Von 21. September 2012 Mehr →

Wandern am wilden Fluss entlang: Der Lechweg

Der Startpunkt für den Lechweg liegt unweit des Formarinsees. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Der Startpunkt für den Lechweg liegt unweit des Formarinsees. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Still und starr ruht der See. Mit seinem türkisfarbenen Wasser und den sich darin spiegelnden Bergkämmen bildet der Formarinsee eine Bilderbuchkulisse im österreichischen Vorarlberg. Ganz in der Nähe des Sees entspringt der Formarinbach. Nur einen Steinwurf entfernt dringt an zahllosen Stellen zwischen Felsvorsprüngen, Alpenrosen und Edelweiß glasklares Wasser aus den Lechtaler Alpen und sammelt sich in dem kleinen Bach, der zunächst kaum mehr als ein etwas breiteres Rinnsal ist. Das Wasser das sich hier auf 1.793 Metern über dem Meeresspiegel sammelt, wird schließlich zum jungen Lech. Als einer der letzten weitgehend wilden Flüsse Europas sucht sich das gerade einmal sechs Grad warme Gebirgswasser des Lechs einen 264 Kilometer langen Weg durch Österreich und Deutschland, ehe er nahe dem schwäbischen 2.600-Seelen-Nest Marxheim in die Donau mündet. Unweit des Formarinsees beginnt mit dem Lechweg ein erst im Juni 2012 eröffneter Wanderweg, der sich über 125 Kilometer bis Füssen im Allgäu erstreckt. Ein Weg, der zwei Länder und drei Regionen miteinander verbindet.

Die Höhenbachschlucht mit dem Simms-Wasserfall. (Foto Ulrike  Katrin Peters)

Die Höhenbachschlucht mit dem Simms-Wasserfall. (Foto Ulrike Katrin Peters)

In sechs bis acht Tagen lässt sich der alpine, und gleichwohl familienfreundliche Wanderweg durch Vorarlberg, Tirol und Teile des Allgäus bequem absolvieren. Dabei führt der gut ausgeschilderte Weg mal über Trampelpfade, mal über Waldwege und mal über gut ausgebaute Forstwege. Teilweise geht es direkt am Ufer des Lechs entlang, dann wieder über Stock und Stein über Bergkämme und Höhenrücken – immer wieder vorbei an Dörfer und kleinen Städtchen, die, wie an einer Perlenschnur aufgereiht, das Lechtal durchziehen. Einziger Wermutstropfen: Der erste Teil des Weges kann nach starken Winter nur von Ende Juni oder Anfang Juli bis Ende Oktober begangen werden. Denn selbst bis weit in die Sommermonate hinein finden sich insbesondere entlang der ersten Streckenabschnitte immer wieder extrem glitschige Schneefelder.

Die einzigen Geräusche, die hier hoch oben in den Bergen rund um Formarinsee zu hören sind, sind neben dem Plätschern des Wassers das markante Pfeifen der Murmeltiere und das Glockengeläut der hier grasenden Kühe. Während es auf einem schmalen Pfad talwärts geht, nimmt die Zahl der  Tannen und Kiefern allmählich zu und verdrängt die Blumenwiesen entlang des Wassers. Nach gut 15 Kilometern ist dann das mondäne Lech am Arlberg als erste Station erreicht.

Schnell wird klar, warum der beliebte Skiort im Jahre 2003 zum „schönsten Blumendorf Österreichs“ und 2004 gar zum „schönsten Dorf in Europa“ gekürt wurde. Die typisch alpenländlichen Häuser entlang des Lechufers scheinen sich mit ihren Blumendekorationen und geranienbehangenen Balkonen einen kleinen Wettbewerb zu liefern. Markanteste Punkte in dem pulsierenden 1.700-Seelen-Nest sind die überdachte Tannbergbrücke von 1665 und die Pfarrkirche zum Heiligen Nikolaus, deren Geschichte bis in das Jahr 1400 zurückreicht, als die Walser hier ein erstes Gotteshaus errichteten.

In Holzgau wissen vor allem die Lüftlmalereien zu begeistern. (Foto Karsten-Thilo Raab)

In Holzgau wissen vor allem die Lüftlmalereien zu begeistern. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Auf weichem Waldboden geht es nun hoch über einem tief eingeschnittenen Canyon weiter ins zehn Kilometer entfernt liegende Warth mit seinem wunderschönen alten Walser Hus. Dabei wird immer wieder der Blick auf den im Tal vorbeirauschenden Lech mit seinem türkisfarbenen Wasser frei. Weiter führt der abwechslungsreiche Weg via Steeg mit seinen einladenden Kneipp-Becken nach Holzgau. Viele Häuser des charmanten Dorfes mit seinen gerade einmal 450 Einwohnern sind mit bunten  Säulen, Blumen und Ornamenten in spätbarocker Lüftlmalerei verziert. Unweit des Ortszentrums stürzt sich in der Höhenbachschlucht der Simms-Wasserfall 30 Meter in die Tiefe. Überspannt wird der Taleinschnitt durch eine spektakuläre, 200 Meter lange Hängebrücke in 105 Metern Höhe. Österreichs längste Fußgängerbrücke ist in mehrfacher Hinsicht ein Höhepunkt dieser Etappe. Die Blicke hinab in die uralte Schlucht und auf Holzgau sind einmalig – sofern man denn schwindelfrei ist.

Nur für schwindelfreie: die Seilhängebrücke in Holzgau. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ein Panoramaweg führt weiter Richtung Bach, wo wieder das Lechufer erreicht ist. Längst hat die Flusslandschaft ihr Gesicht gewandelt. Der Lech ist zu einem stattlichen Fluss angeschwollen und zieht in weiten Schleifen seine Bahn durch das breiter werdende Tal. Immer wieder bildet er kleinere und größere Kiesel- und Geröllbänke  sowie Inseln aus, um in Biegungen und Kurven mächtig an Strömungsgeschwindigkeit zuzulegen.

In Elbigenalp, dem Hauptort des Lechtals, ist die Hälfte des Lechweges absolviert. Das „Duarf“ mit seinen heute gut 860 Einwohnern steht ganz im Zeichen der Geierwally. Denn mit  Anna Stainer stammte die junge Frau, deren Geschichte als literarische Vorlage für den mehrfach verfilmten Roman Pate stand, aus Elbigenalp. Im Jahre 1858 hatte sich die damals 17-jährige Stainer über steilen Felsen abgeseilt und ein Adlerhorst ausgenommen, was sich viele Männer nie getraut hätten. Damit begründete sie den bis heute anhaltenden Mythos der Geierwally, deren Geschichte noch heute in den Sommermonaten auf der Freilichtbühne von Elbigenalp zur Aufführung kommt.

Ziel- und Endpunkt des Lechwegs ist Füssen im Allgäu. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ziel- und Endpunkt des Lechwegs ist Füssen im Allgäu. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Via Häselgehr, Stanzach und Weißenbach geht es nach Wängle und an den Ortsrand von Höfen, wo sich ein kleiner Abstecher zur Hahnenkamm-Gondel anbietet. In nur acht Minuten saust diese auf 1720 Meter Höhe, wo sich bei einem kühlen Radler und Apfelstrudel das herrliche Bergpanorama genießen. Außerdem warten hier oben ein Barfuss-Wanderweg sowie ein Alpen-Blumengarten darauf, entdeckt zu werden.

Nun führt der Lechweg im weiten Bogen, überwiegend entlang von Höhenwegen, um Reutte herum, um dann nach Pflach auf der Schlussetappe völlig unbemerkt die Grenze nach Deutschland zu passieren. Erst blitzt das Wasser des Alpsees zwischen den Wipfeln der Bäume auf, dann fallen mit Hohenschwangau und Neuschwanstein die Märchenschlösser von König Ludwig II. in den Blick. Nach ein paar weiteren Anstiegen und dem Panoramablick vom Kalvarienberg stehen die letzten Meter dieses wunderbar wanderbaren Weges bis zum Endpunkt am Lechfall von Füssen an. Dies ist zugleich der Punkt, an dem der Lech seinen wilden Charakter verliert. Denn auf den nun folgenden weit mehr als einhundert Kilometer bis zur Donaumündung bei Marxheim wird der Fluss gezähmt, begradigt und industriell genutzt. Was auch der Grund dafür ist, das Europas jüngster Qualitätswanderweg bereits in der charmanten Stadt im Allgäu endet. Wobei der Gang durch die malerische, aber geschäftige Altstadt von Füssen, vorbei am Hohen Schloss und begleitet von unzähligen asiatischen Reisegruppen nach Tagen inmitten einer wildromantischen Flusslandschaft und verträumter Dörfer ein wenig wie ein Kulturschock wirkt.

Informationen: www.lechweg.com

Allgemeine Informationen: Lech Zürs Tourismus GmbH, Dorf 2, A-6764 Lech am Arlberg, Telefon 0043-5583-21610, www.lech-zuers.at

Tourismus Warth-Schröcken, A-6767 Warth, Telefon 0043-5583-35150, www.warth-schroecken.com

Lechtal Tourismus, Untergiblen, A-6652 Elbigenalp, Telfon 0043-5634-5315, www.lechtal.at

Tourismusverband Naturparkregion Reutte, Untermarkt 34, A-6600 Reutte, Telefon 0043-5672-62336, www.reutte.com

Füssen Tourismus und Marketing, Kaiser-Maximillian-Platz 1, 87629 Füssen, Telefon 08362-93850, www.fuessen.de

Anreise: Mit dem PKW von Richtung Ulm über die Autobahn A7, Abfahrt Oy, und weiter über Richtung Oberjoch. Aus München über die Autobahn A95 bis Autobahnende und weiter Richtung Oberammergau bis zum Lechtal.

Übernachten: Pension Bergmähder, Oberlech 531, 6764 Lech, Österreich, Telefon 0043-(0)5583-30070, www.bergmaehder.at. Die familiengeführte Pension im Ortsteil Oberlech ist vom Zentrum von Lech bequem mit der Gondel zu erreichen und hält großzügige Apartments vor. Auch die Küche des Hauses ist überaus empfehlenswert.

Warther Hof, Bregenzerwaldstraße 53, A-6767 Warth, Österreich, Telefon 0043-(0)5583-3504, www.wartherhof.com. Das Vier-Sterne-Superior-Haus liegt direkt am Lechweg und besticht durch ein Schwimmbad, ausgezeichnete Wellnessangebote und eine feine, regionale Küche mit moderner Note.

Föhrenhof, A-6642 Stanzach, Tirol, Österreich, Telefon 0043-(0)5632-371, www.hotel-foehrenhof.at. Das familiengeführte Vier-Sterne-Hotel liegt rund 300 Meter vom Lechweg entfernt und hält großzügige Zimmer vor. Auch die Küche des Hauses ist empfehlenswert.

Luitpoldpark Hotel, Bahnhofstraße 1-3, 87629 Füssen, Telefon 08362-9040, www.luitpoldpark-hotel.de. Das zentral gelegene Vier-Sterne-Hotel bietet mit seinem Wellnessangebot Entspannung für müde Wanderbeine.

Literaturtipp: Ulrike Katrin Peters, Karsten-Thilo Raab: Lechweg, ISBN 978-3-86686-420-7 1, Conrad Stein Verlag. Erhältlich ist der 160-seitige Wanderführer für 12,90 Euro im Buchhandel oder direkt beim Verlag.


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