Von 11. Juni 2012 Mehr →

Ganz schön Watt los in Dangast

Diese Schmatzen und Gluckern will nicht aufhören. Der graubraune Schlick hält die Füße fest umschlossen und will sie scheinbar nur widerwillig loslassen. Nur mühsam geht es teilweise voran. Knöcheltief, teilweise sogar bis an die Waden reicht die schlammige Masse. Wind und Wellen haben bizarre Muster in die endlosen Weiten des Wattenmeeres gemalt. In der Luft liegt ein bizarrer Duft. Ein wenig fischig, ein wenig moderig. Die Jade, eine zwei Zentner schwere Statue, die von Beuys-Schüler Anatol Hatzfeld in den 1970er Jahren geschaffen wurde, zeigt mir ihrem nackten Busen auf Jadebusen. Der ein wenig klapperig wirkende Stuhl von Kaiser Butjatha am zwei Kilometer langen Strand von Dangast ist von vielen Fluten gezeichnet, während ein steinerner, mehr als drei Meter hoher Phallus von Eckart Grenzer zu rufen scheint: „Seht her, wie fruchtbar das Watt hier ist!“

Kinder lachen und schreien vor Vergnügen. Einige jagen einem Ball am Strand hinterher, andere bauen vergängliche Burgen aus Sand und wiederum andere suhlen sich genüsslich im Schlamm des Wattenmeeres. Und auch die eine oder andere Schlammschlacht entbrennt. Keine Frage, der Jadebusen bebt. Teils vor Gelächter, teils ob der schweren Schritte im Schlamm, teils ob der langsam wieder einsetzenden Flut.

Eine Szenerie, wie sie in Dangast, dem südlichsten deutschen Nordseebad, seit vielen, vielen Jahrzehnten zum gewohnten Bild gehört. Während vor allem der Strand und das angrenzende Künstlerdorf die Touristen in Heerscharen anlocken, wirken der Anblick der riesigen Campingplatzareale und das überdimensionierte Meerwasserquellbad mit seiner heilenden Jod-Sole-Quelle eher gewöhnungsbedürftig. Auch der aus zwei Granitsäulen und eine Glocke bestehende Friesendom, der an die im Jadebusen versunkenen Dörfer und Kirchen erinnert, ist nicht gerade eine Augenweide.

Aber von all dem ist rund um das Kurhaus von 1820 wenig zu spüren. Hier trifft man sich zu einem Plausch bei einer Tasse Tee oder dem Kaffee. Hier schaut man Künstlern bei der Arbeit über die Schulter. Hier kauft man kleine oder große Kunstwerke als ein Stück Erinnerung für die heimischen vier Wände. Ein bisschen überwiegend der Charme des Gestern. Kein Wunder, erlebte doch Dangast seine eigentliche Blütezeit ab dem frühen 19. Jahrhundert, nachdem Graf Gustav Friedrich Wilhelm Bentinck im Jahre 1795 beschloss, hier am Jadebusen ein Seebad nach englischen Vorbild bauen zu lassen. Zwischen 1804 und 1865 nahm das Nordseebad dann mehr und mehr Gestalt. Begründet wurde der noch immer exzellente Ruf des 600-Seelen-Nestes, das heute Teil von Varel ist, jedoch erst Anfang des 20. Jahrhunderts als Expressionisten wie Max Pechstein, Erich Heckel oder Karl Schmidt-Rottluff von der Schönheit des beschaulichen Nordseebades in ihren Bann gezogen wurden.

Was zu einem nicht unerheblichen Teil auch am Wattenmeer lag. Das wechselnde Licht, die wechselnden Wasserstände und das mit jeder Ebbe neu freigelegte Wattenmeer verschafften den Landschaftsmalern eine schier endlose Palette an Motiven. Eine Faszination, der sich auch Franz Radziwill nicht entziehen konnte. 1922 kam der Maler mit seiner Staffelei hierher und blieb für den Rest seines Erdendaseins. Die von ihm bis zu seinem Tode im Jahre 1983 bewohnte Fischerkate an der Sielstraße 3 beheimatet heute ein kleines Museum.

Aber auch die im Ort verteilten Skulpturen und Kunstwerke, die über einen Kunstpfad miteinander verbunden sind, zeugen noch heute von den namhaften Künstlern die hier Station machten. Waren es anfänglich überwiegend Maler, die den Weg nach Dangast fanden, so folgten in den 1970er Jahren vornehmlich Bildhauer und zeitgenössische Künstler wie Anatol Herzfeld, Wilfried Gerdes, Willy Hinck und Eckart Grenzer,

Hier am Jadebusen zeigen sich die Gezeiten der Nordsee in all ihren Ausmaßen. Der Tidenhub ist mit dreieinhalb Metern der höchste an der deutschen Küste. Der Uferbereich des Jadebusens läuft bei Ebbe bis auf eine schmale Fahrrinne für Schiffe völlig leer. Fast 2000 Tier- und 250 Pflanzenarten tummeln sich im Watt. Eine Vielfalt, wie sie sonst nur im tropischen Regenwald zu finden ist. Kein Wunder, dass das Wattenmeer seit dem Jahre 2009 als Weltnaturerbe unter dem Schutz der UNESCO steht und damit den gleichen Stellenwert genießt wie etwa das Great Barrier Reef oder die Serengeti. Nur mit dem Unterschied, dass das Wattenmeer wohl das einzige Welterbe ist, das tagein, tagaus zwischendurch für ein paar Stunden verschwindet, um dann mit der nächsten Ebbe wieder wie aus dem Nichts aufzutauchen.

Das Watt schärft den Blick für die kleinen Dinge. Was vielleicht auch an dem Tempo liegt, mit dem man sich hier mühevoll vorwärts bewegen kann. In kleinen Pfützen warten Krabben auf die nächste Flut. Überall aufragende  Klumpen sehen ein wenig so aus wie eine Hundehinterlassenschaft. In Wirklichkeit sind die kleinen Hügel aber dem Eifer des Wattwurms zu verdanken, der fleißig den Schlamm durchwühlt und ähnlich wie ein Maulwurf den Aushub nach oben befördert. Erstaunliche Leistungen wissen auch die Wattschnecken zu vollbringen. Auf ihrem eigenen Schleim rutscht sie in einem fast schon atemberaubenden Tempo mit bis zu drei Stundenkilometern über feuchte Stellen bis zur nächste Pfütze.

Als Königsdisziplin für Wattwanderer gilt übrigens eine geführte Wanderung zum Leuchtturm Arngast. Sieben Stunden dauert der beschwerliche Marsch hin und zurück. Während langsam die Flut wieder einsetzt, genießen die Helden des Watts nach der Rückkehr dann den schon legendären Rhabarberkuchen des Kurhauses, der – wie es sich für Dangast gehört – seit mehr als einem Jahrhundert als ein Kunstwerk aus der Rührschüssel gilt. Als ein gezeitenunabhängiges noch dazu.

Allgemeine Informationen: www.nationalpark-wattenmeer.de

Informationen: Kurverwaltung Nordseebad Dangast, Am Alten Deich 4-10, 26316 Varel-Dangast, Telefon 04451-91140, www.dangast.de

Lage: Dangast liegt in Friesland und ist heute Teil der Stadt Varel. Zu erreichen ist das Seebad über die Bundesautobahn A29, Ausfahrt Varel/Bockhorn.

Allgemeines: Auf einer Länge von gut 400 Kilometern erstreckt sich das mit einer Fläche von 10.000 Quadratkilometern größte zusammenhängende Schutzgebiet des UNESCO Welterbes Wattenmeer von Holland bis Dänemark. Das Nationalpark-Haus informiert bei freiem Eintritt detailliert über den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Informationen: Nationalpark-Haus, Zum Jadebusen 179, Telefon 04451-7058, www.nlph.de.

Essen & Trinken: Kurhaus Dangast, Telefon 04451-4409,  www.kurhausdangast.de. Berühmt für seinen Rhabarberkuchen.  Geöffnet freitags, samstags, sonn- und feiertags von 9 bis 19 Uhr.