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Reykjavík – Phallus-Pracht und Konzerthausglanz

Das Langboot-Denkmal in Reykjavík erinnert an die Wikinger-Vergangenheit der Isländer.

Keflavík wirkt wie ein Kinderflughafen. Klein, übersichtlich, noch dazu abseits, fast schon im Nichts auf der Halbinsel Reykjanesskagi gelegen. Ein Provinz-Airport mit Anschluss an die große weite Welt. Zu verdanken haben die Isländer die bedeutendste Verkehrseinrichtung des Landes den amerikanischen Besatzern, die während des Zweiten Weltkrieges eine Start- und Landebahn am Südwestzipfel der zweitgrößten europäischen Insel anlegten. Heute gibt es hier ein Terminalgebäude, das den Vergleich mit kleinen Regionalflughäfen in Deutschland wie Weeze oder Ludwigshafen nicht scheuen muss. Nur mit dem Unterschied, dass hier auch Transatlantikflüge starten.

Charmante bunte Häuser – oft aus Holz und mit Blechdach – bestimmen das Stadtbild. (Foto Karsten-Thilo Raab)

50 Kilometer sind es von Keflavík bis ins Zentrum von Reykjavík. 50 Kilometer, die alle Neuankömmlinge Demut und Geduld lehren. Mit einem voll gestopften Reisebus geht es mit gemächlichem Tempo Richtung Hauptstadt. Stoßstange an Stoßstange schieben sich Busse und Autos durch eine bizarre, hügelige Mondlandschaft. Schwarzes Lavagestein soweit das Auge reicht. Am Horizont erheben sich schneebedeckte Berge und Vulkankegel. Ein paar Moose und Flechten gedeihen hier. Bäume oder Sträucher sind absolute Mangelware. Nur dort, wo einsam ein paar Häuser stehen, wackeln dünne Bäume mit noch dünneren Ästen im bisweilen steifen Wind.

Die Hallgrímskirkja ist eine der weithin sichtbaren Landmarken in Islands pulsierender Hauptstadt Reykjavík. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Nach gut einer Stunde Fahrzeit ist der zentrale Busbahnhof erreicht. Dort bricht für einen Moment das organisatorische Chaos aus. Die Fahrgäste werden samt Gepäck auf ein halbes Dutzend Kleinbusse umverteilt, um mit diesen direkt zum Hotel ihrer Wahl gekarrt zu werden. Enge Straßen und bunte Häuser prägen das Bild im gemütlich kleinen Zentrum der nördlichsten Hauptstadt der Welt. Ältestes Gebäude der Stadt ist ein Holzhaus an der Ađalstræti 10 aus dem Jahre 1762. Wie das Gros der historischen Holzhäuser im Stadtkern ist es zum Schutz vor dem Unbill des Wetters mit farbig angestrichenem Wellblech verkleidet.

Nationalheld Leifur Eiríksson wurde in Rykjavik im wahrsten Sinne des Wortes ein Denkmal gesetzt. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Wir haben kaum Holz auf der Insel. Daher ist dies ein kostbares Gut, dass seit Jahrhunderten besonders geschützt wurde“, weiß die Isländerin Dóra Magnúsdóttir zu berichten.

Wichtiger Bestandteil der Alterskultur ist der Genuss eines heißen Thermal-Bades. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Zentral im Herzen von Reykjavík erhebt sich die eher unscheinbare Domkirche – natürlich von Wellblech ummantelt. Bei ihrer Fertigstellung im Jahr 1796 bot die Kathedrale der gesamten Bevölkerung von Reykjavík Platz. Aus den damals knapp 500 Seelen sind heute 120.000 geworden. In der gesamten Hauptstadtregion leben sogar 200.000 Menschen – fast zwei Drittel aller Einwohner des Landes.

Bananen sind das Lieblingsobst der Isländer, die auch selber Bananen im Gewächshaus züchten. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Weil die gut sichtbar auf einem Hügel liegende Hallgrímskirkja um einiges größer ist, denken viele, dies sei die Hauptkirche der isländischen Kapitale. Der Turm des im Inneren überaus schlichten Gotteshauses ragt 73 Meter hoch auf. Die Konzertorgel mit 72 Registern bringt stolze 25 Tonnen auf die Waage. Vor dem Wahrzeichen wurde Nationalheld Leifur Eiríksson ein Denkmal gesetzt. Eiríksson war im Jahre 1000 der Erste, der den Atlantik überquerte, und wohl auch der erste Europäer, der in Vinland amerikanische Terrain betrat.

Die Fassade des Konzerthauses Harpa wechselt je nach Lichteinfall die Farbe. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Stolz der Stadt und des gesamten Landes ist aber Harpa – ein modernes Konzerthaus und Kongresszentrum am Hafen. 2011 konnte der 32.000 Quadratmeter große Dreh- und Angelpunkt des isländischen Kulturlebens feierlich seiner Bestimmung übergeben werden. Dabei genügt der 1.800 Besucher fassende Hauptkonzertsaal aller höchsten Ansprüchen. Zu den architektonischen Besonderheiten der Landmarke zählt die Glasfassade von Olafur Eliasson und Henning Larsen. Diese wirkt fast wie ein Kaleidoskop und wechselt je nach Lichteinfall ständig die Farbe, was schon von großer Entfernung das Augenmerk auf Harpa lenkt.

Das Nordic House wartet immer wieder mit spannenden Wechselausstellungen auf. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ein beliebter Anlaufpunkt für Kulturbeflissene ist auch das Nordic House. Das nach Plänen des finnischen Architekten Alvar Aalto im Jahre 1965 errichte Gebäude verfügt über eine grandiose Bibliothek und präsentiert in Wechselausstellungen Werke von Künstlern aus aller Welt. Dabei spannt sich der Bogen von Musik und visueller Kunst über Videoprojekte und Fotografie bis hin zu experimenteller Kunst.

Im Museum Reykjavík 871±2 können Interessierte ganz tief in die Geschichte der Stadt eintauchen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Derweil vermittelt Reykjavík 871±2 in der Aðalstræti einen Einblick in die Anfänge der Geschichte der Stadt im Jahre 871. Dabei entpuppt sich die Sammlung im wahrsten Sinne des Wortes als unterirdisch. Nicht, weil sie so schlecht ist, sondern weil sie die Besucher unter die Erde der isländischen Kapitale führt. Prunkstück der multimedialen Ausstellung sind die Ruinen eines 20 Meter langen Langhauses der Wikinger aus der Zeit um das Jahr 930. Ganz nebenbei erfährt der geneigte Besucher beim Besuch der Ausstellung, dass Island wohl der letzte Flecken Europas war, der besiedelt wurde.

Auch Pop-Art wird im Art Museum im Hafnarhús präsentiert. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Nachweislich stammen die Isländer von Nordmännern – vorwiegend aus Norwegen – ab, die auf ihrer Reise nach Island in Irland noch schnell einige Frauen raubten. Daher lässt sich in den isländischen Genen sowohl eine entfernte Verwandtschaft zu den Norwegern als auch zu den Iren nachweisen.

Eine ganz ungewöhnliche Sammlung präsentiert das Phallus-Museum.

Nur wenige Gehminuten entfernt, wartet im Hafnarhús ein jäher Kontrast zur frühen Geschichte der Stadt. Das in einem alten Hafengemäuer untergebrachte Museum konzentriert sich auf Gegenwartskunst. Dabei werden sowohl isländische als auch internationale Künstler in den Fokus gerückt. Ein großes Augenmerk wird hier auch auf das Leben und Werk von Erró gelegt. Dem schaffensfreudigen Sohn der Stadt, der mit bürgerlichem Namen Guðmundur Guðmundsson heißt und mittlerweile hoch betagt in Paris lebt, ist eine faszinierende Dauerausstellung gewidmet. Vor allem die frechen und farbenfrohen, oft auch kritischen Bilder des Pop-Art-Künstlers wissen auch jene in den Bann zu ziehen, die ansonsten eher wenig mit moderner Kunst anzufangen wissen.

Penisse verschiedener Tierarten sind im Phallus-Museum ausgestellt.

Weniger mit Kunst als mit zur Schau gestellter Männlichkeit beschäftigt sich unterdessen das ungewöhnliche Phallus-Museum. Hier lebt Sigurður Hjartarson seine Faszination für das männliche Geschlechtsorgan aus. Der Isländer sammelt nicht nur Penisse, sondern stellt diese auch seit 1997 aus. Das mächtigste Stück des Museums stammt von einem 15,8 Meter langen Pottwal, misst 170 Zentimeter und bringt 75 Kilogramm auf die Waage. Seit 2011 verfügt das Museum sogar über ein menschliches Glied. Der Spender, der Amerikaner Pall Arason, hatte Ende 2010 das Zeitliche gesegnet. Das „Ausstellungsstück“ wurde dann – wie im Testament verfügt – operativ vom Leichnams abgetrennt und dem Museum übergeben.

Die Hot-Dog-Schmiede Bæjarins Beztu Pylzur am Hafen ist eine Institution. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die einen finden diese Art von Museum völlig abscheulich. Andere sind derart fasziniert, dass sie direkt im Anschluss zu Bæjarins Beztu Pylzur stürmen, um genussvoll in einen heißes Würstchen zu beißen. Denn die am Hafen gelegene Hot-Dog-Bude ist absoluter Kult. Oft bilden sich mehrere Meter lange Schlangen vor dem Schnellimbiss, an dem schon der frühere US-Präsident Bill Clinton ein Würstchen im Brötchen genoss. Ob er dabei auch die Sammlung von Sigurður Hjartarson vor Augen hatte, ist allerdings nicht überliefert.

In den Restaurants der Stadt kommt gerne auch Walfleisch auf den Tisch. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Allgemeine Informationen: www.visitReykjavík.is

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