Von 11. Dezember 2014 Mehr →

Ville souterraine – Montréals unterirdische Stadt

Der Complexe Les Ailes ist Teil des Ville souterraine, der Stadt unter der Stadt in Montréal. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Der Complexe Les Ailes ist Teil des Ville souterraine, der Stadt unter der Stadt in Montréal. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Die Quecksilbersäule steht weit unter Null Grad. Ein eisiger Wind pfeift durch die schneebedeckten Straßen im kanadischen Montréal. Wie so oft in den vier, fünf, manchmal fast sechs Monaten dauernden Wintern wird die zweitgrößte französischsprachige Stadt der Welt von einem Blizzard, einem Schneesturm, gepeinigt. Die Menschen hier unten stört das wenig. Nur in T-Shirts und Blusen gekleidete Männer und Frauen sitzen im Café oder schlendern genüsslichen Schrittes von Boutique zu Boutique, von Kaufhaus zu Kaufhaus, von Konsumtempel zu Konsumtempel.

Im Centre Eaton lässt sich sowohl über als auch unter der Erde shoppen. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Im Centre Eaton lässt sich sowohl über als auch unter der Erde shoppen. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

In der Millionenmetropole am mächtigen Sankt-Lorenz-Strom mutieren nicht wenige in der kalten Jahreszeit zu wahren Erdmännchen, verbringen Stunden, manchmal sogar Tage und Wochen zehn Meter und mehr unter der Erde im warmen Bauch von Montréal, im Ville souterraine.

Die Stadt unter der Stadt ist mehr als nur ein unterirdisches Einkaufsparadies. Über ein 33 Kilometer langes Wegenetz sind unter dem Business District gut 1.700 Geschäfte sowie 350 Restaurants und Bars miteinander verbunden. Hinzu kommen 40 Kinos, Theater und Konzertsäle, zwei Universitäten, ein College, zwei Bahnhöfe und zehn Metrostationen, aber auch vier Dutzend Banken, Ärzte, Anwälte und andere Dienstleistungsunternehmen. Sogar der liebe Gott hat Anschluss an die Unterwelt: Über die Promenades de la Cathedrale haben Gläubige einen Zugang zu einer Kirche. Nicht weniger als 66 Häuserkomplexe, deren Wohn- und Büroeinheiten ganzjährig trockenen Fußes erreicht werden können, sind wie ein Spinnennetz mit einander verwoben.

Geboren wurde die Idee einer unterirdischen Stadt Anfang der 1960er Jahre, als die ersten Wolkenkratzer im Geschäfts- und Wirtschaftszentrum von Montréal am Reißbrett geplant wurden. Den Anfang machte Anfang machte Stararchitekt Ieoh Ming Pei, der unter anderem auch für das MIHO-Museum in Japan verantwortlich ist, und aus dessen Feder der Entwurf für die Glaspyramide im Innenhof des Louvre stammt. Neben dem Gelände für das Bauvorhaben am Place Ville Marie lag eine tiefe Schneise einer einstigen Eisenbahnlinie. Statt das Loch aufzufüllen oder dort eine Tiefgarage zu bauen, entschieden sich die Planer um Ieoh Ming Pei, dort ein Einkaufszentrum mit Kinos und Cafés zu errichten.

In Montréal Ville souterraine finden sich für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel alles. (Foto Karsten-Thilo Raab)

In Montréal Ville souterraine finden sich für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel alles. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die überaus positive Resonanz seitens der Montrealer Bevölkerung auf die neue Einrichtung ließ das Beispiel schnell Schule machen. Mehr und mehr Hochhauskomplexe wurden schon beim Bau gezielt großzügig unterkellert und über unterirdische Gänge mit benachbarten Wolkenkratzern verbunden. Schnell avancierten die klimatisierten Passagen zu einer der wichtigsten Lebensadern der Olympiastadt von 1976. Heute erstreckt sich das Ville souterraine über fast ein Drittel der Innenstadt. Ob heiße Sommer oder lange kalte Winter – nicht nur Kellerkinder fanden und finden Gefallen an dem reichhaltigen Angebot unter der Erde. Motto: Tschüss Winterpelz!

Brunnen, Skulpturen, Plastiken und eine Vielzahl an Pflanzen verleihen dem Licht durchfluteten Shoppingparadies eine ureigene Atmosphäre. Vieles von dem, was der 3,5-Millionen-Meropole den Beinamen „La Belle“, die Schöne, einbrachte, bleibt den zweibeinigen Maulwürfen bei ihren Einkaufstouren unter der Erde jedoch verborgen. Ebenso das Tageslicht.

Wie hier im Centre Eaton lässt sich überall in Montéal auch im tiefsten Winter angenehm shoppen. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Wie hier im Centre Eaton lässt sich überall in Montéal auch im tiefsten Winter angenehm shoppen. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

In der Welt aus Kunst- und Neonlicht, in der alle bedeutenden Marken- und Designerlabels eigene Dependancen unterhalten, darf natürlich ungeachtet alle Wetterabgeschiedenheit ein Stück Winter nicht fehlen. Unter einem Büroturm an der Rue de la Gauchetiere können die verhinderten Schneehasen die Schlittschuhe unterschnallen und auf einer Eislaufbahn ein paar Runden drehen.

Selbstverständlich könnten stattdessen auch einfach Mantel, Schal und Mütze übergeworfen werden. Denn in und um Montréal bieten sich die mannigfaltigsten Wintersportmöglichkeiten vom Langlauf und Eisangeln über Motor- und Hundeschlittentouren bis hin zu alpinen Abfahrten am Mont Saint Sauveur oder Mont Tremblant. Doch dort lässt es sich nun mal nicht so unbeschwert shoppen.

Allgemeinee Informationen unter www.bonjourquebec.de sowie unter www.tourisme-monteal.org; eine Übersicht über die wichtigsten Konsumtempel in und um das Ville souterraine findet sich online unter www.mtlshopping.com.

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