Churfranken – die Toskana am Main mit Genussfaktor

„Die evangelische Kirche liegt natürlich außerhalb der Stadtmauern, genau wie der jüdische Friedhof“, erklärt Stadtführerin Dorothea Zöller, nicht ohne ein ironisches Grinsen. Schließlich befindet man sich im katholischen Bayern, auch wenn die Franken das hier gar nicht gerne hören. „Die „Zauberhäuschen“ liegen dagegen aber unmittelbar in der Stadtmauer. Sozusagen in der Übergangszone“, ergänzt die energetisch vorweg schreitende Dame und zeigt in Richtung der ehemaligen Verhörzellen. „Und hier liegt somit auch eines der dunkelsten Kapitel unserer Stadt Miltenberg verborgen. Bis ins Jahr 1631 wurden hier nämlich Hexenprozesse durchgeführt.“

Heute strahlt das schmucke Städtchen, das in einer bundesweiten Umfrage vor einigen Jahren zu einer der lebenswertesten Gegenden ganz Deutschlands gewählt wurde, nur noch Freundlichkeit und Charme aus. Miltenberg am Main, das in diesem Jahr sein 775-jähriges Stadtjubiläum feiert, präsentiert sich mit blitzblanken Altstadtgässchen, an denen sich die Fachwerkhäuser wie Perlen an einer Schnur aufreihen. An den prächtigen Fassaden ist die frühere Bedeutung der 9.000-Einwohner-Stadt gut zu erkennen. Knapp 80 Kilometer südwestlich von Frankfurt gelegen, spürt man, dass auch der gesamte Landkreis wirtschaftlich auf der glücklichen Seite steht.

Sehenswert sind vor allem das so genannte „Schnatterloch“, der Alte Marktplatz, die über der Stadt und dem Main thronende Mildenburg sowie die älteste Gaststätte Deutschlands, der „Riese“. In diesem befindet sich bis heute eine ausgezeichnete Gasstätte, die neben regionalen Wein- auch Bierspezialitäten aus Miltenberg im Angebot hat.

Nach einer ausgiebigen und deftigen Mahlzeit im „Riesen“ kommt man leicht mit den offenherzigen Einwohnern in Kontakt und erfährt so mehr über deren Liebe zur Heimat. Diese Region Unterfrankens wird von Einheimischen gerne als „Toskana“ am südlichen Main bezeichnet. Es scheint, als sei dies weniger eine unbotmäßige Übertreibung als vielmehr eine liebenswürdige Schwärmerei von Menschen, die sich in ihrer Heimat wohl fühlen.

Dass man das Leben hier so genießen kann, liegt vielleicht daran, dass die Region reich gesegnet ist. Weinhänge gibt es, begabte Winzer, jede Menge lebensfrohe Franken und selbstbewusste Bierbrauer.

Besonders stolz ist man hier am Ort auf das Brauhaus Faust – und das nicht erst, seit dieses mit seinem „Eisbock“ im Jahr 2012 die Goldmedaille beim renommierten „World Beer Cup“ in den USA gewonnen hat. Der im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnete Gerstensaft war dabei eher ein Produkt des Zufalls. Es soll von einem faulen Brauergesellen erfunden worden sein. Dieser hatte – gegen die Empfehlung des Braumeisters – das Bierfass abends nicht reingerollt. Am Morgen war es gefroren und aufgeplatzt. Als „Strafe“ sollte der Lehrjunge nun dieses „Eisbier“ austrinken. Von Bestrafung konnte allerdings kaum eine Rede sein. Vielmehr handelte es sich um einen wahren Genuss. Heraus kam eine herbe Erfrischung, die ein Aroma von Schokolade, Marzipan, Dörrobst und Sherrynoten aufweist und auch die Jury des internationalen Wettbewerbs überzeugen konnte. Die Herstellung ist heute aufwändiger: Der Eisbock reift nach der Gärung und dem Prozess des Ausfrierens mehrere Monate lang in Hand verlesenen Holzfässern im Felsenkeller der Brauerei, der liebevoll „Schatzkapelle“ genannt wird. So viel Aufwand scheint sich zu lohnen: Das kräftig braune Bier mit einem Alkoholgehalt von elf Prozent wird durch einen cremefarbenen Schaum gekrönt und zergeht angenehm weich und leicht moussierend auf der Zunge.

Seit mehreren Generationen produziert die Familie von Cornelius Faust in Miltenberg bereits Bier in einer der ältesten Brauereien des Rhein-Main-Gebietes. Heute ist das Brauhaus Faust die einzige Brauerei auf dem Stadtgebiet von Miltenberg. Sie liegt im Schatten der Mildenburg, im historischen Schwarzviertel, das so heißt, weil wenig Sonne in die engen Altstadtgassen fällt.

Der diplomierte Brau-Ingeneur und ausgebildete Bier-Sommelier bemüht sich gemeinsam mit seinem Cousin darum, dass der Gerstensaft mehr Glanz und Ansehen erlangt – ähnlich wie der Rebensaft. Kein leichtes Unterfangen in einer Region, die von Weinbergen geprägt ist. Und kein leichtes Unterfangen für ein Getränk, das gemeinhin eher als günstiger Durstlöscher und alltägliche Erfrischung gesehen wird. Aber die jungen Bier-Sommeliers haben es faustdick hinter den Ohren und träumen davon, dass es in naher Zukunft zu mehrgängigen Menüs bald nicht nur begleitende Wein-, sondern auch Bierempfehlungen geben wird. Den weltmeisterlichen Eisbock empfiehlt der Meister übrigens als Begleitung zu Krokantpralinen – in winzigen Genießerschlückchen statt in der Halblitermaß genossen, versteht sich.

Ob bei so einem Genießerschlückchen der Kunstname „Churfranken“ für diesen Landstrich mit Bouquet entstanden ist? „Wir wollten dieser bisher unbenannten Region zwischen Odenwald und Spessart, die so viel zu bieten hat, einen eigenen Namen geben, um sie besser vermarkten zu können.“ erklärt Brigitte Duffeck, die Regionsmanagerin. „Der Wortteil „Chur“ leitet sich dabei von den Aktivitäten des Mainzer Churbischofs in alter Zeit hier ab und Franken sind wir nun einmal mit Haut und Haar. So ist uns eine wohlklingende und historisch korrekte Mischung gelungen“, lacht die sympathische Botschafterin der Region. Churfranken ist nicht Rhein-Main-Region, Churfranken ist nicht Bayern – Churfranken ist Churfranken, so viel steht fest. Und die meisten Gedanken der Churfranken drehen sich, das wird dem auswärtigen Besucher schnell klar, um den Genuss – von heimischem Bier genauso wie vom süßen Rebensaft.

Alle Zeichen stehen auch im Städtchen Großostheim auf Wein, wie es scheint. So auch im Weingaumuseum, einem modernen Prachtbau in historischem Gemäuer. Der pensionierte Apotheker des Ortes gibt sich gelegentlich die Ehre und präsentiert, was der Weinkeller des Museums zu bieten hat. Wolfgang Loh entbricht, kaum dass er die steile Stiege in den Museumskeller herabgestiegen ist, in eine begeisterte, mitreißende Ode an sein Lieblingsgetränk. „Wein sollte rezeptiert werden“, verlangt der rüstige Grauhaarige gar. „Schließlich“, zitiert Loh einen Arzt aus dem 15. Jahrhundert, „dient der Rebsaft der Anregung des Herzens, der Augen und der Gedanken.“

Kein Wunder – zeigt sich der fränkische Wein doch als überaus wohlschmeckend und verträglich. Das Wandern auf dem Rotweinwanderweg funktioniert auch dann noch leichtfüßig, wenn Barbara Gilbert, lebensfrohe Winzerin aus Leidenschaft, schon vor dem Aufbruch am Morgen einen lieblichen, lachsfarbenen „Secco“ spendiert. „Die Weinberge sind hier so gewachsen, wie man sie heute in anderen Weinbaugebieten wieder anlegt: Hier ein Busch, dort ein Rasenstreifen, dazwischen die kleinen Schutzhütten, in denen zur Ernte eine fränkische Brotzeit serviert wird“, erzählt sie stolz und verrät auch noch gleich von ihrem Erfolgsrezept: „Unsere Pflücker halten wir mit guter Stimmung und selbstgebackenem Kuchen bei Laune“, lacht das brünette, schlanke Energiebündel. Fast wünscht man, man dürfe bei der Lese dabei sein.

Zum Geldverdienen produziere man Wein auf einer so übersichtlichen Hektarfläche wie sie es tut nicht. „Das lässt sich nur mit Leidenschaft erklären“, berichtet Gilbert weiter und die Begeisterung blitzt dabei aus ihren braunen Augen. „Pro Familienmitglied bräuchte man ungefähr einen Hektar Wein – früher war weniger nötig – aber bei unserem Lebensstandard heute…“, gibt die dreifache Mutter zu bedenken. Ein wenig Luxus gönnt sie sich selbst mit einem Weinberg-kompatiblen Trecker. Damit prahlt ihr Sohn dann auch stolz in der Schule: „Meine Mutter fährt eine Art Ferrari – höher gelegt, mit Sonderlackierung und extrabreiten Reifen.“

Knapp 40 Kilometer südlich von Großostheim liegt Amorbach, die Hochzeitsstadt. Anziehungspunkte für Gäste aus nah und fern ist hier der „Schafhof“. Das liebvoll in Stand gehaltene Klostergut liegt eingebettet in malerischer Landschaft im Naturpark Bayrischer Odenwald und verfügt neben Hotelzimmern auch über ein angesehenes Gourmetrestaurant. „Unser eigenes Quellwasser ist sehr fruchtbar – einer der Gründe, warum wir eine so beliebte Hochzeitsfeier-Location sind. Der wunderbare Name unseres Ortes „Amorbach“ und unsere exzellente Küche tun ihr Übriges“, warnt Hoteldirektor Herbert Ullrich augenzwinkernd. „Wir haben hier die Quelle der Benediktinermönche geerbt. Das Tafelwasser passt ideal als Wein-Begleitung“, so der Besitzer des Schafhofs weiter. „Auch auf den Zimmern fließt Quellwasser, eine Badewanne gleicht so einem Jungbrunnen oder einer Quelle des Lebens“, lächelt Ullrich verschmitzt weiter. Frank Weber,  hauseigener Gärtner des ländlichen Kleinods, bestätigt ganz Ähnliches: Sowohl die Hofkatze, als auch die Meerschweinchen brächten hier ganz erstaunlich viele Nachfahren zustande. Mal abgesehen von Kohlmeise & Co. Mehr als 50 Nistkästen in allen Farben und Formen hängen an den Außenwänden des ehemaligen Stallgebäudes.

Und auch eigene Beobachtungen geben den Vermutungen recht: Ein kleiner Ausflug zu dem etwas oberhalb der malerisch angelegten Hotelgeländes Fisch- und dem daneben liegenden Natur-Badeteich werden durch eine kleine Zwangspause unterbrochen: Unzählige fingerkuppenkleine Fröschlein wandern vom einen See zum anderen. Grashalme bilden für sie bereits schier unüberwindbar hohe Hindernisse.  An Aufstehen ist in diesem Moment nicht zu denken. Jeder Schritt würde in dem grünen, dichten Grasteppich unweigerlich auf dem Froschnachwuchs landen, so viele sind von rechts nach links oder links nach rechts unterwegs. Aber auf der malerisch platzierten Teakholz-Liege wartet es sich überaus komfortabel und bis zur Weinprobe, die erst vor dem Abendessen stattfinden soll, ist es noch ein gutes Weilchen hin. Und schließlich ist das „la dolce fa niente“, das süße Nichtstun in der „Toskana am Main“ auch gewünschter Teil des Urlaubskonzeptes.

Am Abend lädt Direktor Ullrich gemeinsam mit dem lokalen Winzer zur Weinverkostung in das wohltemperierte Kellergewölbe. „Wir beschäftigen uns hier den ganzen Tag mit Wein“, erklärt der 63-jährige einleitend. „Das Schwerste daran ist, das in den Keller tragen, das Schönste ist das Probieren“, und übergibt sinnig lächelnd das Wort an den Winzer Hans-Hermann Knapp. Das Weingut Knapp verfügt über fünfeinhalb Hektar Weinberge, die an beiden Uferseiten des Mains gelegen sind. „Wir machen alles noch selber“, erklärt Knapp einleitend. „Vom Lesen per Hand, über die Vermarktung bis hin zur Kellerwirtschaft. Der Silvaner liegt mir besonders am Herzen – sein klangvoller Körper, der dem Essen etwas entgegensetzen kann…“, schwärmt Knapp und klingt dabei schwer verliebt.

Schwärmerisch äußert er sich auch über die in Franken gefertigten Holzfässer, die er ausschließlich verwendet. Aber auch kritische Töne sind ihm nicht fremd. „Unsere Erntehelfer sind einem psychischen Druck ausgesetzt: Wenn man bei brütender Hitze ackert und der Ausblick auf die Nixen im Schwimmbad fällt….“ – wer so viel genießt, der hat auch einen liebevoll-sarkastischen Blick auf seinen arbeitsreichen Alltag. Aber vielleicht kann der örtliche Heilpraktiker gegen die Pein durch harter Arbeit und psychischem Druck helfen: Er bietet die Erfolg versprechende „Burgunder-Therapie“ an.

Bleibt nur noch, mit dem Zitat eines lange verstorbenen Benediktinerbruders aus Amorbach zu schließen: „Ich habe viel schlecht geschrieben, weil ich viel Gutes getrunken habe.“

Informationen: Mainland Miltenberg, Churfranken e.V., Hauptstraße 57, 63897 Miltenberg, Telefon 09371-6606976, www.churfranken.de

Sehenswertes: Brauhaus Faust, Hauptstraße 219, 63897 Miltenberg, Telefon 09371-97130, www.faust.de

Bachgau Museum Großostheim im Nöthigsgut, geöffnet jeden Sonntag 14-17 Uhr, www.großostheim.de

Restaurant- und Übernachtungstipps: Der Schafhof Amorbach, Schafhof 1, 63916 Amorbach, Telefon 09373-97330, www.schafhof.de, edles Landhaus, Hotel und Gourmetrestaurant „Abt- und Schäferstube“. Dieses bietet moderne französische Küche auf Sterneniveau, Spezialität des Hauses sind – man ist es dem Namen schuldig- Lammgerichte. Daneben bietet das Restaurant „Benediktinerstube“ mediterran-ländlich orientierte Küche.

Landhotel Adler, Hauptstraße 30, 63027 Bürgstadt (grenzt an Miltenberg), Telefon 09371-97880, www.adler-landhotel.de, top-gepflegtes Hotel unter Familienleitung mit Atmosphäre und konsequent regionaler Slow-Food-Küche.