Ameisen-Snack im australischen Busch

Stolz präsentiert Willie Gordon Malereien in den Höhlen seiner Vorfahren. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Stolz präsentiert Willie Gordon Malereien in den Höhlen seiner Vorfahren. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Unter einigen mächtigen Felsen befinden sich jene Höhlen, in denen seine Vorfahren Schutz und Unterschlupf suchten, und in denen ganze Generationen das Licht der Welt erblickten. Die Wände sind verziert mit unzähligen Malereien. Sie alle sind mit Handabdrücken des jeweiligen Künstlers signiert. Einige Motive zeigen Emus, Kängurus oder Stationen des Lebens. Andere erzählen von der Regenbogenschlange, der Rainbow Serpent oder Yirmbal. Die mythologische Figur bewohnt, so die Vorstellung der Aborigines, während der Trockenzeit die wenigen verbliebenen Wasserlöcher und kontrolliert das Wasser als den kostbarsten Rohstoff überhaupt. Als unberechenbarer Gegenspieler der Sonne bringt sie den erhofften Regen. Sie steht deshalb als Symbol für das beginnende Leben.

Auf engen Pfaden führt Willie Gordon durch den australischen Busch. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Auf engen Pfaden führt Willie Gordon durch den australischen Busch. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ein Leben, das sich nicht für Aborigines wie Willie Gordon in den letzten Jahrzehnten massiv gewandelt hat. Denn nach 50.000 Jahren stehen die australischen Ureinwohner einmal mehr vor einem schwierigen Neuanfang. Dazu gehört auf der einen Seite die Integration und auf der anderen Seite der Erhalt von Kultur und Tradition. Ein schwieriger Spagat, zu dem die Willie Gordons unter den Ureinwohnern das Ihre beitragen wollen.

„Einige meiner Stammesbrüder sind vehement dagegen, dass wir den Weißen unsere heiligen Stätten zeigen“, macht Willie Gordon keinen Hehl daraus, dass die von ihm angebotenen Touren bei anderen Aborigines nicht uneingeschränkt auf Begeisterung stoßen. Gordon gehört zum Stamm der Nugal-warra. Deren heiliges Land liegt zwischen Cooktown und Hope Vale auf der Halbinsel Cape York in Queensland im äußersten Nordosten Australiens.

Und eben dieses heilige Land stellt Willie Gordon an sechs Tagen in der Woche Interessierten vor. Er führt sie zu den Geburtsstätten seines Stammes, zeigt ihnen ein paar Staubstraßen-Kilometer westlich von Cooktown Höhlenmalereien aus den Generationen seiner Vorfahren und verrät, wie man in der Wildnis überleben kann.

Nicht jedermanns Sache: die kleinen Maden, die Willie Gordon als Snack bereithält. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Nicht jedermanns Sache: die kleinen Maden, die Willie Gordon als Snack bereithält. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Nganthaan-un-bi bubu“ – „Unser Land ist Euer Land“, ruft Willie Gordon zur Begrüßung, als die kleine, achtköpfige Gruppe das heilige Land der Nugal-warra betritt.

Um zu den gut versteckt liegenden Höhlen der Ureinwohner zu gelangen, geht es auch durch enge Felsspalten. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Um zu den gut versteckt liegenden Höhlen der Ureinwohner zu gelangen, geht es auch durch enge Felsspalten. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Willie Gordon ist klein, ein bisschen untersetzt. Das gräulich melierte Haar und die grauen Stellen im Bart bilden einen starken Kontrast zu seiner tief braunen Hautfarbe. Er trägt Wanderschuhe, Shorts, ein blaues Polohemd, eine blaue Schirmmütze und eine Armbanduhr und sieht damit gar nicht aus, wie viele sich einen australischen Ureinwohner vorstellen.

Die australischen Ureinwohner sind nachweislich bereits seit 50.000 Jahren auf dem fünften Kontinent heimisch. Sie leben in einem weit verzweigten Netz aus Klans und Stämmen in exakt festgelegten Territorien. Mehr als 200 verschiedene Sprachen trennen die Aborigines. Traditionell lebten die Stämme als Nomaden innerhalb ihres Areals. Je nach Jagdsaison und Jahreszeit wechselten sie ihren Standort. Heute lebt das Gros der 460.000 Aborigines, die gerade einmal zweieinhalb Prozent der australischen Bevölkerung ausmachen, in festen Häusern und nimmt am Bildungssystem und gesellschaftlichen Leben teil.

Obwohl den Nachkommen der Ureinwohner theoretisch die gleichen Chancen eingeräumt werden wie den Weißen, sind heute gut 40 Prozent von ihnen ohne feste Arbeit. Viele flüchten sich noch immer in Alkohol, Drogen und Gewalt. Die Lebenserwartung der Aborigines ist auch im 21. Jahrhundert noch um 20 Jahre geringer, als die der weißen Australier. Die Kindersterblichkeit ist sogar doppelt so hoch.

Hier und da muss man sich schon ein wenig verbiegen, um in die Schutzhöhlen der Aborigines zu blicken. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Hier und da muss man sich schon ein wenig verbiegen, um in die Schutzhöhlen der Aborigines zu blicken. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Der lange, steinige Weg bis zur Anerkennung und Gleichberechtigung der Ureinwohner ist gepflastert von zahlreichen düsteren Kapiteln der australischen Geschichte. Bis Ende der 1960er Jahre rissen australische Behörden rücksichtslos Aborigine-Familien auseinander und steckten den Nachwuchs in Heime, die oft Tausende Kilometer vom Zuhause entfernt lagen. Erst 1967 erhielten die Aborigines die vollen Bürgerrechte zugesprochen. Bis dahin war es ihnen vielerorts untersagt, die Städte zu betreten.

„In Cooktown verlief in meiner Jugend die Grenze entlang der Boundary Street. Die durften wir nicht überschreiten“, so Willie Gordon mit Blick auf die schweren Tage seiner Kindheit zwischen zwei Kulturen und Weltanschauungen. Er selber drückte in Brisbane die Schulbank und arbeitete zwischenzeitlich für den staatlichen Gesundheitsdienst, bevor er sich entschloss, in seine Heimat zurückzukehren und sein Lebensunterhalt mit Führungen durch sein Stammland zu bestreiten.

Die Höhlenmalereien der Aborigines sind auch nach vielen Jahrhunderten noch zu bestaunen. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Die Höhlenmalereien der Aborigines sind auch nach vielen Jahrhunderten noch zu bestaunen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Zwei Generationen zurück kannten wir Aborigines keine Plastikflaschen, Teebeutel, Dosen oder Verpackungen“, erinnert sich Willie Gordon beim Gang durch das Gebiet der Nugal-warra an längst vergangene Zeiten, alles es alles andere als einfach war, mit simplen Mittel in der bisweilen harschen Natur zu überleben. Zudem brachte die voranschreitende Integration viele Probleme mit sich.

„Meine Vorfahren nahmen zwar dankbar die Erleichterungen des Lebens und speziell der Nahrungsbeschaffung an, schmissen aber den Unrat vielfach einfach in den Wald oder Busch“, ist Gordon überzeugt, mit seinen Stammesbrüdern erst am Anfang eines langen Entwicklungsprozesses zu stehen. Gleichwohl will er sicherstellen, dass vieles von dem, was seine Väter und Vorväter praktizierten und vorlebten, auch für künftige Generationen nicht verloren gehen. Dazu gehört auch das Wissen darüber, wie in der Wildnis überlebt werden kann.

Unterwegs nascht Willie Gordon immer mal wieder an der einen oder anderen Pflanze. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Unterwegs nascht Willie Gordon immer mal wieder an der einen oder anderen Pflanze. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Schon dreht sich Willie Gordon um und pflückt ein paar tiefgrüne Blätter des so genannten Soap Bush, des Seifenbuschs. Er zerquetscht das Laub in den Händen und zeigt, wie mit ein paar Tropfen Wasser ein Seifenschaum für die Körperhygiene hergestellt werden kann. Als kleine Stärkung dienen ihm ein paar Minuten später fette, weiße Maden, die sich im Stamm des Grass Trees, des Grassbaums, finden lassen. Höflich bietet Willie etwas von dem eiweißhaltigem Leckerbissen an. Doch bis auf einen Wagemutigen lehnen alle beim Anblick der zappelnden Larven dankend ab.

Als ein weiterer kleiner Snack zwischendurch müssen kurz darauf grüne Ameisen herhalten. Diese sind besonders reich an Vitamin C, schmecken nach Zitrone und werden gerne gegen Erkältung eingesetzt, fördern aber auch den Milchdurchschuss bei jungen Müttern, verrät Willie Gordon. Etwas gewöhnungsbedürftig ist der Griff in die Ameisenstraße auf dem Ast. Noch mehr Überwindung kostet das Zerquetschen der Insekten mit den bloßen Fingern, ganz zu schweigen von dem Moment, wenn der Ameisenklumpen in den Mund gesteckt wird. Umso überraschender ist dann das Geschmackserlebnis. Denn die Insekten erinnern geschmacklich tatsächlich an die Zitrusfrüchte. Mit dem Unterschied, dass sie komplett verschlungen werden.

Auch tierische Begegnungen sind im australischen Busch an der Tagesordnung. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Auch tierische Begegnungen sind im australischen Busch an der Tagesordnung. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Beim nun folgenden Stopp demonstriert Willie Gordon, wie mit einem Stück Hartholz und einem Stein Feuer gemacht werden kann. Trotz großem Ehrgeiz gelingt es keinem der acht Hobby-Buschjäger auch nur einen Funken zu erzeugen. Das nächste Pflanzenwunder, das Willie Gordon den verblüfften Naturkundlern in seinem Schlepptau vorstellt, sind ein paar Nüsse, aus denen sich mit wenigen Handgriffen eine Sonnencreme zaubern lässt. Dann fällt der Blick auf ein mächtiges, drei, vielleicht sogar vier Meter großes Spinnennetz, in dessen Mitte eine fette Goldene Seidenspinne thront.

„Früher haben die Aborigines die Spinnen getötet, die Netze eingerollt und daraus Fischfangnetze geflochten“, erläutert Willie Gordon mit Blick auf die extrem hohe Reißfestigkeit der Spinnweben, während er unvermutet stehen bleibt. Er greift nach einem Blatt an einem Busch und träufelt etwas Wasser aus seiner Trinkflasche darauf. Dann kniet er sich nieder und reicht einer kleinen Echse eine willkommene Erfrischung.

Auch Willie Gordon selber ist immer wieder fasziniert von den Höhlenmalereien seiner Vorfahren. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Auch Willie Gordon selber ist immer wieder fasziniert von den Höhlenmalereien seiner Vorfahren. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Wir sind immer noch Jäger und Sammler, doch heute machen wir das vom Auto aus“, lacht Gordon, der sich mit Führungen wie dieser bemüht, die Kluft zwischen Aborigines und Weißen ein wenig zu verkleinern und das Verständnis für die jeweils andere Kultur zu fördern. Und so ist der Besuch der heiligen Stätten mit dem Weißen im Schlepptau für ihn mehr kulturellen Zweck denn Einnahmequelle. Dies scheinen zumindest auch die Bewohner seiner Heimatstadt Cooktown so zu sehen, denn diese wählten ihn nicht von ungefähr im Jahre 2007 zum „Citizen of the Year“, zum Bürger des Jahres.

„Die Höhlenmalereien sind Teil unserer Geschichte und Kultur. Wenn wir diese nicht weitergeben, werden die Ideen dahinter für immer verschwinden“, erläutert Willie Gordon sein Eigenverständnis und seine Motivation. Gleichzeitig hofft er, dass weitere Stammesbrüder seinem Beispiel folgen, und so dafür sorgen, dass die Aborigines endlich ihren angestammten Platz in den australischen Geschichtsbüchern finden.

Informationen: Willie Gordon bietet von Cooktown aus Touren zu den Höhlenmalereien der Aborigines an. Mehr dazu unter www.guurrbitours.com.