Manneken Pis – der Dauerpinkler mit Kultstatus

Der Hype um Manneken Pis lässt, salopp gesagt, fast vermuten, die Belgier hätten nicht alle an der Wafffel. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ungeniert ist er. Normalerweise würde (ein) Mann sich dezent Richtung Hausecke oder Baum drehen, um in aller Öffentlichkeit dem Ruf der Natur zu folgen. Er hingegen stellt sich so, dass jeder sein bestes Stück sehen kann, während er fröhlich vor sich hin pieselt. Und niemand scheint daran Anstoß zu nehmen. Im Gegenteil, die Passanten finden es amüsant. Fast alle halten diesen Augenblick auf dem Digitalchip der Kamera oder des Smartphones fest.

Für Souvenirhändler und Chocolatiers ist die Beliebtheit von Manneken Pis ein lohnendes Geschäft. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Nicht wenige kommen extra hierher, um den Dauerstrüller in Aktion zu sehen. Keiner fragt sich, ob das kleine Männlein ob des zwanghaften Müssen-Müssens nicht gar an einer Blasenentzündung leidet? Im Gegenteil. Nun wurde dem ungekrönten Pieselkönig sogar noch ein eigenes Museum gewidmet. Keine Frage, dass Manneken Pis hat Magnetwirkung, zieht die Menschen massenhaft in seinen Bann und ist ungeachtet seiner geringen Größe von gerade einmal 61 Zentimetern vom Scheitel bis zur Sohle neben dem Grand Place und Atomium eine der größten Attraktionen in Belgiens Hauptstadt.

In dauerhafter Pinkellaune seit 1619

Nur an zwei von drei Tagen uriniert die kleine Figur völlig unbekleidet. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Der ungekrönte Meister des Wildpinkelns, der seit 1619 fast ununterbrochen an der Ecke Rue de l’Etuve und Rue du Chêne in Brüssel seiner Wasserlass-Passion frönt, präsentiert sich zumeist schlicht im Adamskostüm. Ebenso, wie der liebe Gott, oder besser gesagt Künstler Hieronimus Duquesnoy in vor gut 500 Jahren schuf. Spötter behaupten, es sei kein Wunder, dass der kleine Mann ständig Wasser lassen müsse. Denn wer ganzjährig nackt oder nur spärlich bekleidet und noch dazu ohne Unterhose an einer zugigen Ecke stehen würde, müsse ja unter einer chronischen Blasenentzündung leiden.

Gut 950 Kostüme stehen Manneken Pis zur Verfügung.

Dabei kann „le Petit Julien“, wie er offiziell heißt, sich rühmen, über eine Kleiderauswahl zu verfügen, von der manch eine Frau nur träumen dürfte. Gut 950 Kostüme besitzt der kleine Urinator, dessen Originalskulptur in der Maison du Roi am nahe gelegenen Grand Place aufbewahrt wird. Bis zu 130 Mal im Jahr bedeckt der Dauerpinkler jedoch sein bronzenes Adamskostüm mit eigens gefertigten Kostümen, denen eines gemeinsam ist: der offene Hosenstall.

Kleiderspenden müssen genehmigt werden

Bis zu 130 Mal im Jahr werden dem berühmten Wildpinkler Kleider angelegt.

Dabei sind die Kleidungsstücke zumeist Geschenke von offiziellen Gästen der Stadt. Vor allem Japaner fühlen sich – wie mehr als 30 Kleiderspenden dokumentieren – berufen, den „kleinen Urinator“ regelmäßig neu einzukleiden. Aber auch Prominente und Vereine gehören mit ihren Kleiderspenden zu seinen Ausstattern. Allerdings entscheidet ein eigens eingesetztes Komitee mit Vertretern der Stadtverwaltung und des Vereins „Freunde von Manneken Pis“ darüber, welche Schenkungen überhaupt angenommen werden und wann der kleine Mann, an dessen Leitungssystem auch schon mal ein Fass Bier oder Wein angeschlossen wird, welches Kostüm trägt.

In den Geschäften zeigt sich der „Urinator“ auch von seiner Schokoladenseite. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Zu sehen sind des Pinklers schönsten Kleider seit Anfang Februar 2017 im neuen Museum GardeRobe MannekenPis nur einen Steinwurf von seinem „Arbeitsplatz“, dem Eckbrunnen, entfernt an der Rue du Chêne 19. Der Bogen spannt sich dabei von landestypischen Trachten und Uniformen, über Designerstücke von Paul Gaultier bis hin zum Rennfahrer-Overall, Fußball-Trikot oder einem Obelix-Outfit.

Manneken Pis-Vartianten als Verkaufsschlager

In einigen Kneipen scheint der „Urinator“ sogar für die Bierherstellung zuständig. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Würde die Brüssel für jedes Foto, das von dem kleinen pausbäckigen Pinkelbruder geschossen wird, nur einen Cent bekommen, würde Belgiens Hauptstadt wohl im Geld schwimmen. Doch auch so lohnt sich scheinbar das Geschäft mit dem Dauerpinkler mit der großen Magnetwirkung. Ob auf Postkarten und T-Shirts, ob als Schokolade oder Keks, als Bronze- oder Plastikfigur in Originalgröße, ob als leicht anzüglich wirkender Korkenzieher – es gibt fast nichts, was es nicht mit dem Konterfei des Petit Julien gibt. Unzähligen Souvenirgeschäfte und Chocolatiers bescheren die oft billig hergestellten Kopien der kleinen Bronzefigur riesige Umsätze. Vor Kneipen füllt eine Replik der Figur Biergläser mit einer goldgelben Flüssigkeit.

Menschengroß scheinen dem Brüsseler Wahrzeichen sogar beim Pinkeln Waffeln zu schmecken. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Inzwischen uriniert nicht mehr nur das Manneken Pis in Brüssels Straßen herum. In der Impasse de la Fidelité, einer kleinen Sackgasse an der Restaurantmeile Rue des Bouchers, hockt seit 1987 sein weibliches Pendant, Jeanneke Pis. Völlig ungeniert macht das nur 50 Zentimeter große Mädchen in einen kleinen Brunnen. Allerdings ist der Blick auf die in eine Nische an einer Hausmauer eingelassene „Strullerin“ nicht komplett frei. Wohl aus Angst vor Beschädigungen frönt die splitternackte Jeanneke ihrem Dauergeschäft knastgleich hinter Gitterstäben. Dafür, dass alle ihr beim Entleeren ihrer (Wasser-) Blase zuschauen dürfen, bittet sie mit Hilfe eines eigens angebrachten Schildes um kleine Geldspenden. Während die Erlöse mildtätigen Zwecken zugehen, soll sich im Gegenzug für die edlen Spender zumindest ein Wunsch erfüllen.

Brüssels Pinkel-Dreigestirn

Mehr noch als ihr berühmtes Pendant geht Jeanneke Pis ein wenig versteckt ihrer Passion nach. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Unweit der alten Börse hebt seit 1998 an der Ecke Rue des Chartreux und Rue du Vieux-aux-Marché zudem ein lebensgroßer Mischlingshund dauerhaft das Bein an einer Begrenzungspfahl. Allerdings ist Zinneke Pis etwas zurückhaltender als seine Geschwister im Geiste. Im Gegensatz zu Manneken Pis und Jeanneke Pis fließt hier kein Wasser. Was vielleicht auch der Grund dafür ist, dass er das am wenigsten beachtete Mitglied des Urinier-Dreigestirns ist.

Wenn es darum geht, das Wahrzeichen in Szene zu setzen, sind die Brüsseler überaus einfallsreich. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Unabhängig davon ist die Faszination für das Wasserlassen in Belgiens Hauptstadt so groß, dass manch ein Bewohner und Tourist sich durchaus berufen fühlt, es den drei Wahrzeichen nach zu tun und einfach mal „eine Stange Wasser an die Ecke zu stellen“. Ein wenig schönes Bild, das aber der Tatsache geschuldet ist, dass es speziell rund um den Grand Place, dem historischen Marktplatz, der zugleich das touristische Herz Brüssels ist, nur eine öffentliche Toilette gibt. Dafür befindet sich, was sogar vielen Einheimischen unbekannt ist, im Innenhof des prächtigen Rathauses aus dem 15. Jahrhundert das einzige öffentliche (Freiluft-) Pissoir im Zentrum der belgischen Kapitale.

Wasserlassen an der Rathaus-Mauer

Zinneke Pis scheint trocken gelaufen – denn der Hund hebt das Bein, ohne tatsächlich zu pinkeln. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ein paar Stufen geht es hier hinunter und schon kann (der) Mann hier eine weltweit wohl einmalige, noch dazu erleichternde Erfahrung machen: Denn hier darf offiziell an die Rathaus-Mauer gepinkelt werden. Bestraft wird derjenige allerdings mit einem beißenden Geruch, der einem vor allem bei warmem Wetter den Atem verschlägt. Spätestens dann drängt sich die Frage auf, was so faszinierend am Manneken Pis ist? Vor allem vor dem Hintergrund, dass sich in der 32.000-Seelen-Gemeinde Geraadsbergen in Ostflandern ebenfalls ein pinkelnder Knabe findet, der noch dazu nachweislich 160 Jahre älter ist als das, warum auch immer, berühmtere Gegenstück aus Brüssel…

Irgendwie kann das Manneken Pis scheinbar alles tragen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Informationen: www.mannekenpis.brussels/fr/accueil#manneken-pis

Museen: GardeRobe MannekenPis, Rue du Chêne 19, Brüssel 1000 und Maison du Roi, Brussels City Museum, Grand-Place, Brüssel 1000, Telefon 0032-(0)2-2794350, www.brusselscitymuseum.brussels. Beide Museen kosten zusammen 8 Euro Eintritt. Geöffnet sind beide Häuser dienstags bis samstags von 10 bis 17 Uhr.

{google_map}Manneken Pis{/google_map}