Von 11. August 2016 Mehr →

Im Amazonas-Regenwald: Piranhas an der Angel

Auch mitten im Amazonas-Regenwald überrascht eine Sambatänzerin mit Körperkunst. (Foto Katharina Büttel)

Auch mitten im Amazonas-Regenwald überrascht eine Sambatänzerin mit Körperkunst. (Foto Katharina Büttel)

Das Röhren der Brüllaffen und das Kreischen der Aras sind eindringliche Weckrufe. Rasch ist das Moskitonetz eingerollt, die Hängematte auf der Terrasse gespannt, der „Good-morning“-Tee serviert. Die Sonne brennt schon früh ohne Milde und zeichnet die Uferkonturen des Puraquequara messerscharf. An diesem Morgen erscheint der Urwald mit den geheimnisvollen Geräuschen unendlich hoch, groß und stark.

Durch die grüne Mauer stoßen Riesenbäume in den Himmel, eingeholt und überwuchert vom Geflecht der Lianen. Der Blick verfängt sich im Gewirr aus Zweigen, Farnen und Unterholz. Am Fluss erwacht dann auch das Leben. Schmale Holzkanus gleiten über das seicht fließende Wasser, legen an, fahren wieder ab.

Der größte Regenwald der Erde

Rotgelbe Aras sitzen in einer Baumkrone, Tukane kreuzen hoch über dem Seitenarm des Amazonas. Ein Faultier hängt zusammengerollt in einem Baum, hangelt dabei träge mit dem Arm nach Blättern. Farbtupfer im unendlichen Grün sind zudem die bunten Tücher, die die Frauen um ihre Hüften geschlungen haben. Sie waschen, baden, lachen und schwatzen fröhlich miteinander. Mit prall gefüllten Körben verlassen sie die Ufer in Richtung Dorf. Ein „Naturgemälde“, wie von Künstlerhand geschaffen.

Prachtvoll, gewaltig und voller Leben: die Uferlandschaft im Wassernetz Amazoniens. (Foto Katharina Büttel)

Prachtvoll, gewaltig und voller Leben: die Uferlandschaft im Wassernetz Amazoniens. (Foto Katharina Büttel)

Willkommen in Amazonien, dem größten Regenwald der Welt, wo Flüsse die Straßen sind. 100.000 sollen es sein, so genau weiß es niemand. Alle fließen sie in den Amazonas. Kein anderer ist so gewaltig und wasserreich: ein Fünftel der auf dem Erdball strömenden Süßwassermenge schwemmt er in den Atlantischen Ozean. Nur mit Flugzeugen und Booten kommt man ins Landesinnere. Und kaum ein Land beflügelt die Fantasie der Menschen wie dieses, seit der spanische Konquistador Francisco de Orellana vor 450 Jahren von Goldschätzen und Amazonen berichtete, die dem Fluss und dem Regenwald seinen Namen gaben.

Schillernd bunt leuchtet der Kopf eines Piranhas. (Foto Katharina Büttel)

Schillernd bunt leuchtet der Kopf eines Piranhas. (Foto Katharina Büttel)

Wie Brokkoli-Köpfe

Aus großer Höhe erscheint der Urwald unendlich weit und dicht, als flöge man über riesige Brokkolik-Kpfe. Wie eine Insel liegt Manaus in diesem grünen „Ozean“, der nur aus der Luft oder mit dem Boot erreichbar ist. Von hier führt keine Straße zu einer anderen Stadt.

Das Abenteuer beginnt in der Zwei-Millionen-Metropole Manaus: ein magischer Name. Wie Timbuktu in Mali und Thule in Grönland regt er die Vorstellungskraft Reisender an. Auch heutige Touristen träumen sich von morbiden Kolonialbauten der Kautschukbarone zum wahnwitzigen Filmhelden Fitzcarraldo, der ein Dampfschiff über einen Berg ziehen ließ, weil er doch vom Bau eines Opernhauses träumte.

Gelungen ist es ihm nicht, gebaut wurde das berühmte „Teatro Amazonas“ 1896 aber dennoch. Ausgestattet mit allem, was die Alte Welt zu bieten hatte: Marmor aus Carrara, Lampen aus Murano, goldene Draperien aus Frankreich, Schmiedeeisen aus Old England.

Tropischer Regen zur Begrüßung

Ein Kuriosum inmitten des Regenwalds: das Opernhaus von Manaus.

Ein Kuriosum inmitten des Regenwalds: das Opernhaus von Manaus.

Ein Tropenregen macht das Einschiffen im Hafen schwierig. Bartholomeo, fachkundiger Begleiter während des Dschungel-Trips, hilft auf die „Simao Santos“. Sein Gesicht ist markant, das Profil scharf geschnitten. Wie die meisten Amazonier ist auch er ein Caboclo. „Vater Portugiese, Mutter Indianerin“, erklärt er lächelnd in perfektem Deutsch. Und die blauen Augen? „Vom Großvater aus den Niederlanden“.

Aras leben immer in Partnerschaft. (Foto Katharina Büttel)

Aras leben immer in Partnerschaft. (Foto Katharina Büttel)

Gemächlich lenkt Kapitän Marcos dann den Dampfer mit dem zweistöckigen Aufbau und der umlaufenden Veranda durch die schwarzen Fluten des Rio Negro, der sich hinter Manaus mit den Massen des lehmgelben Rio Solimoes vereint.

Mann des Dschungels

Wie Latte Macciato sieht der Zusammenfluss aus. Der Grund: Kieselsaurer Boden, unterschiedliche Temperaturen und Fließgeschwindigkeiten lassen das Wasser nicht vermischen. Erst ab hier heißt der Strom Amazonas. Marcos hat ihn vom Ursprung in Peru bis zur Mündung befahren.

Am Rand paddeln Indio-Familien im Einbaum zu den Dorfmärkten am Ufer. Nach gut zwei Stunden taucht zwischen Affenbrotbäumen und Lianen das „Amazon Village“ auf. Sanft legt die „Simao Santos“ an. Man sieht nur Dickicht, wirr und grün, mittendrin ein Indianer mit Machete: Lazaro ist ein Mann des Dschungels mit warmen Augen und angenehm zurückhaltend.

Mehr und mehr Urlauber aus aller Welt werden angezogen von der Wildnis Amazoniens. Umgeben von Yuccas und Hibiskusblüten vergessen sie hier schnell die Hektik des modernen Lebens. Ausgerüstet mit Machete und Gewehr bittet Lazaro schließlich zur Dschungel-Tour. „Beides ein Muss im Wald“. Die Mützen sollen nicht vor der Sonne schützen, sondern vor herabfallendem Getier. Barfuß führt er dann hinein in den feuchtheißen Urwald.

Künstler oder besser Lebenskünstler. (Foto Katharina Büttel)

Künstler oder besser Lebenskünstler. (Foto Katharina Büttel)

Erdlöcher der Spinnen

Schreie exotischer Vögel zerfetzen die klebrige Luft. Alle starren auf den Boden, steigen über kniehohe Wurzeln, umrunden Erdlöcher von Vogelspinnen. Lazaro strahlt: ein handtellergroßes Prachtexemplar krabbelt aus seiner Behausung. Das lässt keinen kalt. Lianen, dick wie Baumstämme, winden sich in grünen Spiralen über den Weg. „Genau hinsehen, auch manche Schlange trägt hier Tarngrün“, mahnt er.

Weiter geht es durch dichtes Grün, im Ohr die Stimmen exotischer Vögel. Die Luft riecht nach Moos und Kräutern. „Der Urwald ist Supermarkt und Arzneischrank – und was Affen schmeckt, können meist auch wir essen. Die Natur ist weise“, philosophiert Bartho. Jede Wurzel und Pflanze kenne er, aus denen Medizin und das Pfeilgift Kurare gewonnen wird.

Tapir-Jagd mit Pfeil und Bogen

Auf dem Rückweg zeigt Lazaro dann, wie man mit Pfeil und Bogen Tapire jagt und Blasrohre zum Affenjagen spitzt. Feuer entfacht er mit Palmenblättern; mit einfachen Stockangeln werden Piranhas gefangen. Um die richtige Stelle zu finden, geht es durch 15 Millionen Jahre alten Primärwald. Alle paar Sekunden zuckt es schließlich an der Schnur.

Kapitän Marcos auf der "Simao Santos". (Foto Katharina Büttel)

Kapitän Marcos auf der „Simao Santos“. (Foto Katharina Büttel)

Die kleinen Raubfische sind hier weder gefährlich noch aggressiv. Vorsicht jedoch beim Poraqué: „Der Zitteraal verpasst seiner Beute Stromschläge von bis zu 500 Volt. Das gefährlichste Tier Amazoniens aber ist die Anaconda. Sie versteckt sich im Wasser, Sekunden später könnte sie einen Menschen erwürgen“, warnt Lazaro.

Augen des Kaiman

Die Nacht ist schwül am Amazonas. Fahler Mondschein liegt über den Wipfeln. Nach kühlem Cupuacu-Saft und zarten Filetspitzen in der Lodge wird es dann spektakulär. Als Düsternis das Ufer verschluckt, manövriert Lazaro das Boot traumsicher in einen Nebenarm des Paraquequara. „Die beste Zeit Kaimane zu sehen. Werden sie angeleuchtet, dann reflektieren ihre Augen rot“, erklärt er. Leise gleitet das Kanu durch die Dunkelheit, umlullt vom Zirpen der Zikaden.

Vor zwei Tagen noch hätten die Fremden eine nächtliche Fahrt durch den Dschungel seltsam gefunden, doch heute schauen sie in einen Kaimanschlund: Zähne, scharf wie Messerklingen, blitzen im Lampenschein. Plötzlich wollen alle ganz vorne sitzen – und sich dabei verzaubern lassen vom Augenaufschlag des Kaiman.

Auch ein kleiner Kaiman hat bereits überaus beeindruckende Zähne. (Foto Katharina Büttel)

Auch ein kleiner Kaiman hat bereits überaus beeindruckende Zähne. (Foto Katharina Büttel)

Wissenswertes für Reisen in die Amazonas-Region

Anreise: Hin- und Rückflug direkt nach Manaus gibt es bei TAM (Telefon 06102-36579-14) ab knapp 1000 Euro. Tipp: Vor Reiseantritt einen TAM-Brazil-Airpass für vier Inlandsflüge kaufen, Kosten rund 450 Euro.

Einfach entzückend: ein Amazonas-Mädchen mit Blumenschmuck. (Foto Katharina Büttel)

Einfach entzückend: ein Amazonas-Mädchen mit Blumenschmuck. (Foto Katharina Büttel)

Einreise: Kein Visum nötig, jedoch ein sechs Monate gültiger Reisepass.

Reisezeit: Zu empfehlen ist der europäische Winter; preisgünstiger ist die Nebensaison.

Gesundheit: Das Schwarzwasser des Rio Negro ist sauer, deswegen auch Malaria-frei. Eine Gelbfieberimpfung wird jedoch empfohlen.

Veranstalter: Brasilien-Reisen bieten etliche Veranstalter an. Der Spezialanbieter gateway brazil  etwa offeriert in 13 Tagen die „Highlights Brasilien“. Das Paket kostet inklusive Flügen und teilweiser Verpflegung ab 3.447 Euro pro Person. Das Dschungel-Paket sowie das Pantanal können als Reisebaustein gebucht werden.

Literatur: Polyglott: Apa Guide „Brasilien“ mit DVD für 24,95 € oder „Brasilien on tour“ mit Karte 7,95 Euro.

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