Von 30. Mai 2012 Mehr →

Värmland zwischen Beatles-Nostalgie und Nobelpreis-Feeling

Eingefleischte Beatles Fans wissen es natürlich: das erste öffentliche Konzert der Fab-Four außerhalb des Vereinigten Königreichs fand im schwedischen Städtchen Karlstad statt, dem Hauptort der Provinz Värmland, gelegen am Nordende des Vänern.  Es war im späten Oktober des Jahres 1963 und leichter Schnee fiel, ganz so wie der meist etwas kindlich-naive Ringo es sich gewünscht hatte. Die vier residierten im altehrwürdigen Stadshotellet, jeweils zu zweit in einem Zimmer, und benahmen sich ausgesprochen brav, wie der Hotelmanager damals erstaunt feststellen musste. Ihr Konzert in der Neuen Aula der Sundsta Schule war nicht ausverkauft und dauerte nur etwa 20 Minuten, dann ging das Mikro bei der Zugabe in die Brüche. Zu schwach war es für Johns heftige Intonation von Twist and Shout und ein Mikrofon-Ersatz ließ sich in der gebotenen Eile dann auch nicht auftreiben. Nicht überliefert ist, ob der Pub des Hotels The Bishops Arms, ganz nach englischem Vorbild gestaltet und ausgestattet und mit einer erlesenen Auswahl an Fassbieren, aufgrund dieses musikgeschichtlich bedeutsamen Ereignisses erst entstand oder ob es eher etwas mit dem ehemaligen Bischofssitz am Ort zu tun hat. Gleichwohl findet sich heute noch der Beatlesrummet im Stadshotel, beinahe unscheinbar die Aufschrift auf der Tür von Zimmer 130 in der ersten Etage.

Bereits 56 Jahre zuvor erblickte Sara Stinah Hedberg, besser bekannt unter dem Künstlernamen Zarah Leander, in Karlstad das Licht der Welt. Als Sängerin und Schauspielerin, mithin als schwedischer Exportartikel weltweit bekannt, weist lediglich eine kleine Tafel am ehemaligen Standort ihres Geburtshauses auf Tingvallar, dem Altstadtkern Karlstads, auf jenen Umstand hin. Erst seit 2003 erinnert auch eine Bronzebüste im Opernhaus an den UFA-Star. Just dort also, wo in den 1920er Jahren ihre Karriere begonnen hatte. Ihre umstrittenen Aktivitäten zu Zeiten des Nationalsozialismus bereiten nicht nur den Stadtoberen noch heute einiges Kopfzerbrechen. Für das Aufkommen der populären Musik, in den Anfängen maßgeblich vertreten durch die Pilzköpfe aus Liverpool, hatte die gestandene Sängerin vermutlich nicht besonders viel Verständnis.

Während Leanders dreidimensionales Konterfei verschämt in den Hallen des Opernhauses versteckt ist, sind die Statuen zweier weiterer, bedeutender Damen in unmittelbarer Nähe ausgesprochen präsent. Selma Lagerlöf, die erste Frau, die den Literaturnobelpreis erhielt, sitzt erhaben und ein wenig großmütterlich in einem kleinen Park im Schatten mächtiger Bäume gegenüber der Oper. Mit der wunderbaren Reise des Gänsejungen Nils Holgersson brachte die einstige Lehrerin den Kindern Schwedens das eigene Land nahe. Geografie und Geschichte verpackt in einem Kinderbuch, eine wahrhaft geniale Idee. Doch Selma Lagerlöfs Ruhm begründet sich mehr auf ihre weltliterarischen Werke, wie etwa das Epos um Gösta Berling, um dessen Schicksal in ihrer värmländischen Heimat. Eine Stunde nördlich von Karlstad liegt denn auch der Herrensitz Mårbacka, in dem die Schriftstellerin 1858 geboren wurde und bis 1882 lebte. Der Vater starb, die Familie verarmte und musste den Hof verkaufen, doch 1907 erwarb sie ihn zurück und lebte fortan dort. Heute ist der Besitz als Museum eingerichtet und öffentlich zugänglich. Beim Rundgang durch die Räumlichkeiten spürt der Besucher sehr authentisch den Atem und den Geist der Zeit. Am kleinen Tisch im Schlafzimmer der Autorin liegen noch Zwickel und Patiencekarten, so, als wenn sie nur gerade einmal den Raum verlassen hätte. Auch Kleid und Schuhe von der Osloer Verleihung des Nobelpreises finden sich hier.

Die zweite Dame ist Eva-Lisa Holtz. Ihr Denkmal steht direkt vor dem Stadshotellet. Kein Schatten stört oder behindert den Blick auf ihr fröhlich lachendes Antlitz. Sie war im 18.Jahrhundert Kellnerin in eben diesem Hotel, hatte ein ewig sonniges Gemüt, stets ein Lächeln für ihre Gäste und ein überaus freundliches Wesen, was ihr den Spitznamen „Sola“ – Sonne – eintrug. Es dürfte wohl das einzige Denkmal auf der Welt sein, das einer Serviererin vor ihrem ehemaligen Arbeitsplatz gesetzt wurde. Sola und die zahlreichen Sonnenstunden, die Karlstad alljährlich in die Statistik-Spitzengruppe schwedischer Orte und Regionen führen, sind maßgeblich für die Tatsache verantwortlich, dass man sich für ein sehr simples, fast ein wenig naives Stadtlogo mit einer lächelnden Sonne entschied, das an allen erdenklichen Örtlichkeiten auftaucht.

Tingvallar liegt im Delta des Flusses Klarälven, umflossen von dessen östlichen und westlichen Arm und durchschnitten vom Pråmkanalen aus dem Jahre 1838, der eine Verbindung zum Inneren Hafen schaffte. Der Klarälv entspringt knapp 480KIlometer weiter nördlich, macht in seinem Verlauf einen Abstecher nach Norwegen, wo er als Trysilelva bezeichnet wird. Er war in seinem unteren Verlauf bis 1991 der letzte Wasserlauf des Landes, auf dem industriell geflößt wurde. Die auf einheitliche Länge geschnittenen Stämme wurden einfach ins Wasser geworfen und trieben dann hinunter nach Karlstad, wo sie entweder verschifft oder weiter verarbeitet wurden. In den späteren Jahren wurden die Stämme zu Blöcken zusammen gebunden und mittels Schleppkahn zum Zielort befördert. Ein endlos langer Tross mit Baumstämmen schipperte dann mitten durch Karlstad. Diese Zeiten sind längst vorbei, allerdings bekommt man einen kleinen Eindruck durch heutige touristische Angebote.

Da heißt es dann nämlich ordentlich in die Hände gespuckt, kräftig zugepackt, Baumstämme sortiert und fein säuberlich zu einem Floß zusammen gebaut. Damit das jedoch nicht in einem feuchten Fiasko aus lauter Einbäumen und reichlich nassen Füssen endet, gibt es die fachkundige Anleitung gleich dazu. Björn-Guido Heuser, 33-jähriger Landschaftsplaner aus Hannover, hat seit kurzem diesen Job bei Vildmark i Värmland übernommen. „Hier haben wir jetzt ein Floß mit Pool“, erklärt er grinsend, nachdem er seinen Gästen auf dem Trockenen die Bauweise, die Konstruktion und vor allen Dingen die Knoten erklärt hat, und deutet auf die quadratische Leere zu seinen Füssen. „Wir bauen dieses hier nicht fertig. So ein fertiges Teil von 3 mal 3 Metern wiegt nämlich so viel wie ein ausgewachsener Volvo.“ Das richtige rustikale Wasserfahrzeug wird anschließend im seichten Wasser des Flussufers angefertigt. Björn legt dabei auch gern helfend die Hand an, vor allem beim Fixieren der Seile, die nach bestimmten Vorgaben zu verknoten sind.

„Ihr treibt jetzt mit etwa drei Stundenkilometern flussabwärts. Seht zu, dass Ihr immer die Hauptströmung erwischt. Ein bisschen Paddeln hilft auch.“ Er winkt noch einmal fröhlich zu uns herüber, als wir fast unmerklich auf den Klarälven hinaus treiben. Erst allmählich entdecken wir das ungewohnte Gefühl der Langsamkeit, erkennen, dass wir tatsächlich vorwärts kommen und nicht auf der Stelle schwimmen, obwohl die dräuenden Wolken am Firmament irgendwie schneller zu sein scheinen. Doch dann genießen wir die Ruhe, den Blick auf die Ufer, auf den Gleichmut der Natur, auf die zunächst unsicheren, später hastigen Reaktionen der Wasservögel ob des urigen Gefährtes, das ihnen bedrohlich nahe kommt. Leider trübt einsetzender, prasselnder Dauerregen – die imposanten Wolken haben ihren Schleusen geöffnet – den positiv entspannten Eindruck, denn auf den Bau eines schützenden Daches für das hölzerne Wasserfahrzeug wird bei Tagesausflügen verzichtet und die bereitgestellte Regenkleidung kapituliert spürbar wegen der dauerhaften Berieselung…

Nach dieser unfreiwilligen Sommerdusche wirkt ein ausgiebiger Saunagang wahre Wunder. Doch selbst hierfür sind einige Mühen erforderlich, denn an unserem Hotel, dem Fryken Strand an der langgestreckten Seenkette des Fryken, schwimmt die holzbefeuerte Sauna mit einem Anker gehalten auf dem Wasser. Statt Steg muss also nach Aufladen des Brennholzes mittels Ruderboot der ersehnte Weg in die Hitze zurückgelegt werden. Und wieder haben wir beim Schwitzen Planken unter uns. Es schaukelt mehr als auf dem Fluss, denn der Wind sorgt für ständige Bewegung. Ein Fenster gewährt unverstellten Blick auf die Weite des Sees, in dem sich die Wolkenbildung der hereinbrechenden Nacht sinnlich spiegelt. Der abschließende Sprung ins kühlende Nass erfrischt nachhaltig und obwohl die Sonne längst untergegangen ist, liegt jetzt nur eine kaum merkliche Dämmerung über dem mittsommerlichen Värmland.

Zur Feier des höchsten und wichtigsten Festes der Sommersonnenwende in Schweden führt das Heimatmuseum von Ransäter in einer kleinen Freiluftarena das klassische Singspiel „Der Värmländer“ auf. Darin geht es, wie fast immer in diesen folkloristischen Darbietungen, um reich und arm, um Liebe, um Generationenkonflikte und ähnliches. Selbst wenn man der schwedischen Sprache nicht mächtig ist, lässt sich der Handlungsstrang erkennen. Doch auch der ausgelassene Tanz der Kinder und junger Mädchen um den Maibaum, Gesang und kleine Umzüge werden auf dem weitläufigen Gelände vorgeführt. Auch für das leibliche Wohl ist bei einem kleinen Festbankett gesorgt, an dem die Teilnehmer stolz die diversen Trachten der Region vorführen. Und die allgemeine Freude um diesen besonderen Tag können selbst die wenigen Regentropfen nicht trüben.

Allgemeine Information unter www.visitsweden.com, zur Region unter www.varmland.org und zur Stadt unter www.destinationkarlstad.se

Anreise am schnellsten mit dem Flugzeug von vielen deutschen Städten mit SAS oder Lufthansa nach Göteborg oder Stockholm (www.flysas.com, www.lufthansa.com), Weiterfahrt dann mit Mietwagen. Im Sommer werden auch diverse Charterflüge nach Jonköping angeboten. Ansonsten mit dem eigenen PKW über Dänemark oder etwas bequemer mit der Fähre über Nacht von Kiel nach Göteborg (www.stenaline.com).

Unterkunft am Fryken und Klarälven z.B. im Hotel Fryken Strand (www.frykenstrand.se) oder im Vägsjöfors Herrgård bei Torsby (www.vagsjoforsherrgard.com). In Karlstad ist das einst von den Liverpooler Pilzköpfen heimgesuchte Stadshotellet die erste Adresse (www.elite.se/hotell/karlstad/stadshotellet/).

Aktivitäten sind in großer Vielfalt möglich: vom Floßbau und anschließendem Floß fahren am Klarälven (www.vildmark.se) über sommerliches Skivergnügen im Skitunnel von Torsby bei schattigen -3° Celsius (www.skitunnel.se) bis hin zu kulturellen Vergnügungen rund um Mittsommer (www.ransater.com) oder zur Literaturgröße Selma Lagerlöf (www.marbacka.com).

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