Von 7. Mai 2017 Mehr →

Postkarten-Idylle – Hommage an die Grußkarte

Mal ehrlich: Die sprichwörtlich gewordene Postkartenidylle finden Zeitgenossen doch nur noch auf der Vorderseite dieses wenigstens 15 mal 10,5 Zentimeter großen Stücks bedruckter Pappe. Auf der Rückseite findet der Daheimgebliebene kaum ein Wort über die wahre Befindlichkeit (heftiger Streit mit dem Partner, Mückenstiche oder Langeweile), den Aufenthaltsort (öde Berghütte oder Hühnerstall-Architektur an der Costa Brava). Liegt dies an einer gewissen, oberflächlichen Verlogenheit, die sich darin äußert, dass kaum ein Zeitgenosse mehr gerne Karten schreibt, aber jeder gerne welche empfängt und sich vorm heimischen Briefkasten von der Postkartenillusion einlullen lässt?

Wie erfinderisch mutet da die Idee eines Freundes an, der aus der Not eine Tugend macht und vor der Abreise bereits Adressetiketten und Standardtext  wie „Stimmung bestens, traumhafte Sonnenuntergänge, kühlen die Sonnenbrände täglich an der  Hotelbar von innen“ auf selbst klebenden Etiketten ausdruckt. Er spart sich so kostbare Urlaubszeit und den heimischen Postangestellten Nervenzusammenbrüche ob der Fragezeichen im vorgesehenen Postleitzahlenfeld. Außerdem bedenkt sich der Gute bei seiner ganz persönlichen Urlaubspost-Orgie auch immer selbst mit einer Karte. Er vermerkt Reisedauer, Reisebegleiter und ergänzt nach seiner Rückkehr so seine ganz persönlichen Urlaubsmemoiren. Grußarbeit muss besagter Freund dennoch reichlich am Ort seiner Urlaubsträume leisten. Karten aussuchen und kaufen, Briefmarken erwerben und aufkleben, Klebe-Etiketten platzieren und das Ganze dann zum nächsten Briefkasten tragen.

Lieblos werden nun die einen denken, clever die anderen. Auf jeden Fall stellt besagter Freund so sicher, nie auch nur einen Daheimgebliebenen zu vergessen. Denn das kann sich – wie viele aus eigener Erfahrung wissen – zu einer mittleren Katastrophe ausweiten, die sofort den kompletten Erholungswert eines sechswöchigen Traumurlaubs aufbraucht.

Mit seinen postalischen Grüßen ist besagter Freund nicht allein. Von den Ich-denke-an-Euch-Beweisen in Form von Postkarten werden allein in Europa jährlich bis zu 400 Millionen Stück versandt.

Was bei den „Correspondenzkarten“, wie sie im Jahre 1869, dem Zeitpunkt ihrer Erfindung noch hießen, das beliebteste Motiv ist, möchten Sie wissen? Nein, nicht was Sie denken. Nicht etwas, wie ein Bild des Kölner Doms oder des Brandenburger Tors ist auf der beliebteste Postkarte zu sehen, sondern eine dicke Robbe, die sich feist am Nordseestrand lümmelt. Das bereits in den 1950er Jahren entstandene Motiv wurde bisher rekordverdächtige 2,5 Millionen Mal verkauft – viele wohl mit der frechen Anmerkung hinten drauf: „Wenn schwimmen schlank macht, was hat der Robbie auf der Vorderseite falsch gemacht?“

Ansonsten scheinen die Schreiberlinge bestrebt, einen möglichst breiten optischen Eindruck von ihrem Aufenthaltsort abzudecken – denn 90 Prozent aller in Deutschland verkauften Urlaubskarten zieren gleich mehrere Motive. Die Auswahl an solchen „Mehrbildkarten“ ist wohl nur in Rio de Janeiro per Gesetz limitiert: Hier nämlich dürfen (offiziell) keine Postkarten mehr mit nackten Frauenhintern verkauft werden. Die Stadtoberen wollen nach eigenem Bekunden so vermeiden, dass diese Darstellung ein falsches Bild der Stadt vermitteln würde und Sextouristen aus dem Ausland anzieht. Im Umkehrschluss bleibt natürlich die Frage, welches Bild eine Robbe von den Norddeutschen vermittelt? Dick und faul? Sich im Sand wälzend?  Na, da dann doch lieber eine vorgefertigte Postkarte des genannten Freundes…

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