Das Lüttich des Georges Simenon

Simenon
Denkmal für Georges Simenon auf dem Place du Commissaire. – Foto www.opt.be

Da mag sich das Hirn noch durch Motive, Mordwaffen und Milieus gewühlt haben – wenn die Knie Richtung Schreibmaschine zu wandern begannen, gab es bald darauf Tote. Wie viele Menschen das Knie von Georges Simenon (1903-1989) Knie auf dem Gewissen haben, lässt sich nur schätzen. Mehr als 400 Romane hat er geschrieben, für manche benötigte er nicht einmal zwei Wochen. Bis heute sind weltweit gut 500 Millionen Exemplare seiner Bücher verkauft. 55 seiner Werke wurden verfilmt. Mit der Figur des Pariser Kommissars Maigret stieg der belgische Vielschreiber schon zu Lebzeiten in den Olymp der Krimiautoren auf. Das Gedenken an den wohl bedeutendsten Literaturexport des benachbarten Belgiens wird in seiner Geburtsstadt Lüttich auf mannigfaltige Art und Weise aufrechterhalten.

Palasst der Fürstbischöfe in Lüttich. – Foto Karsten-Thilo Raab

Startpunkt für eine Tour auf den Spuren des Schreibvulkans, dessen „Mordskarriere“ im zarten Alter von 16 Jahren als Reporter für die „Gazette de Liége“ begann, bildet der Palast der Fürstbischöfe. Gekennzeichnet mit goldfarbenen, kreisrunden Markierungen, die seinen typischen Hut und seine Pfeife zeigen, führt der Weg zunächst zum nahe gelegenen Rathaus. Hier fällt direkt eine Gedenktafel in den Blick. Unter anderem trägt diese die Inschrift „Arnold Maigret“. Jener Arnold Maigret fiel im 1. Weltkrieg und war zuvor Fahrer des Polizeichefs von Lüttich. Dass Simenon den Mann gekannt hat, ist unumstritten. Ob er den Namen seines berühmtesten Romanhelden, der ihn und seine Erben so unendlich reich gemacht hat, tatsächlich in Anlehnung an Arnold Maigret gewählt hat, dürfte aber für immer ein Geheimnis bleiben. Fest steht jedoch, dass der junge Simenon als aufstrebender Lokalreporter jeden Nachmittag zur Polizeizentrale am Place du Marché stiefelte, um sich dort – vermutlich auch von Maigret – über die interessantesten Verbrechen und Straftaten des Tages erzählen zu lassen.

Blickfang in Lüttichs Innenstadt: Das Rathaus. – Foto Karsten-Thilo Raab

Zwischen dem Rathaus und dem Geburtshaus von Simenon in der Rue Léopold befindet sich der 2003 eingeweihte „Place du Commissaire Maigret“. Von hier fällt der Blick auf das Haus Nummer 24 in der Leopoldstraße, wo Georges Simenon am 13. Februar 1903 in der 2. Etage in der „Wohnung ohne Gas und Wasser“ das Licht der Welt erblickte. Seine abergläubische Mutter Henriette datierte die Geburt allerdings kurzerhand auf den 12. Februar vor.

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Bodenplatten weisen den Weg auf den Spuren von Georges Simenon durch Lüttich. – Foto Karsten-Thilo Raab

Nur wenige Schritte entfernt liegt die Pont des Arches. Die Brücke über die Maas stand Pate bei der Namensgebung seines erster Romans, „Au Pont des Arches“, den er unter dem Pseudonym Georges Sim 1920 veröffentlichte. In seinem Erstlingswerk befasst er sich auf humorvolle Art mit Lütticher Sitten und Gebräuchen. Ohne Frage, Georges Simenon war ein manischer Schreiber, der hineinkroch in die Seelen seiner Protagonisten und der versuchte, all das zwischen zwei Buchdeckeln zum Ausdruck zu bringen, was er ein Stück vom wirklichen Leben nannte. Bekannt war Georges Simenon aber auch aufgrund seiner prahlerischen Vielweiberei – angeblich hatte Simenon mit 10.000 Frauen ein sexuelles Verhältnis.

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Büste von Georges Simenon auf dem Place du Congrés. – Foto Marc Verpoorten/Belgien Tourismus Wallonie

Sein herzkranker Vater, ein Buchmacher, starb früh, seine Mutter Henriette war fortan auf seine finanzielle Hilfe angewiesen. Fast rastlos wechselten die Simenons in den folgenden Jahren mehr als 30 Mal ihre Wohnung, zogen kreuz und quer durch Lüttich um. Vor allem im Stadtteil Outremeuse (“Jenseits-der-Maas“) finden sich zahllose Spuren des jungen Georges. Und doch wird hier keinen übertriebener und aufgesetzter „Hier-hat-Simenon-einmal-gewohnt-Kult“ gepflegt. Einzige Ausnahmen bilden die Simenon-Büste an der Place du Congrés, eine nach ihm benannte Straße und die moderne Jugendherberge, die ebenfalls den Namen des manischen Vielschreibers mit der positiven krimineller Energie und Phantasie trägt. Ansonsten gemahnt das schmuddelige Kleine-Leute-Viertel an die übrig gebliebene Kulisse in Simenons Romanwelt. Ein perfekter Rahmen für Simenons Phantasiewelt, in dem durchschnittliche Menschen durch banale Ereignisse zu Mördern wurden.

So oder so ähnlich soll es im Künstlertreff La Caque zu Simenons Zeit ausgesehen haben. – Foto Karsten-Thilo Raab

Überhaupt besticht Outremeuse durch ein Wirrwarr an gemütlichen und einladenden Gängen und Passagen, die teilweise wie private Wohnhöfe wirken. Wandkappelen, Nischen mit kleinen Statuen der Jungfrau Maria, zieren die Wohnhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert. In einem der Hinterhöfe liegt „La Caque“, die Heringstonne, jener winzig kleine Versammlungsort, an dem sich Georges Simenon regelmäßig mit seinen trinkenden und rauchenden Künstlerfreunden traf. Darunter auch der Maler Jean Joseph Kleine, der sich am 2. März 1922 mit einer Schlinge um den Hals an der Türklinke der benachbarten Saint-Pholien-Kirche erhängte. Simenon nahm dieses traurige Ereignis als Anstoß für den Roman „Der Erhängte von Saint Pholien“.

Die Treppe Montagne de Bueren ist eine der berühmtesten Landmarken der Stadt. – Foto Karsten-Thilo Raab

Beim Gang durch Outremeuse, vorbei an Simenons Wohnhäusern, Schulen und den Kirchen, die er besuchte, wird unweigerlich deutlich, dass Lüttich Simenons Fluch, aber auch der Segen seines Erfolges war. Durchs sein ganzes Werk hindurch sind Landschaften, Persönlichkeiten und ein Ambiente zu finden, das typisch ist für Lüttich. Dazu gehören die pittoresken Wohnhäuser entlang der Montagne de Bueren, jener 373 Treppenstufen, die hinauf zu den Ruinen der Zitadelle führen.

Auch eine Straße wurde nach dem berühmten Vielschreiber benannt. – Foto Karsten-Thilo Raab

Dazu gehören aber insbesondere auch die schon legendären Flohmärkte in Outremeuse und am Ufer der Maas. Vor allem „La Batte“, der längste Flohmarkt Europas, der immer sonntags stattfindet. Ein gigantischer Trödelmarkt, den Simenon einmal wie folgt beschrieb: „Am frühen Morgen bietet sich in einer blau- und goldfarbigen Symphonie das schönste Spektakel der Welt: Überall, so weit man sehen kann, breitet sich der Markt aus: links der Gemüsemarkt, rechts der Obstmarkt; Tausende Weidenkörbe zeichnen richtige Straßen, Sackgässchen, Kreuzungen; Tausende kurzbeinige Klatschweiber haben die Taschen ihrer dreischichtigen Röcke voller Kleingeld“.

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Notizen und Brille von Georges Simenon. – Foto Karsten-Thilko Raab

Und irgendwie scheint beim Besuch von „La Batte“ die Zeit still zu stehen. Man fühlt sich inmitten der antiken Schätze unweigerlich in das Lüttich Simenons zurückversetzt. Eine Stadt, die Simenon nie losgelassen hat.

„La Batte“ gilt als der „längste Flohmarkt“ Europas. – Foto Belgien Tourismus Wallonie

Wenn er in seinen Romanen über Concarneau schrieb, meinte er Lüttich. Und die Rechtsanwälte, Kaufmänner, Witwen, Versicherungsangestellten und anderen Protagonisten, deren Katastrophen in Los Angeles, Amsterdam oder Paris angesiedelt sind, waren alle Lütticher wie Simenon, der am 10. Dezember 1922 am Bahnhof Guillemin allein in den Nachtzug nach Paris stieg und nur wenige Male in seine Geburtsstadt zurück kehrte. Weitere Informationen unter https://belgien-tourismus-wallonie.de.