finden sich genau 641 Burgen und Burgruinen“, weiß Guide Rob Lewis Jones zu berichten, während mit Conwy eine weitere Perle im Norden von Wales erreicht ist. Neben dem gleichnamigen Castle aus dem 13. Jahrhundert, das ebenfalls zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt, wird das mittelalterliche Marktstädtchen von einer 1,5 Kilometer langen Stadtmauer mit insgesamt 21 Türmen dominiert.

Das kleinste Haus Großbritanniens

Conwy wird von einer stolzen mittelalterlichen Stadtmauer umgeben. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Conwy wird von einer stolzen mittelalterlichen Stadtmauer umgeben. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Einen augenfälligen Kontrast zu den geschichtsträchtigen Gemäuern bildet ein knallrotes Häuschen am Hafen, das als schmalstes Haus in Großbritannien gilt. Der gezeitenabhängige Hafen, eine spektakuläre Hängebrücke von Thomas Telford aus dem frühen 19. Jahrhundert und die Nähe zu den Bergen von Snowdonia sind weitere Pfunde, mit denen Conwy wuchern kann.

Das mächtige Conwy Castle wurde im 13. Jahrhundert errichtet. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Das mächtige Conwy Castle wurde im 13. Jahrhundert errichtet. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ein wenig angsteinflößend wirken nur die laut kreischenden Möwen, die zu fliegenden Riesen mutiert zu sein scheinen und überaus gut im Futter sind. Die „Don’t feed seagulls“-Schilder werden hier scheinbar beflissentlich ignoriert. Dafür sorgen in der High Street einige Bäume, die durch das sogenannte Guerilla Knitting mit einem Strickkleid verschönert wurden, für besondere Blickfänge.

Toskana-Flair in der Tremadog Bay

Blick von der historischen Stadtmauer auf Conwy und das Castle. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Blick von der historischen Stadtmauer auf Conwy und das Castle. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Eine völlig andere Welt eröffnet sich wenige Kilometer weiter in Portmeirion, wo der exzentrische Visionär Clough William-Ellis (1883-1978) zwischen 1925 und 1976 seine eigene kleine Welt geschaffen hatte: einen verspielten Ort mit bonbonfarbenen Fassaden, Türmchen, Säulengängen, Kirchen, Kuppeln, Statuen und einem liebevoll angelegten Garten. Vieles ist echt, manches aber einfach nur schöner Schein.

Portmeirion besticht durch einen ungewöhnlichen Mix an Farben und Baustilen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Portmeirion besticht durch einen ungewöhnlichen Mix an Farben und Baustilen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Über Portmeirion schwebt ein Hauch der Toskana mit einem Hang zum Disneyland. Zu den vielen kuriosen Bauwerken gehören der Bell Tower of Campanile, die Buddha Statue aus Ingrid Bergmanns Film „Die Herberge zur 6. Glückseligkeit“, der Pantheon, eine klassische Kolonnade, die William Reeve 1760 für den Arnos Court in Bristol errichtet hatte, ein „falscher“ Leuchtturm und ein viktorianischer Hundefriedhof, der noch immer Benutzung ist.

Lebenstraum von Clough William-Ellis

Nicht von ungefähr wird Portmeirion immer wieder für Filme in Szene gesetzt. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Nicht von ungefähr wird Portmeirion immer wieder für Filme in Szene gesetzt. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„William-Ellis wollte beweisen, dass er an einem der schönsten Flecken dieser Erde etwas ebenso Schönes schaffen konnte, ohne dieser Ort zu zerstören“, berichtet Meurig Jones, Standortleiter von Portmeirion, voller Ehrfurcht über die Entstehung dieses ehrgeizigen Projektes, das ein bisschen an eine Filmkulisse erinnert. Und in der Tat wurde auf dem 7.000 Hektar großen Areal an der Tremadog Bay ab 1966 die britische TV-Kultserie „The Prisoner„, die in Deutschland unter dem Titel „Nummer 6“ über den Bildschirm flimmerte, abgedreht.

Wales - Ein echter Blickfang: Der Pantheon in Portmeirion. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ein echter Blickfang: Der Pantheon in Portmeirion. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Auf die Frage, warum er diesen ungewöhnlichen Mix aus Baustilen und Epochen im Norden von Wales errichten ließ, soll Clough Williams-Ellis Zeit seines Lebens immer wieder gebetsmühlenartig geantwortet haben: „Weil es mein Traum war!“

Fehlen noch 639 Burgen…

Castell Deudraeth ist einer alten Burg nachempfunden und dient heute als Hotel. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Castell Deudraeth ist einer alten Burg nachempfunden und dient heute als Hotel. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Einen eben solchen verwirklichte in unmittelbarer Nachbarschaft zum Portmeirion Village im Jahre 1850 auch der Abgeordnete David Williams. Er ließ sich mit Castell Deudraeth ein viktorianisches Schloss errichten, das heute als Luxushotel und Nobelrestaurant dient.

Am Hafen von Conwy vereinen sich fast alle britischen Klischees: Castle, Telefonzelle und Fish & Chips. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Am Hafen von Conwy vereinen sich fast alle britischen Klischees: Castle, Telefonzelle und Fish & Chips. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„So hübsch auch anzusehen ist, gehört es wirklich nicht zu den 641 Burgen und Burgruinen in Wales“, lacht Rob Lewis Jones, wohl wissend, dass noch 639 weitere Castle darauf warten, entdeckt zu werden…

Weitere Informationen unter www.visitbritain.com/de und unter www.visitwales.com

Das leibliche Wohl

Wales, Porthdinllaen - Copyright Karsten-Thilo Raab (7)

Das Ty Coch Inn in Porthdinllaen serviert lokale Biere mit Blick auf die Irische See. (Foto Karsten-Thilo Raab)

In Nant Gwrtheyrn hält das Caffi Meinir, Telefon 0043-1758-750442, www.nantgwrtheyrn.org, typisch walisische Speisen und Getränke vor.

Ty Coch Inn, Porthdinllaen, Morfa Nefyn, Gwynnedd LL53 6DB, Wales, Telefon 0043-1758-720498, www.tycoch.co.uk. Das als eine der Top 10 Strandbars der Welt geadelte Pub liegt in einer weiten Bucht direkt an der Irischen See.

Marram Grass - Copyright Karsten-Thilo Raab

Das Marram Grass wirkt von außen eher unscheinbar, wartet aber mit exzellenter Küche auf. (Foto Karsten-Thilo Raab)

The Marram Grass, White Lodge, Anglesey, LL61 6RS, Wales, Telefon 0043-1248-440077, www.themarramgrass.com. In einer von außen völlig unscheinbaren, umgebauten Schuppen wird exzellente walisische Küche mit moderner Note serviert.

Sich bequem betten

Nant Gwrtheyrn, Llithfaen, Pwllheli, Gwynedd, LL53 6NL, Wales, Telefon 0043-1758-750334, www.nantgwrtheyrn.org. Ab 65 Pfund können Tagesgäste auch ohne Kursbelegung in Nant Gwrtheyrn übernachten.

Das Tre-Ysgawen Hall Country House Hotel & Spa liegt mitten im Grünen - fernab von geschäftigen Straßen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Das Tre-Ysgawen Hall Country House Hotel & Spa liegt mitten im Grünen – fernab von geschäftigen Straßen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Tre-Ysgawen Hall Country House Hotel & Spa, Capel Coch, Llangefni, Isle of Anglesey, LL77 7UR, Wales, Telefon  0044-1248-750 750, www.treysgawen-hall.co.uk. Stilvolles, alt ehrwürdiges Hotel in einem prachtvollen Herrenhaus auf der Isle og Anglesey.

Castell Deudraeth, Portmeirion, Gwynedd LL48 6ET, Wales, Telefon 0044-1766-770000, www.portmeirion-village.com

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