Auge in (Knopf-) Auge: Unterwegs mit dem Seehundjäger

Tummeln sich auf Sandbänken vor Sylt: Die Seehunde. (Foto: Sylt Marketing)
Tummeln sich auf Sandbänken vor Sylt: Die Seehunde. (Foto: Sylt Marketing)

Seine Berufsbezeichnung lässt anderes vermuten, doch Seehundjäger Thomas Diedrichsen geht keinesfalls auf die Jagd nach possierlichen Meeressäugern. Sein oberstes Ziel lautet: Naturschutz. Es ist vor allem die Ruhe, der man im Norden Sylts begegnet. Nur wenige Urlauber erkunden den Ellenbogen, im Winter wirkt dieser Teil der Insel beinahe komplett verlassen. Nichts als Wind und Wellen. Und die nördlichsten Ferienwohnungen Deutschlands, mitten im Naturschutzgebiet „Nord-Sylt“. Ein Ort, den man eigentlich gar nicht verlassen möchte. Doch ein kurzer Telefonanruf genügt, und Thomas Diedrichsen schwingt sich in seinen Pick-up. „Kegelrobbe in Hörnum“, beschreibt er kurz die anstehende Aufgabe und drückt auf das Gaspedal des Geländewagens – der Weg vom Ellenbogen nach Hörnum ist weit.

Mit dem Kutter geht es nahe an die Seehundbank heran. (Foto: Sylt Marketing)
Mit dem Kutter geht es nahe an die Seehundbank heran. (Foto: Sylt Marketing)

Diedrichsen ist einer von drei Seehundjägern auf Sylt – was natürlich nicht bedeutet, dass er Seehunde jagt. Im Gegenteil. „Ich bin Jagdaufseher im Nationalpark Wattenmeer“, erklärt er auf dem Weg vom äußersten Norden in den tiefsten Süden der Insel: „Das steht vor allem für Naturschutz. Und damit bin ich auch für Seehunde und Kegelrobben zuständig.“ Die Zeiten, in denen in Deutschland Jagd auf die Tiere gemacht wurde, sind längst vorbei. Heute unterliegen Seehunde und Robben zwar immer noch dem Jagdrecht, doch tatsächlich werden sie ganzjährig geschont. Der Erfolg ist messbar. Zwar gibt es auf Grund von Krankheiten immer wieder Schwankungen in den Populationen. Doch Schätzungen zufolge leben im gesamten Wattenmeer derzeit etwa 38.500 Seehunde – so viele wie nie zuvor.

Viele von ihnen tummeln sich vor allem im Sommer auf einer Sandbank zwischen Sylt und Amrum und genießen dort ausgiebige Sonnenbäder. Tatsächlich leben vor Hörnum die größten Seehundrudel der Nordseeküste mit bis zu 1000 Tieren. Kein Wunder also, dass ausgerechnet dieses Tier auf dem Wappen des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer prangt. Südlich von Sylt befindet sich zudem eine Kegelrobbenkolonie – eine der wenigen in Deutschland.

Sylt-Urlauber genießen den Anblick der Tiere gleichwohl am besten aus der Ferne. Von einem Ausflugsschiff etwa aus lassen sich die Wildtiere besonders gut beobachten: Fahrten mit den Adler-Schiffen zu den Seehundbänken sind zwischen April und Oktober möglich. Ab List geht es dann mehrmals täglich mit dem liebevoll restaurierten Segelkutter „Gret Palucca“ oder dem kleinen Krabbenkutter „Rosa Paluka“ zu den Ruheplätzen der Seehunde und Kegelrobben. Ab Hörnum wiederum fährt die „MS Adler VI“ zu den Seehundsbänken im UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer.

Seehundjäger Thomas Diedrichsen auf dem Weg zur Arbeit: Am Strand von Hornum wurde eine Kegelrobbe gesichtet. Diedrichsen untersucht das Tier kurz und schickt es dann zur Aufzuchtstation Friedrichskoog. (Foto: Sylt Marketing)
Seehundjäger Thomas Diedrichsen auf dem Weg zur Arbeit: Am Strand von Hornum wurde eine Kegelrobbe gesichtet. Diedrichsen untersucht das Tier kurz und schickt es dann zur Aufzuchtstation Friedrichskoog. (Foto: Sylt Marketing)

Dass die Tiere direkt an den Stränden Sylt auftauchen, ist gar nicht so selten. In der Regel verschwinden sie dann schnell wieder in den Nordseewellen. Doch etwa 250 bis 300 Meeressäuger stranden pro Jahr an den Küsten der Insel, zumeist Kegelrobben oder Seehunde, seltener auch junge Schweinswale. Jetzt im Winter ist für den Seehundjäger vor allem Kegelrobbenzeit: Auf einer Sandbank südlich von Sylt bringen etwa 100 Dickhäuter gerade in der kältesten Jahreszeit ihre Jungen zur Welt.

„Es kommt sehr selten vor, dass junge Kegelrobben dauerhaft den Kontakt zur Mutter verlieren“, erklärt Diedrichsen, als er in Hörnum aus dem Wagen steigt. Geparkt hat er in sicherer Entfernung, um das Tier nicht zu erschrecken. „Kegelrobbenmütter halten sich manchmal zwar längere Zeit nicht bei ihrem Jungtier auf. Sie kehren dann aber fast immer zum Säugen zurück.“ Das scheint hier nicht der Fall zu sein. Spaziergänger hatten das Tier eine knappe Stunde zuvor am Strand bemerkt und die Schutzstation Wattenmeer verständigt. Ein Mitarbeiter war schnell vor Ort und sorgte dafür, dass weitere Wanderer einen möglichst großen Bogen um die Robbe machen. Gleichzeitig informierte die Schutzstation den Seehundjäger.

„Es ist besonders wichtig, dass man die Tiere in Ruhe lässt“, sagt Diedrichsen. „Zum einen können sie beißen, zum anderen gibt es Krankheiten, die durchaus auf den Menschen übertragbar sind.“ Die Tiere zurück ins Wasser zu jagen, könnte ihnen schlimmstenfalls sogar schaden. Sie gar mit Wasser zu besprühen, habe überhaupt keinen Sinn. „Seehunde und Kegelrobben haben keine Kiemen, sondern sie sind Lungenatmer. Alles was man tun kann, ist: Finger weg und die Schutzstation Wattenmeer anrufen.

“Mit einer Plastikwanne in der Hand nähert sich Diedrichsen der Robbe nun langsam von hinten. „Die Gefahr lauert vorne“, erklärt er. Mit ihren großen Knopfaugen erscheinen Seehunde und Kegelrobben zwar besonders possierlich – tatsächlich jedoch sind sie possierliche Räuber. Das Tier macht allerdings weder Anstalten zu beißen noch sich in Richtung Wasser zu bewegen. Ängstlich beobachtet es den Menschen. „Wäre es gesund, dann würde es spätestens jetzt vor uns ins Wasser flüchten. Wenn wir in der Lage sind, die Kegelrobbe ohne weiteres zu fangen, müssen wir davon ausgehen, dass sie krank ist.

Am Strand von Hornum wurde eine Kegelrobbe gesichtet. Seehundjäger Thomas Diedrichsen untersucht das Tier kurz und schickt es dann zur Aufzuchtstation Friedrichskoog. (Foto: Sylt Marketing)
Am Strand von Hornum wurde eine Kegelrobbe gesichtet. Seehundjäger Thomas Diedrichsen untersucht das Tier kurz und schickt es dann zur Aufzuchtstation Friedrichskoog. (Foto: Sylt Marketing)

“Diedrichsen hat keine Probleme, das Jungtier am Schwanz und im Nacken zu packen. Die Entscheidung, die er nun treffen muss, ist äußerst schwierig. Jedes Mal wieder. Kann das Tier überleben, oder muss es von seinen Qualen befreit werden? Bei einer ersten Untersuchung vor Ort kommt er zu dem Ergebnis: Diese Robbe ist zwar ganz offensichtlich krank, doch sie hat durchaus Chancen. Vorsichtig legt er sie in die Wanne und spannt ein Netz darüber, damit sie beim Transport nicht herausfallen kann. Schon während der Fahrt nach Westerland informiert Diedrichsen die Seehundstation in Friedrichskoog. Dort soll das Tier versorgt werden.

Seit 1985 nimmt die Seehundstation als einzige autorisierte Organisation in Schleswig-Holstein verlassene oder erkrankt aufgefundene Robben und Seehunde auf. Sie werden dort eingehend untersucht, aufgepäppelt und später wieder ausgewildert. Die Station, in der im vergangenen Jahr mehr als 170 Tiere versorgt wurden, finanziert sich allein aus Spenden und Eintrittsgeldern.

Nach einem kurzen Telefonanruf ist man dort auf den Neuankömmling vorbereitet; Diedrichsen selbst ist auf dem Weg zum Westerländer Bahnhof. Auf dem letzten Waggon des „Sylt Shuttle“ geht die Reise für die kleine Robbe dann in Richtung Niebüll, wo sie von einem Mitarbeiter aus Friedrichskoog in Empfang genommen wird. Im Sommer wartet auf gefundene Tiere sogar eine Schiffsfahrt: Mit der „Adler Express“ geht es über Föhr und Amrum nach Nordstrand und schließlich weiter zur Seehundstation.

Für Diedrichsen ist dieser Fall noch nicht abgeschlossen. Jedes gefundene Tier muss genau dokumentiert werden. Doch die Schreibarbeit muss warten, denn der Seehundjäger sitzt schon wieder am Steuer seines Pick-up. Bis zu 30.000 Kilometer legt er im Rahmen seiner ehrenamtlichen Tätigkeit auf Sylt zurück, pro Tier erhält er lediglich eine Aufwandsentschädigung. „Kegelrobbe an Strandabschnitt 41“, lautete die Meldung am Telefon. Diedrichsen nickt. Der Seehundjäger ist wieder unterwegs.

Weitere Informationen: Schutzstation Wattenmeer, Hörnum, Telefon 04651-881093, www.schutzstation-wattenmeer.de und unter www.adler-schiffe.de