Von 3. September 2015 Mehr →

Der große Hunger der netten Löwen von nebenan

Löwen gehören zu Kenias Fauna - und so kuschelig sie unter einander sein mögen, so problematisch kann ihr Jagddinstinkt für die Bauern sein.

Löwen gehören zu Kenias Fauna – und so kuschelig sie unter einander sein mögen, so problematisch kann ihr Jagdinstinkt für die Bauern sein.

In Kenia gibt es immer mehr Initiativen, die das Ziel haben, eine friedliche Koexistenz zwischen Löwen und Hirten zu fördern. Ein aktuelles Beispiel ist das kenianische Unternehmen Gamewatchers Safaris, welches zusammen mit eigenen Kunden und weiteren Unterstützern Mittel gesammelt hat, um einen kenianischen Kleinbauern zu entschädigen, dessen komplette Schafherde von einem Rudel Löwen gerissen wurde.

Der Kleinbauer Rupande Romo lebt mit seiner Familie wenige Kilometer vom Nairobi Nationalpark entfernt. Der für kenianische Verhältnisse mit 117 Quadratkilometern Grundfläche relativ kleine Nationalpark liegt direkt vor den Toren der Millionenmetropole Nairobi. Außer Elefanten können hier fast alle bekannten afrikanischen Großtierarten, darunter auch Löwen, beobachtet werden.

Nach Norden, zur Stadt hin, wird der Nationalpark durch einen Zaun begrenzt, nach Süden allerdings nur durch ein kleines Flüsschen, den Mbagathi River. Dass der Park damit nach Süden hin für Tiere, die den Fluss durchschwimmen können, offen ist, ist für das Ökosystem von großer Wichtigkeit. Die Tiere des Parks können daher weiterhin im jahreszeitlichen Wechsel bis in die Ebenen Südkenias streifen.

Die Viehherden mancher Kleinbauern sind für die Löwen eine leichte Beute.

Die Viehherden mancher Kleinbauern sind für die Löwen eine leichte Beute.

Insgesamt werden rund acht Prozent von Kenias Landesfläche von staatlichen Nationalparks und Nationalreservaten eingenommen – die zahlreichen privaten und kommunalen Schutzgebiete nicht einmal eingerechnet. Zum Vergleich: In Deutschland sind nur 0,6 Prozent der Staatsfläche Nationalpark.

Viele der Nationalparks in Kenia sind riesig: So sind die beiden größten des Landes, die aneinander grenzenden Parks Tsavo East und West, zusammen halb so groß wie die Schweiz! Außerhalb der Nationalparks wird der Platz für wilde Tiere allerdings auch in Kenia aufgrund steigender Besiedlungsdichte zunehmend knapp. Es kommt daher immer wieder zu Konflikten zwischen Mensch und Tier, wenn beispielsweise Elefanten Felder zertrampeln oder Löwen Schafe und Rinder reißen.

Für einen Kleinbauern kann diese Nachbarschaft zu großen Wildtieren daher existenzbedrohend werden, so dass es leider verständlich ist, wenn Schaden verursachende Wildtiere illegalerweise getötet oder vertrieben werden. In Kenia werden allerdings zunehmend Lösungen gefunden: Nachdem Ende Juli die 50-köpfige Schafherde von Rupande Romo dem Angriff eines Löwenrudels zum Opfer fiel, sprach der lokale stellvertretende Ortsbürgermeister Nickson Parmisa die Firma Gamewatchers Safaris an, die selbst das Nairobi Tented Camp innerhalb des Nationalparks betreibt und bat um Hilfe.

Ungeachtet der Weite des Landes - wie hier in der Masai Mara - kommen Löwen immer auch den menschlichen Behausungen auf dem Lande nahe.

Ungeachtet der Weite des Landes – wie hier in der Masai Mara – kommen Löwen immer auch den menschlichen Behausungen auf dem Lande nahe.

Er befürchtete, dass durch den Vorfall die Toleranz der lokalen Gemeinden gegenüber herumstreunenden Löwen verloren gehen könne. Gamewatchers wurde sofort aktiv und bat Kunden und andere mögliche Unterstützer um Hilfe. Die Idee war, Geld zu sammeln, um Rupande Romo zu entschädigen, eine neue Schafherde aufzubauen und gleichzeitig seinen kleinen Hof mit solarbetriebenen Leuchtstrahlern sicher gegen Löwenangriffe zu machen.

Gamewatchers versprach, pro Spende von jeweils 40 US$ ein Schaf auf dem lokalen Markt zu kaufen. Insgesamt 1882 US-Dollar kamen dank 38 Spendern binnen weniger Tage zusammen, was dem Gegenwert von 47 Schafen entspricht. 20 Schafe wurden bereits erworben und an Rupande Romo und seine Familie übergeben. Der Farmer zeigte sich gerührt darüber, dass Menschen aus aller Welt, die er nicht einmal kennt, bereit waren, seine Existenz nach dem Löwenangriff auf seine Herde wieder aufzubauen.

Mit verschiedenen Maßnahmen wird in Kenia versucht, sowohl den Löwen in ihrem natürlichen Lebensraum als auch den Kleinbauern gerecht zu werden.

Mit verschiedenen Maßnahmen wird in Kenia versucht, sowohl den Löwen in ihrem natürlichen Lebensraum als auch den Kleinbauern gerecht zu werden.

Gamewatchers Safaris bemüht sich darüber hinaus, auch weitere Höfe im Umkreis des Nairobi Nationalparks, die schon Löwenangriffe zu beklagen hatten, mit Leuchtstrahlern auszurüsten. Im Umkreis der kommunalen Schutzgebiete Olare Motorogi, Naboisho und Ol Kinyei am Rande der Masai Mara, bzw. in Selenkay im Gebiet des Amboseli-Nationalparks waren ähnliche Maßnahmen in der Vergangenheit erfolgreich.

Das Zusammenleben von Hirten und Löwen in einem Lebensraum verbesserte sich dadurch erheblich, so dass die Anzahl der Raubkatzen dort seit Jahren wieder ansteigt. Im Umkreis des Nairobi Nationalparks seien diese Maßnahmen allerdings laut Gamewatchers sogar von noch größerer Bedeutung, da die Hirtenbevölkerung dort im Gegensatz zu den oben genannten kommunalen Schutzgebieten mit eigenen Tourismusprojekten nicht direkt von Einnahmen durch Safaritourismus profitiere.

Als König der Tiere nimmt sich der Löwe gerne, was er mag - dazu gehören auch Schafe und Rinder.

Als König der Tiere nimmt sich der Löwe gerne, was er mag – dazu gehören auch Schafe und Rinder.

Auch in anderen Teilen Kenias wird an innovativen Projekten zum Schutz der Löwen und der Erhaltung Ihres Lebensraumes gearbeitet. Die Big Life Foundation zum Beispiel betreut in enger Zusammenarbeit mit den lokalen Kommunen, touristischen Partnern und dem Kenya Wildlife Service (KWS) eine Fläche von rund 425.000 Hektar außerhalb staatlicher Nationalparks und beschäftigt insgesamt 280 Ranger. Ein vor allem mit Einnahmen aus dem Tourismus finanzierter Kompensationsfonds zahlt jedem Hirten einen Ausgleich für jedes gerissene Stück Vieh.

Gleichzeitig wurde in Zusammenarbeit mit den Dorfältesten eine jahrhundertealte Tradition abgeschafft, nach der junge Krieger ihren Mut durch das Erlegen eines Löwen mit einem Speer beweisen mussten. Seit 2012 ist dieser Ritus offiziell durch die „Maasai Olympics“ ersetzt, ein an alte Traditionen angelehnter sportlicher Wettkampf mit Speerwurf, Laufwettbewerben, Weitwurf mit Rungu-Knüppeln und von traditionellen Tänzen inspirierter Hochsprung aus dem Stand. Auch diese Maßnahmen bildeten einen wichtigen Beitrag zu einer friedlichen Koexistenz zwischen Menschen und Löwen und wachsenden Löwenbeständen.

Auch Zebras sind für die Löwen ein willkommenes Fressen. (Fotos Kenya Tourist Board)

Auch Zebras sind für die Löwen ein willkommenes Fressen. (Fotos Kenya Tourist Board)

Gleichzeitig kümmert sich auch der staatliche Kenya Wildlife Service (KWS) intensiv um Tier- und Naturschutz sowie Bekämpfung und Prävention von Wilderei. Nicht nur knapp 40 Nationalparks und Reservate unterstehen dem Kenya Wildlife Service. Er ist ebenfalls für die Tierwelt außerhalb von Schutzgebieten zuständig, wird dort aber in vielen Fällen von lokalen Initiativen und Nichtregierungsorganisationen unterstützt.

Aktuell baut der KWS den bisher kaum erschlossenen und entsprechend wenig besuchten, aber 1.800 Qudratkilometer großen Kora Nationalpark im östlichen Kenia zu einem Spezialreservat für Löwen auf. Der dort bereits bestehende Löwenbestand wird gezielt mit Tieren aus anderen Landesteilen aufgestockt, um wieder eine stabile Grundpopulation zu bilden, aus der später Tiere zum Zwecke der Wiederansiedlung in anderen Gebieten entnommen werden könnten.

Finanziert wird der KWS bei diesen und auch vielen anderen Aktivitäten zu einem großen Teil durch die Eintrittsgebühren der Nationalparks. Da längst nicht alle Nationalparks Kenias für den Tourismus erschlossen sind, bzw. einige Parks trotz entsprechender Infrastruktur wenig besucht werden, ist jeder Besuch in einem Nationalpark Kenias ein Beitrag für den Tier- und Naturschutz im ganzen Land. Da Kenia die Großwildjagd, deren Einnahmen viele andere afrikanische Länder zur Finanzierung ihrer Naturschutzarbeit verwenden, seit 1977 verboten hat und rein auf mit Fernglas und Kamera bewaffnete Safaritouristen setzt, ist es umso wichtiger, dass Kenias Nationalparks weiterhin gut besucht werden. Weitere Informationen unter www.magical-kenya.de

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