Von 31. Juli 2015 Mehr →

In der mächtigen Speisekammer der Meeresriesen

Beim Whale Watching auf dem Lorenz-Strom im kanadischen Quebec sind Begegnungen mit den Meeresriesen quasi garantiert. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Beim Whale Watching auf dem Lorenz-Strom im kanadischen Quebec sind Begegnungen mit den Meeresriesen quasi garantiert. (Foto Karsten-Thilo Raab)

An Bord der Dufour herrscht eine Aufgeregtheit wie bei einem Kindergeburtstag. Und dies, obwohl während der knapp dreistündigen Tour eigentlich kaum etwas passiert. Das Passagierschiff schippert mit gemächlichem Tempo im Zickzackkurs umher, verlangsamt hier und da die Geschwindigkeit, um dann wieder etwas mehr Fahrt aufzunehmen. Das Gros der Zeit schaut die Masse der Gäste an Bord gebannt auf die Wellenkämme. Immer verbunden mit der Hoffnung, Mobby Dick zum Greifen nahe zu sehen.

Doch der Lorenz-Strom ist nicht Disney World, auch kein Zoo oder Wunschkonzert. Gleichwohl liegt die Chance, hier einen Wal zu sehen, bei etwa 100 Prozent. Madeleine, die neben dem Steuer des Kapitäns mit geschultem Auge Ausguck hält, lässt die Passagiere wissen, wenn immer sie einen Wal erspäht.

Geduld und Ausdauer sind bei den Whale Watching Touren gefordert. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Geduld und Ausdauer sind bei den Whale Watching Touren gefordert. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Zwischendurch informiert sie per Lautsprecher über die Lebensweise der Säugetiere und die Eigentümlichkeiten des mächtigen Flusses. Doch die überaus spannenden Fakten versinken fast ungehört in den Fluten des Sankt-Lorenz-Stroms. Schließlich kann das Ganze später an Land im Meeressäugetier-Interpretationszentrum von Toudussac nachvollzogen werden.

Madeleine stört dies wenig. Sie tut einfach ihren Job und versucht, den Wal-Spähern die Wartezeit bis zum nächsten Auftauchen einer Flunke weiter zu verkürzen. Und so lernen wir, dass der Sankt-Lorenz-Strom mit einer Länge von 3.300 Kilometern die größte Binnenwasserstraße der Welt ist. Und dass dessen Mündungstrichter zum Atlantik fast 150 (!) Kilometer Breite misst.

Ein Finnwal sprüht seine beeindruckende Wasserfontäne in die Luft über dem Lorenz-Strom. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ein Finnwal sprüht seine beeindruckende Wasserfontäne in die Luft über dem Lorenz-Strom. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ein Fluss, der zwei eigene Grenzen hat. Eine, westlich von Québec City, wo zwei Brücken über den Strom geschlagen sind. Für große Schiffe wird das Gewässer daher zur Sackgasse. Ihre Endstation ist die Provinzhauptstadt.

„Die zweite Grenze ist der Zusammenfluss des Saguenay Rivers und des Sankt-Lorenz-Stroms vor den Toren von Tadoussac, des ältesten Pelzhandelsplatzes in Kanada“, erzählt Madeleine. Die 850-Seelen-Gemeinde liegt direkt am Saguenay-Fjord, einem Naturschauspiel aus 450 Meter hohen, steil aufragenden Felsen, dem südlichsten Fjord der Welt.

Über einige Hundert Meter ist hier das Wasser aufgewühlt und von einer ungewöhnlichen Schaumkrone bedeckt. Die Wellenkämme markieren die Stelle, an der sich das Süßwasser des Saguenay mit dem Salzwasser des Sankt-Lorenz-Stroms mischt. Eine Laune der Natur mit hohem Planktonaufkommen und riesigen Mengen an Krill.

Nicht nur in großen Passagierschiffen, sondern auch in motorisierten Schlauchbooten kann man sich auf dem Lorenz-Strom den Walen nähern. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Nicht nur in großen Passagierschiffen, sondern auch in motorisierten Schlauchbooten kann man sich auf dem Lorenz-Strom den Walen nähern. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Beides ist ein gefundenes Fressen für die größten Säugetiere der Welt“, lacht Madeleine, während sie den nächsten Wal ankündigt: „Voraus, etwa 14 Uhr!“

Tatsächlich zieht ein Schwarm Belugas in knapp 50 Metern Entfernung vorbei. Verzweifelt versuchen viele der Meeresabenteurer die weißen Wale mit ihren Kleinbildkameras auf den Mikrochip zu bannen. Dabei stört es sie wenig, dass die Kamera extrem langsam auslöst und Schwierigkeiten hat, die Wale überhaupt zu fokussieren. Das Resultat dürfte eine schwimmende Erbse im Lorenz-Strom sein.

Einige Arten der sanften Riesen wie Mink- oder Belugawal sind ganzjährig im Sankt-Lorenz-Strom anzutreffen, andere wie Buckel- oder Blauwal machen zumeist nur im Frühjahr oder Herbst hier Station.

Regelmäßig müssen die Meeresriesen - wie dieser Finnwal - auftauchen, um nach Luft zu schnappen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Regelmäßig müssen die Meeresriesen – wie dieser Finnwal – auftauchen, um nach Luft zu schnappen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Giganten, wie die bis zu 25 Meter langen und 50 Tonnen schweren Finnwale, sind bereits von weitem durch ihre meterhohen Atemfontänen auszumachen. Und als Zugabe präsentiert der mächtige Fluss gleich ganze Robbenkolonien. Wobei einem die kleinen Kerle fast schon leid tun können, denn sie werden angesichts der Begeisterung für die Wale häufig völlig ignoriert.

Wenn immer Backbord ein „Ah“ ertönt, strömt alles nach links, in der Hoffnung ein Stück eines Wales zu entdecken. Das gleiche gilt für „Ohs“ auf der Steuerbordseite. Dabei kommt es einem Wunder gleich, dass das Boot keine Schlagseite erleidet, wenn man bedenkt, wie schnell sich das Gewicht auf die andere Bootsseite verlagert.

Das Warten darauf, das ein Wal auftaucht, ist durchaus lohnend. Sind die Riesen doch mehr als beeindruckend. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Das Warten darauf, das ein Wal auftaucht, ist durchaus lohnend. Sind die Riesen doch mehr als beeindruckend. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Von den zahllosen Tourbooten, die Naturfreunde an die Pfründe der Wale führen, lassen sich die Säuger kaum irritieren. Bis auf wenige Meter nähern sie sich den Ausflugsbooten, werfen ein Blick auf die mit Fotoapparat und Videokamera bewaffneten Touristen, teilen das Wasser mit ihrem mächtigen Rücken und heben die Flunke zum Abschiedsgruß, bevor sie wieder in die prall gefüllte Speisekammer des Lorenz-Stroms abtauchen.

Allgemeine Informationen: www.bonjourquebec.de

Allgemeines: Die Provinz Québec liegt im Nordosten des amerikanischen Kontinents und misst rund 1,6 Millionen Quadratkilometer Fläche. Etwa 83 Prozent der Bevölkerung sprechen Französisch. Aber auch Englisch ist weit verbreitet. Die Zeitdifferenz zur Mitteleuropäischen Zeit beträgt minus sechs Stunden. Für die Einreise wird ein mindestens noch sechs Monate gültiger Reisepass benötigt.

Im Marine Mammal Interpretation Centre in Tadoussac erfahren Interessierte alles Wissenswerte über die Wale. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Im Marine Mammal Interpretation Centre in Tadoussac erfahren Interessierte alles Wissenswerte über die Wale. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Walbeobachtung: Dreistündige Touren in englischer und französischer Sprache werden zwei bis dreimal täglich unter anderem von Croisières AML und Dufour ab Tadoussac angeboten.

Wal-Infozentrum: Marine Mammal Interpretation Centre, 108 rue de la Cale Séche, Tadoussac, Telefon 001-(0)418-235-4701, www.quebecmaritime.ca/cimm.

Übernachtung: Nur einen Steinwurf vom Fähranleger in Tadoussac entfernt liegt das Hotel Tadoussac, das als Kulisse für die Verfilmung von John Irvings Roman „Hotel New Hempshire“ diente. Doppelzimmer sind ab 69 Dollar erhältlich: Hotel Tadoussac, 165 rue Bord de l’Eau, Tadoussac (Québec) G0T 2A0, Telefon (418) 235-4421, www.hoteltadoussac.com.


Archiviert unter Topthema, Amerika, Kanada