Musikalisches Lüttich: Königliche Oper erstrahlt in neuem Glanz

Die einstige belgische Industriemetropole Lüttich befindet sich im Aufschwung. Im Zentrum gehören Baukräne, Abrissflächen und topmoderne Fassaden gleichermaßen zum Stadtbild. Nach der Eröffnung des spektakulären Bahnhofsgebäudes nach Entwürfen von Santiago Calatrava im Jahre 2009 sowie mehrerer neuer Museen ergänzt die neu renovierte Oper das moderne und erneuerte Bild einer Stadt, die sich mausert. Zur Wiedereröffnung hat man sich in Lüttich etwas Besonderes einfallen lassen. Unter Leitung des berühmten Dirigenten Paolo Arrivabeni feierte „Stradella“ eine weltweite Premiere. Bei dieser Oper handelt es sich um ein Jugendwerk von César Franck, welches bisher nur in der Version Stimme/Piano bekannt war. Franck, der im Laufe seines Lebens als Komponist Weltruhm erlangte, und Sohn der Stadt Lüttich ist, war erst 15 Jahre alt, als er „Stradella“ komponierte.

Bevor die aufwändige Oper starten kann, heißt es erst einmal seinen Weg bahnen, durch das historisch detailgetreu in Stand gesetzte Foyer, über den roten Teppich und die seitlichen Treppen. Verglichen mit dem Innenraum wirken die Vorräume wie ein farbloses Vorspiel. Weiß dominiert, der rote Teppich bildet den einzigen Kontrast. Der Opernsaal selbst könnte aber pompöser kaum sein: rot bezogene Stühle, gold verzierte Balkone, ein Kronleuchter von riesenhaften Ausmaßen und ein gar himmlisches Deckengemälde verströmen eine sehr festliche Stimmung.

In diesem klassischen Ambiente könnte der Gegensatz zur modernen Inszenierung krasser kaum sein. Seifenblasen schweben über die Bühne, die komplett mit knietiefem Wasser geflutet ist, schwarze Luftballons schweben diabolisch über dem Nebenbuhler Stradellas, Regen fällt in Strömen nieder. Aber irgendwie passt alles wunderbar zusammen. Man zeigt in Lüttich, dass man mit anderen Opernhäusern mithalten kann und will: Das Wasser auf die Bühne reflektiert zum Deckengewölbe hinauf, die Reflektionen scheinen den dort verewigten Komponiste auf dem Gemälde Leben einzuhauchen.

Und weil es nun mal die Opéra Royal de Wallonie ist, darf natürlich auch das Königshaus bei der Premiere nicht fehlen. Das Programm, das dem Ticket in einem feinen Umschlag beigelegt ist, kündigt in Teilen schon an, was den Premierenbesucher erwartet: 19.45 Uhr: Fermeture des portes, 20 Uhr: Début du Spectacle. Dass sich aber alle Zuschauer in ihren rauschenden Roben von den Stühlen erheben, als Prinz Philipp und Prinzessin Mathilde die Königsloge betreten, das ist eine echte Überraschung.

Die Lütticher Oper hat nach der Renovierung, die 27 Millionen Euro gekostet hat -verglichen mit Projekten wie der Elbphilarmonie in Hamburg ein fast bescheidener Betrag- ihr Gesicht bewahrt. Noch immer dominieren die acht roten Säulen die nach der Revolution von einem Kirchenbau geraubt und hier verbaut wurden, die Fassade. Hinzugefügt hat man einen schwarzen Quader, der auf dem Dach thront und sich geschickt in das Gesamtbild einfügt. Genau wie die seitlichen Fensterfronten ist dieser mit Aluminiumleisten verkleidet, was die neuen Elemente optisch leicht erscheinen lassen soll. Darüber hinaus verströmen die Leisten bei Wind eine Art leichte Melodie, die Besucher anlocken soll.

Vor dem neoklassistischen Bau, der 1820 fertig gestellt wurde, ist dem weltweit anerkannten Komponisten André Modeste Grétry ein Denkmal errichtet worden. Er wurde in Lüttich geboren und sein Herz gehörte im wahrsten Sinne des Wortes seiner Geburtsstadt. Deshalb vermachte er dieses Organ auch der Stadt Lüttich, und es soll sich in der herzförmigen Metalldose, die unterhalb der Statue zu erkennen ist, befinden.

Auch wenn „Stradella“ nur noch bis Ende Oktober im Programm ist – ein Besuch der alten, neuen Opéra Royal in Lüttich lohnt sich auch für andere Inszenierungen. Das Haus ist bekannt dafür, dass hier unter anderem Stücke mit viel Herzblut italienische Meister inszeniert werden: Ob Verdi, Puccini oder Rossini, die italienische Oper aus dem 19. Jahrhundert kann man hier ebenso gut genießen wie in Rom oder Mailand – und das mit einem bedeutend kürzeren Anreiseweg.

Die komfortabelste Anreisemöglichkeit ist wohl die Fahrt mit dem Thalys. In nur einer Stunde erreicht man Lüttich ab Köln, in der ersten Klasse serviert man – je nach Tageszeit ein leckeres Frühstück oder ein kaltes Mittag- oder Abendessen am Platz. Und die roten, äußerst bequemen Sessel sind schon mal eine Art Vorgeschmack auf das Opernvergnügen am Abend.

Wer gleich zwei Hör- und Sehvergnügen miteinander verbinden und seinen Aufenthalt hier verlängern möchte, der kann am Folgeabend die Philarmonie besuchen. Ebenfalls ein Gold geschmückter, hufeisenförmiger Saal, aber hier bleibt auch die Inszenierung ganz klassisch. Blickfang ist die imposante Orgel, die an einen griechischen Altar erinnert. Und natürlich auch das Orchester selber, das hier mal nicht im Orchestergraben versteckt agiert, sondern auf der Bühne zu bewundern ist.

Informationen:  www.belgien-tourismus.de

Anreise per Bahn: www.thalys.com/de

Tickets für die Oper: Opéra Royal de Wallonie, 1 Rue des Dominicains, B -4000 Lüttich, Telefon 0032-4221-4722, Fax +32 4 221 02 01, www.operaliege.be

Tickets für die Philarmonie: Salle Philharmonique de Liège, Boulevard Piercot, 25.27, B-4000 Lüttich, Tel: 0032-(0)4220-0000, www.oprl.be

Übernachtungs: Crowne Plaza Liège, Mont Saint Martin 9-11, 4000 Liège, Telefon 0032-4222-9494. Nur ein paar Gehminuten von der Oper entfernt liegt das moderne Fünf-Sterne-Hotel Crowne Plaza. An den Hang gebaut, betritt man die Lobby in der 7. Etage, um im Erdgeschoss aus dem Wellnessbereich wieder ebenerdig heraustreten zu können.